Zwischen Solarboom und Windkraft-Stau
Vor 25 Jahren waren Solaranlagen auf Hausdächern noch etwas für Pioniere, Wärmepumpen längst nicht für jedes Gebäude geeignet und Öl- oder Gasheizungen der Normalfall. Heute präsentiert sich die Situation grundlegend anders. Für den Verein Energie AR/AI, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, zeigt sich der Wandel vor allem bei Technik, Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz. Photovoltaik ist zum Massenmarkt geworden, Wärmepumpen sind leiser und effizienter und können in deutlich mehr Gebäudetypen eingesetzt werden.
Auch wirtschaftlich haben sich die Verhältnisse verschoben. Über Betrieb und Lebensdauer gerechnet sind erneuerbare Systeme, insbesondere Wärmepumpen, heute in vielen Fällen finanziell günstiger als fossile Heizungen. Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung verändert. «Erneuerbare Heizungen sind heute akzeptiert, während fossile Heizungen an Akzeptanz verlieren», sagt Matthias Tischhauser, Präsident des Vereins Energie AR/AI. Dazu beigetragen hätten neben der Klimaerwärmung auch geopolitische Ereignisse und die Energiekrise.
«Erneuerbare Heizungen sind heute akzeptiert, während fossile an Akzeptanz verlieren.»
Stark beim Solarstrom
Bei der Photovoltaik müssen sich die beiden kleinen Kantone im schweizweiten Vergleich nicht verstecken. Appenzell Innerrhoden führt gemäss Angaben des Vereins die Rangliste der installierten Solarstromleistung pro Einwohner an, Appenzell Ausserrhoden liegt auf Rang vier. Ausserrhoden verfüge zudem über eines der fortschrittlichsten Energiegesetze der Schweiz. Es definiert sowohl Ziele für die lokale Produktion erneuerbarer Energien als auch Anforderungen beim Ersatz fossiler Heizungen.
Gleichzeitig bringt die Struktur des Appenzellerlands besondere Voraussetzungen mit sich. Der Gebäudebestand ist vergleichsweise alt und steht vielfach unter Denkmalschutz, was Wärmedämmmassnahmen aufwendiger macht. Der hohe Waldanteil hat hingegen die Entstehung zahlreicher Wärmeverbünde mit Holzfeuerungen begünstigt. Auch die häufig grossen Dächer ohne Gauben eignen sich gut für Photovoltaikanlagen. Die vielen Streusiedlungen erschweren wiederum die Energieversorgung aufgrund der langen Leitungen zu einzelnen Gebäuden.
Wie sich der Ausbau erneuerbarer Energien konkret fördern lässt, zeigte der Verein bereits 2021. Damals bot er Hausbesitzern ein Sorglos-Paket für Photovoltaikanlagen mit definierter Qualität und Fixpreis an. Im Rahmen der Aktion wurden 90 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 850 Kilowatt-Peak und einer Fläche von rund 5000 Quadratmetern installiert. Davon profitierten auch die beteiligten Solarteure. «Diese Firmen hatten durch die Aktion volle Auftragsbücher, ohne Akquisition und Werbung betreiben zu müssen», sagt Geschäftsstellenleiter Martin Müller.
Solarstrom in der Region halten
Aktuell beschäftigt den Verein unter anderem das vom Bundesamt für Energie geförderte «Energie-Regionen-Projekt 2026/27». Gemeinden, Netzbetreiber, Energieversorgungsunternehmen und Private werden dabei unterstützt, virtuelle Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch und lokale Elektrizitätsgemeinschaften zu verstehen und konkret umzusetzen. Ziel ist es, die neuen Möglichkeiten für den lokalen Kauf und Verkauf von Solarstrom zu nutzen. Mehr des produzierten Stroms soll in der Region bleiben und besser vermarktet werden können.
Gerade bei solchen neuen und teilweise komplexen Modellen sieht Müller eine wichtige Aufgabe des Vereins: «Eine unserer Stärken ist es, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären und vor Ort kompetent und neutral zu beraten.» Elektrizitätsgemeinschaften könnten zudem dazu beitragen, dass viele Solaranlagen auch bei sinkenden Einspeisevergütungen rentabel betrieben werden können. Davon profitiert wiederum das lokale Gewerbe.
