St.Gallen in Grünweiss
Schon am Nachmittag hatte sich die Innenstadt gefüllt. Wer nicht nach Bern gereist war, suchte sich in St.Gallen einen Platz vor Grossleinwänden, in Gastrolokalen, auf dem Marktplatz oder beim Bohl. Die Stadt hatte sich vorbereitet: Public Viewing im Waaghaus und im Freien auf Marktplatz/Bohl, Verkehrsmassnahmen, Sicherheitsdispositiv, Freinacht für die Innenbereiche der Lokale im Fall eines Siegs. Die Stadtpolizei rechnete mit einem hohen Personenaufkommen, und sie sollte recht behalten. Rund 20’000 Personen verfolgten das Spiel in der Innenstadt.
Als Tom Gaal in Bern nach acht Minuten das 1:0 erzielte, war der Jubel in St.Gallen zum ersten Mal nicht mehr nur Hoffnung, sondern Entladung. Menschen sprangen auf, Arme gingen in die Höhe, Bier schwappte über, Fremde lagen sich in den Armen. Es war einer dieser Momente, in denen ein Treffer über die Distanz von Bern nach St.Gallen schneller reist als jede Nachricht. Man musste nicht im Stadion sein, um zu spüren, dass dieser Final die Stadt bereits gepackt hatte. Dann kam die Rote Karte gegen Lukas Watkowiak.
Plötzlich wurde es angespannter. Die Stimmen wurden rauer, die Gesichter ernster, der Nachmittag schwerer. St.Gallen führte, aber St.Gallen musste leiden. Auf dem Marktplatz, in den Beizen, vor Bildschirmen und Handys wurde aus einer Feier für eine Weile wieder ein kollektives Nervenspiel. Genau darin lag die besondere Wucht dieses Tages: Der Titel wurde nicht einfach abgeholt, er wurde gemeinsam ausgehalten.
«Der Cupsieg machte St.Gallen zur Festzone und den FCSG zum gemeinsamen Nenner einer Region.»
Mit dem Penalty von Lukas Görtler zum 2:0 änderte sich die Stimmung ein zweites Mal. Der Captain traf, und in St.Gallen begann der Glaube, sich in Gewissheit zu verwandeln. Noch war nicht Schluss. Noch durfte niemand zu früh feiern. Aber die Stadt kippte innerlich bereits in den Modus, auf den sie seit Jahrzehnten gewartet hatte. Der Pokal war plötzlich nicht mehr abstrakt. Er war unterwegs.
Als Christian Witzig in der Nachspielzeit das 3:0 erzielte, brach alles auf. Kein vorsichtiges Hoffen mehr, kein Rechnen, kein Blick auf die Uhr, nur noch Jubel. Der FC St.Gallen 1879 war Cupsieger. Zum zweiten Mal nach 1969. Erstmals seit dem Meistertitel 2000 holte der Club wieder einen nationalen Titel. Für eine ganze Generation war es der erste grosse FCSG-Triumph, den sie bewusst miterlebte. Für andere war es die späte Fortsetzung einer Geschichte, die sie über Jahrzehnte mitgetragen hatten.
Nach dem Schlusspfiff wurde die Innenstadt endgültig zur Festzone. In der Stadt lagen sich Tausende in den Armen. Auf dem Marktplatz war kaum mehr ein Durchkommen. Strassen wurden gesperrt, Gartenbeizen waren bis auf den letzten Platz besetzt, Zugänge zum Marktplatz mussten aus Sicherheitsgründen zeitweise auch für Fussgänger geschlossen werden. Als die Mannschaft am späten Abend eintraf, befanden sich laut Polizeiangaben rund 40‘000 Personen an der Cupfeier in der Innenstadt. Wer vor Ort war, konnte allerdings leicht den Eindruck gewinnen, es seien noch deutlich mehr gewesen.
Kurz vor 22 Uhr kamen die Cuphelden auf dem Marktplatz an. Zehntausende hatten seit dem Nachmittag auf diesen Moment gewartet. Als die Spieler auf die Bühne traten, war die Stadt nicht mehr bloss Zuschauerin, sondern Teil der Inszenierung. Captain Lukas Görtler hob den Pokal in die Höhe, stimmte Fangesänge an, ehrte Mitspieler und Mitarbeiter und bedankte sich immer wieder für den Support. Für Stimmung sorgte auch Mihailo Stevanovic, der auf der Bühne ankündigte, an diesem Abend Vollgas zu geben.
Es war die Art von Feier, die sich nicht planen lässt, auch wenn sie organisatorisch vorbereitet sein muss. Kinder sassen auf Schultern, Erwachsene filmten mit zitternden Händen, Fans trugen nachgebaute Pokale durch die Menge, Schals wurden geschwenkt, Kehlen heiser gesungen. Wer durch die Stadt ging, sah nicht einfach eine Menschenmenge. Man sah Gesichter, die begriffen hatten, dass sie Teil eines seltenen Moments waren.
