«Demografie schlägt Konjunktur»
Vier von zehn Ostschweizer Bauunternehmen beurteilen ihre Geschäftslage als gut, knapp die Hälfte als befriedigend. Jan Riss, Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell, sagt: «Die Bautätigkeit wird weiter von der hohen Nachfrage nach Wohnraum und den tiefen Zinsen getragen.» Im Wohnbau bleibe das Umfeld günstig, das zeigten die Baubewilligungen. «Im Gewerbe- und Industriebau wirken die Investitionszurückhaltung und die verschärften Eigenmittelvorschriften weiterhin dämpfend.»
Aufträge, aber wenig Luft
«Insgesamt liegt die Reichweite der Aufträge im Bauhauptgewerbe deutlich über dem langjährigen Durchschnitt», so Riss, «vor allem gestützt durch den Tiefbau». Im Ausbaugewerbe rechnet Riss mittelfristig mit gewissen Vorzieheffekten und temporären Mehraufträgen aufgrund der Abschaffung des Eigenmietwerts. «Aktuell schlagen sie sich jedoch noch nicht in den Auftragsbüchern nieder.»
In den Betrieben zeigt sich ein differenziertes Bild. Lynn Burkhard, Co-Geschäftsführerin der Stutz AG Bauunternehmung, spricht von einer stabil guten Nachfrage im Wohnungsbau. «Beim Gewerbe- und Industriebau bleibt sie aber konstant tief aufgrund der globalen Unsicherheiten.» Tina Gautschi-Gasser, CEO der Gautschi-Gruppe, pflichtet bei: «Die Zurückhaltung industrieller Investitionen wirkt sich negativ auf die Auftragslage aus.»
Die Lage in der Baubranche werde mitunter zu positiv dargestellt, meint Gautschi-Gasser. «Man versucht, Stabilität zu signalisieren, auch wenn die Realität längst eine andere ist. Im Bauhauptgewerbe ist die Nachfrage seit zwei Jahren rückläufig.» Die jüngste leichte Erholung bleibe fragil. Ein Grund seien die schärferen Bankenregulierungen. «Viele Projekte scheitern an Finanzierungsvorgaben.» Gautschi-Gasser befürchtet, dass die Abschaffung des Eigenmietwerts wenig daran ändere. Burkhard erwartet dennoch eine erhöhte Nachfrage im privaten Umbausegment und bei Kundenarbeiten ab dem zweiten Quartal 2026.
«Die Abschaffung des Eigenmietwerts schlägt sich noch nicht in den Auftragsbüchern nieder.»
Wenig Marge
Zwar erwarten viele Unternehmen für 2026 gleichbleibende bis steigende Umsätze. «Aber die Margensituation bleibt angespannt», sagt Jan Riss. «Auftragslage und Umsatzentwicklung schlagen sich nur bedingt in höheren Gewinnen nieder.» Hier pflichten die beiden Bauunternehmerinnen bei. Tina Gautschi-Gasser betont den langanhaltenden Preiskampf bei sinkender Nachfrage. «Das schwächt die Substanz vieler Unternehmen.» Die Margensituation sei kritisch bis gar existenzbedrohend. «Um Auslastung und Liquidität zu sichern, werden Preise akzeptiert, die wirtschaftlich nicht tragfähig sind.»
Die steigenden Landpreise seien ebenfalls ein Problem, findet Burkhard. «Sie erschweren die Finanzierung, beanspruchen grosse Teile der Bauherrenbudgets und drücken auf die Margen des Baugewerbes.»
Die Verfügbarkeit von Materialien habe sich gemäss Lynn Burkhard normalisiert. Gautschi-Gasser ergänzt: «Die Entlastung bei den Materialpreisen wird vollständig durch steigende Lohnkosten, längere Bauzeiten und administrative Mehrbelastungen kompensiert.»
Sorgen bereiten die Bewilligungsverfahren. «Die Anforderungen steigen und die Verfahren werden länger», sagt Gautschi-Gasser. «Die Praxis hat sich in der Ostschweiz deutlich verlangsamt und verkompliziert», bestätigt Burkhard. Das grössere Problem ortet Gautschi-Gasser jedoch bei den Einsprachen, insbesondere beim Verbandsbeschwerderecht. «Verdichtetes Bauen ist so kaum umsetzbar.» Die Regulierung werde von vielen Betrieben als Hemmnis wahrgenommen, bestätigt Riss.
Pensionierungswelle in Sicht
Ein Thema, das in den vergangenen Jahren dominierte, scheint sich vorübergehend etwas zu entschärfen: der Arbeits- und Fachkräftemangel. Er bleibt gemäss IHK-Umfrage jedoch die grösste Herausforderung. Der Fachkräftemangel wird in den kommenden Jahren nicht verschwinden, sondern sich eher wieder akzentuieren. «Demografie schlägt Konjunktur», kommentiert Riss.
Burkhard erzählt, dass Stutz zurzeit vakante Stellen besetzen kann, Fachkräfte zu finden werde aber schwieriger. «In den letzten Jahren und in naher Zukunft erreichen viele gut ausgebildete Italiener und Portugiesen das Pensionsalter.» Die angespannte Ertragslage biete den Betrieben wenig finanziellen Spielraum für Löhne und Ausbildungen, was die Problematik zusätzlich verschärfe, sagt Tina Gautschi-Gasser.
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«Die Zurückhaltung industrieller Investitionen wirkt sich negativ auf die Auftragslage aus.»
Schwierigkeiten begegnen
Bei Stutz ortet man hier eine Gelegenheit, sich hervorzuheben: «Wir sind überzeugt, dass Qualität auf dem Bau gefragt sein wird», sagt Lynn Burkhard. Stutz setzt deshalb auf einen hohen Anteil eigener Mitarbeiter und will weiter stark in Bildung investieren. Dabei sei die Digitalisierung eine Chance, die Produktivität zu steigern. Die Gautschi-Gruppe setzt auf die Senkung unternehmerischer Risiken: «Verlässliche regionale Partner, sorgfältige Projektselektion, konsequente Steuerung von Kosten und Terminen sowie die Konzentration auf Kernkompetenzen spielen eine zentrale Rolle, um den aktuellen Entwicklungen zu begegnen», resümiert Gautschi-Gasser.
«Die Bauunternehmen erwarten für das kommende Jahr zwar gleichbleibende bis tendenziell steigende Aufträge und Umsätze», weiss Jan Riss. Doch die Margensituation bleibe angespannt.
Text: Pascal Tschamper
Bild: zVg