Dass Energiewende nicht nur bedeutet, möglichst viele neue Anlagen zu installieren, zeigt ein Beispiel aus Gais. Beim dortigen Rechenzentrum der SAK wird an Fassaden und auf dem Dach Solarstrom für den Betrieb produziert. Gleichzeitig nutzt die benachbarte Berg-Käserei Gais die bei der Kühlung des Rechenzentrums entstehende Abwärme für ihre Käseproduktion. Das Rechenzentrum kann damit überschüssige Wärme verkaufen, statt sie ungenutzt an die Umgebung abzugeben, während die Käserei günstige fossilfreie Abwärme erhält. «Das ist für beide Betriebe eine Win-win-Lösung», sagt Tischhauser. Das Beispiel zeige zudem, wie bereits die Standortwahl eines Rechenzentrums dessen Umweltverträglichkeit beeinflussen könne, wenn sich in der Nachbarschaft geeignete Wärmeabnehmer befinden.
«Eine unserer Stärken ist es, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären.»
Windkraft braucht langen Atem
Während das Appenzellerland beim Solarstrom weit vorne liegt, besteht bei der Windkraft erheblicher Nachholbedarf. Aufgrund der hügeligen Landschaft schätzt der Verein das Potenzial als gross ein, dennoch gibt es bislang keine grossen Windkraftanlagen. Beide Kantone haben inzwischen mögliche Standorte in ihren Richtplänen festgesetzt.
Wie lang der Weg von der Planung bis zur Realisierung sein kann, zeigt das Projekt der Appenzeller Wind AG für zwei Anlagen in Oberegg. Es wurde bereits 2015 gestartet. Die Standeskommission Innerrhoden hat die Rekurse gegen den Nutzungsplan und den Umweltverträglichkeitsbericht abgewiesen, Beschwerden gegen diesen Entscheid sind derzeit beim Verwaltungsgericht hängig. Danach folgt noch das Baubewilligungsverfahren. «Windkraftprojekte brauchen viel Durchhaltewillen», sagt Müller. In Ausserrhoden wurden sechs Eignungsgebiete im Richtplan festgelegt, in denen Windkraftprojekte künftig schneller umgesetzt werden sollen.
Konflikte gibt es auch beim Solarstrom. Insbesondere Anlagen in Schutzgebieten oder auf denkmalgeschützten Gebäuden sorgen für Auseinandersetzungen. Einzelne Projekte werden laut Verein von Gemeinden bewilligt, vom Heimatschutz jedoch mit Einsprachen bekämpft. Ein Verwaltungsgerichtsentscheid, der für mehr Klarheit sorgen könnte, fehlt in beiden Kantonen bislang.
«Windkraftprojekte brauchen viel Durchhaltewillen.»
Bis zum 50-Jahr-Jubiläum des Vereins im Jahr 2051 bleibt damit einiges zu tun. Gebäudesanierungen, Photovoltaik, Wärmeverbünde, effiziente und emissionsarme Mobilität sowie der weitere Ausbau erneuerbarer Energien benötigen nach Einschätzung des Vereins mehr Tempo und Akzeptanz. Dabei will Energie AR/AI seine Rolle zwischen unterschiedlichen Akteuren beibehalten. «Unsere Zukunftsvision ist, dass der Verein die Brücke zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung bleibt», sagt Tischhauser. Informieren, beraten und vernetzen soll also auch künftig zum Kerngeschäft gehören. Die vergangenen 25 Jahre zeigen, wie stark sich Technologien und Einstellungen innerhalb einer Generation verändern können.
Der Verein Energie AR/AI wurde 2001 gegründet und setzt sich in Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden für einen rationellen Energieeinsatz sowie erneuerbare und regionale Energien ein. Er ist keine rein staatliche Organisation, sondern versteht sich als Kooperation zwischen den Kantonen, der Wirtschaft und Privaten. Zu seinen zentralen Aufgaben gehören Information und Beratung rund um Energieeffizienz und erneuerbare Energien, unter anderem bei Gebäudesanierungen und Neubauten. Die Geschäftsstelle befindet sich in Hundwil. Innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Gründung wuchs der Verein auf 450 Mitglieder an. Im Jahr 2022 erreichte die Energieberatung mit mehr als 800 Beratungen einen bisherigen Höchststand. 2026 feiert Energie AR/AI sein 25-jähriges Bestehen mit einer Veranstaltungsserie, bei der der Film «Appenzeller Energiegeschichten» im Velokino gezeigt wird. Die letzte Vorführung findet am 26. September 2026 anlässlich der Viehschau in Oberegg (AI) statt.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: zVg