Die Bilder erzählten mehr als jede Statistik. Grünweisse Trikots auf dem Marktplatz. Fahnen über Köpfen. Menschen auf Mauern, Bänken und Fenstersimsen. Improvisierte Pokale. Erschöpfte Fans, die trotzdem weiter sangen. Beizen, aus denen Gesänge auf die Strasse drangen. Familien, die bis spät am Abend blieben. Junge Fans, für die dieser Titel der erste war. Ältere, die sich an 1969 erinnerten oder zumindest an jene Zeit, in der der Cupsieg noch Teil der Vereinsmythologie war. Dass die Feier weitgehend friedlich verlief, gehört ebenfalls zu diesem Abend. Die Stadtpolizei zog trotz des enormen Personenaufkommens eine positive Bilanz. Vereinzelt musste sie wegen kleinerer Auseinandersetzungen intervenieren und die Rettung bei medizinischen Zwischenfällen unterstützen. Die Rettung St.Gallen betreute rund 40 Personen, die Einsätze standen am Nachmittag vor allem im Zusammenhang mit der Hitze. Am Abend waren insbesondere übermässiger Alkoholkonsum oder kleinere Verletzungen ein Thema. Beim Fanmarsch und vor der Bühne wurden Feuerwerkskörper oder Pyros gezündet, dazu liefen weitere Abklärungen. Insgesamt aber blieb der historische Abend im Rahmen dessen, was man sich für ein Volksfest dieser Grösse wünschen durfte.
Bemerkenswert war auch, wie selbstverständlich sich die ganze Stadt in diesen Fussballabend verwandelte. Der Cupsieg war nicht nur Sache der Kurve, nicht nur Sache jener, die jedes Heimspiel besuchen. Er erreichte Wirte, Familien, Unternehmer, Mitarbeiter, Kinder, Senioren und jene, die mit dem FCSG vielleicht nicht jede Woche mitleiden, aber sehr genau wissen, was dieser Verein für St.Gallen bedeutet. Für einige Stunden war der Club ein gemeinsamer Nenner.
Der Stadtrat gratulierte dem FC St.Gallen 1879 nach dem Triumph herzlich und bezeichnete den Cupsieg als besonderen Moment für die Stadt St.Gallen, die Ostschweiz und alle, die mit Grünweiss mitfiebern. Genau das war auf den Strassen sichtbar. Dieser Titel war mehr als ein sportlicher Erfolg. Er war ein öffentliches Gefühl.
Die Feier zeigte auch, was der FCSG als Marke und Institution auslöst. Es gibt in der Ostschweiz wenige Namen, die so viele Menschen gleichzeitig bewegen können. Der Verein bringt Freude und Frust, Diskussionen und Treue, Kritik und Hingabe hervor. An diesem Abend aber überwog alles Verbindende. Der Pokal wurde zum Symbol einer Region, die sich wieder einmal selbst erkannte: laut, stolz, gelegentlich rau, aber tief verbunden. Als die Nacht fortschritt, blieb die Innenstadt wach. Die Freinacht tat, was sie tun sollte: Sie gab der Euphorie Raum. In den Lokalen wurde weiter gefeiert, auf den Strassen weiter gesungen, auf Handys weiter geteilt, was man erlebt hatte. Der Tag endete nicht mit dem Abpfiff, sondern erst irgendwann in den frühen Morgenstunden, als die ersten heiseren Stimmen verklangen und die Stadt langsam wieder zu sich kam.
«Grünweiss war an diesem Abend keine Vereinsfarbe – es war der Zustand einer ganzen Stadt.»
40’000 oder mehr Fans?
Wie viele Menschen feierten den Cupsieg des FC St.Gallen 1879 tatsächlich in der St.Galler Innenstadt? Die Frage ist weniger einfach zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint. Offiziell ist von rund 40‘000 Personen die Rede, die sich am Sonntagabend bei der Ankunft der Mannschaft an der Cupfeier in der Innenstadt befanden. Während des Public Viewings hatten gemäss Stadtpolizei bereits rund 20‘000 Personen das Spiel im Bereich Marktplatz/Bohl sowie in Gastrolokalen verfolgt. Wer selbst vor Ort war oder die Bilder des Abends sah, konnte allerdings leicht den Eindruck gewinnen, es seien deutlich mehr gewesen. Der Marktplatz war dicht gefüllt, die umliegenden Gassen waren voller Menschen, Zugänge mussten zeitweise gesperrt werden, und auch ausserhalb des unmittelbaren Feierbereichs standen Fans auf Strassen, Plätzen, in Beizen und vor Schaufenstern. Genau deshalb kursierten rasch auch höhere Schätzungen. Der Schreibende glaubt sich an eine Lautsprecherdurchsage erinnern zu können, die gar von 100‘000 Anwesenden sprach. Ob nun 40‘000 oder 100‘000, die Cupfeier sprengte den normalen Massstab der Stadt. Entscheidend ist weniger die exakte Zahl als die Tatsache, dass St.Gallen an diesem Abend sichtbar über sich hinauswuchs. Für ein paar Stunden wirkte die Innenstadt nicht wie eine Stadt mit Fussballclub, sondern wie eine ganze Region im grünweissen Ausnahmezustand.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Keystone
