«Holz entlastet den Bestand»
Rico Kaufmann, bei Sanierungen ist der Bestand oft der limitierende Faktor. In welchen Projektsituationen ist Holzbau für Sie die beste Lösung und wo stösst er in der Praxis an klare Grenzen?
Holz eignet sich bei Sanierungen besonders für Umbauten, Aufstockungen sowie An- und Ersatzbauten im Bestand. Das geringe Eigengewicht reduziert Zusatzlasten auf Fundamente und Decken, gleichzeitig erleichtern die guten Wärmedämmeigenschaften energetische Sanierungen. Eine klare Grenze besteht an dauerhaft feuchten Orten, etwa im Erdbereich. In allen anderen Bereichen sind kaum Einschränkungen gegeben.
Können Sie ein konkretes Sanierungsprojekt beschreiben, bei dem Holzbau entscheidend dazu beigetragen hat, ein Gebäude konstruktiv und energetisch aufzuwerten?
Bei einem Sanierungsprojekt in Weinfelden wurde der bestehende Dachstock zurückgebaut und in Elementbauweise ein Anbau sowie ein neuer Dachstock mit grosszügigen Gauben erstellt. Die vorgefertigten Holzbauelemente ermöglichten eine schnelle Montage und präzise Anschlüsse, wodurch die Eingriffe in den Bestand reduziert wurden. Leichte Bodenelemente senkten die Zusatzlasten und ermöglichten angepasste Raumhöhen. Die hinterlüftete Lärchenfassade verbessert die Energieeffizienz, Treppe, Küche und Türen aus Holz prägen den Innenraum.
Aufstockungen und Erweiterungen gehören zu den häufigsten Sanierungsaufgaben. Welche konkreten Vorteile bringt Holzbau hier gegenüber Beton oder Stahl, insbesondere in Bezug auf Statik, Bauzeit und Eingriffe in den Bestand?
Holz weist eine hohe Festigkeit bei geringem Gewicht auf und entlastet bestehende Fundamente und Untergeschosse. Zudem bietet Holz gute Erdbebeneigenschaften. Vorgefertigte Elemente reduzieren bei Aufstockungen die Zeit, in der ein Dach offensteht, auf wenige Stunden. In der Stadt St.Gallen konnte ein bestehendes Gebäude dank der Holzbauweise zu einem Mehrfamilienhaus mit fünf Geschossen aufgestockt werden. In Beton- oder Mauerwerksbauweise wären statisch nur drei Geschosse möglich gewesen.
Sanierungsprojekte stehen unter hohem Kosten- und Zeitdruck. Wie beeinflusst der Einsatz von vorgefertigten Holzelementen die Projektplanung, die Bauzeit und die Wirtschaftlichkeit?
Holzelemente werden heute mit hohem Vorfertigungsgrad hergestellt, Fenster und Installationen sind bereits integriert. Die Module werden auf der Baustelle montiert, wodurch die Arbeiten schnell, präzise und wirtschaftlich erfolgen. Voraussetzung ist eine sorgfältige Projektplanung mit einem digitalen 3D-Zwilling des Bauwerks.
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«Aufstockungen in Holz sind oft der Schlüssel zur Gesamtsanierung.»
Eigentümer stehen oft vor der Entscheidung: sanieren oder neu bauen. Welche Kriterien sind in Ihren Projekten ausschlaggebend und welche Rolle spielt Holzbau in dieser strategischen Entscheidung?
Bei Mehrfamilienhäusern finanziert eine Aufstockung in Holz oft die energetische Gesamtsanierung des Bestands. Bei Einfamilienhäusern hat sich der Ersatzbau als wirtschaftliche Variante erwiesen. Dabei wird das Gebäude bis Oberkante Kellerdecke zurückgebaut und in Holzbauweise neu aufgebaut. Entscheidende Kriterien sind häufig eine nicht mehr zeitgemässe Raumeinteilung, der Sanierungsbedarf von Installationen und fehlende Personenlifte.
Förderinstrumente und kantonale Vorgaben beeinflussen Sanierungsprojekte zunehmend. Wo erleben Sie in der Praxis die grössten Unterschiede zwischen den Kantonen und wie wirken sich diese Rahmenbedingungen konkret auf Holzbauprojekte aus?
Förderprogramme von Bund, Kantonen und Gemeinden beeinflussen Sanierungsentscheide positiv. Unterschiede zwischen den Kantonen bestehen vor allem bei Wärmeerzeugung und Energiespeicherung, während die Förderung der Gebäudehülle weitgehend harmonisiert ist. Holz erfüllt die Anforderungen der Förderinstrumente sehr gut und stärkt bei Verwendung von Schweizer Holz die regionale Wertschöpfung.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Rebekka Grossglauser, zVg
