«Die Bildungsinstitutionen hier sind Weltklasse»
Andreas Göldi, b2venture investiert international, ist aber in St.Gallen verankert. Was spricht aus Investorensicht konkret für diesen Standort?
Wir sind entstanden als Spin-Off aus der HSG sowie START Global, der unternehmerischen Studentenorganisation. Die Nähe zu diesen Institutionen ist weiterhin für uns sehr wichtig. Wir schätzen auch den Pragmatismus hier, gerade auch im Umgang mit den Behörden, die sehr proaktiv das Ökosystem unterstützen. Ausserdem ist St.Gallen logistisch günstig gelegen, weil wir häufig in Zürich und München zu tun haben.
St.Gallen wird selten als klassischer Venture-Hub wahrgenommen. Wo liegen aus Ihrer Sicht gerade darin die Chancen für Investoren?
Das St.Galler Ökosystem ist weniger überlaufen als andere Zentren, darum kann man hier auch noch in Ruhe Beziehungen aufbauen zu vielversprechenden Start-up-Teams. Die Bildungsinstitutionen hier sind Weltklasse, und darum entstehen oft vielversprechende Start-up-Ideen, die etwas ausserhalb des Mainstreams liegen.
b2venture investiert sehr früh in Start-ups. Welche Qualitäten müssen Gründer aus der Ostschweiz mitbringen, um für Sie interessant zu sein?
Die gleichen wie Gründer überall: einen hohen Ambitionslevel, eine klare Produktidee, präzise Überlegungen zur Differenzierung am Markt und idealerweise schon ein funktionierendes Produkt und erste zahlende Kunden. Wir unterscheiden Anforderungen nicht nach Region. Aber das heisst auch, dass man sich trotz geographischer Nähe an internationalen Standards orientieren muss.
Sie sehen Start-ups aus ganz Europa und den USA. Wo unterscheiden sich Ostschweizer Gründermentalität und Ambition im Vergleich?
Es liegt wahrscheinlich nicht so ganz in der typischen Ostschweizer Mentalität, sehr ehrgeizig zu sein und gross zu denken. Gelegentlich sind Ostschweizer Start-ups deutlich zu bescheiden. Wir hören manchmal, dass man erst einmal in der Ostschweiz anfangen und dann langsam in die ganze Schweiz expandieren will. Das ist natürlich zu langsam. Gerade als Start-up in einem kleinen Markt wie der Schweiz muss man von Anfang an international denken. Aber das wird zunehmend besser.
Kapital ist global mobil. Welche Rolle spielt der Standort St.Gallen heute noch bei Investitionsentscheiden?
Uns ist es eigentlich gleichgültig, woher ein Start-up kommt. Wir investieren in ganz Europa. Aber es gibt natürlich Unterschiede in der Qualität verschiedener Ökosysteme, und hier entwickelt sich die Ostschweiz seit Jahren sehr positiv.
Was wird in der öffentlichen Diskussion über das Start-up-Ökosystem St.Gallen unterschätzt oder falsch eingeschätzt?
Europa bringt exzellente technologische Innovation hervor, aber die Kommerzialisierung ist oft ein Problem. Hier hat St.Gallen einen hohen Kompetenzlevel zu bieten dank HSG und OST, aber auch der regionalen Industrie. Dieser Vorteil wird auch zunehmend international bemerkt. Der neue HSG START Accelerator als Programm mit Kommerzialisierungsfokus zieht bereits hunderte von Bewerbungen an, weil das eine wirklich grosse Marktlücke ist.
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Welche Branchen oder Technologien sehen Sie aktuell mit besonderem Potenzial aus der Region Ostschweiz?
Wir sehen derzeit viel Potenzial in Robotik und verwandten Bereichen. Die Ostschweiz hat eine lange Tradition in Präzisionsfertigung. Der Robotik-Sektor wird derzeit durch künstliche Intelligenz massiv beschleunigt, und diese Kombination ist sehr vielversprechend. Ausserdem hat die Region in Medizintechnologie und generell Informatik viel zu bieten.
Viele Start-ups klagen über mangelnden Mut zur Skalierung. Teilen Sie diese Beobachtung und wenn ja, woran liegt das?
Ja, daran krankt Europa ganz generell, und nicht zuletzt die Schweiz auch. Wir produzieren viele Start-ups, aber die meisten bleiben relativ klein. Skalierung braucht viel Risikofreude, und die ist hier kulturell noch nicht genug präsent. Ausser-dem benötigen schnell wachsende Start-ups auch Unterstützung. Die wird zunehmend geboten durch Programme wie den HSG START Accelerator oder auch das neue Programm «Project Switzerland». Auch auf der Finanzierungsseite brauchen wir mehr Kapazität für grössere Finanzierungsrunden. Hier hoffen wir, dass Pensionskassen und andere institutionelle Investoren aktiver werden, damit unsere besten Start-ups nicht nach Deutschland oder Amerika gehen müssen für Finanzierung.
Wenn Sie einem internationalen Investor St.Gallen erklären müssten: Was wäre Ihr stärkstes Argument für den Standort?
Hohe Talentdichte im technischen wie im kommerziellen Bereich, kurze Wege, viel Pragmatismus sowie eine günstige Lage zwischen wichtigen Wirtschaftszentren.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
