«Die HSG war für uns ein Katalysator»
Henry Müller, was war der konkrete Auslöser, die Forschung nicht im Labor zu belassen, sondern fortyfour zu gründen?
Ich fand es schon immer erstrebenswert, mit Technologie einen messbaren Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten. In meiner Dissertation an der Universität St.Gallen habe ich untersucht, warum nachhaltige Start-ups scheitern und welche strukturellen Hebel ihren Erfolg erhöhen. Parallel wurde deutlich, dass industrielles CO₂ knapper und teurer wird. Als ich die technologischen Grundlagen meines Mitgründers sah, traf unternehmerische Logik auf technisches Potenzial. Diese Kombination war der Gründungsmoment.
Was unterscheidet Ihren Ansatz von bestehenden Direct-Air-Capture-Lösungen?
Die meisten Systeme sind auf geologische Speicherung ausgelegt, gross und kapitalintensiv. Wir entwickeln kompakte, vollelektrische Anlagen für die direkte industrielle Nutzung. Kern sind flüssige Lösungsmittel mit deutlich höherer Aufnahmekapazität als feste Filter. Das erlaubt kleinere Systeme, tiefere Prozesstemperaturen unter 80 Grad und damit geringere Investitions- und Betriebskosten. Entscheidend ist die Wirtschaftlichkeit für industrielle Anwender.
Ist CO₂ aus der Luft heute schon konkurrenzfähig?
Unter bestimmten Bedingungen ja, etwa mit eigener PV-Anlage oder nutzbarer Abwärme. Unser Zielpreis bewegt sich im Bereich heutiger Marktpreise für fossiles CO₂ im Gewächshausbereich. Gleichzeitig steigen Preise und regulatorischer Druck weiter. Hinzu kommt Versorgungssicherheit: keine Transporte, keine Abhängigkeit von fossilen Lieferketten. Für langfristig planende Betriebe wird das zunehmend attraktiv.
Wo stehen Sie operativ?
Ab Sommer testen wir unsere Pilotanlage unter realen Gewächshausbedingungen. Eine erste kommerzielle Maschine ist für nächstes Jahr geplant.
Welche Rolle spielt St.Gallen als Standort konkret für fortyfour?
Eine zentrale. Die HSG war inhaltlich und strukturell ein Katalysator – vom Forschungsumfeld über Investorenkontakte bis zu Förderprogrammen. Zudem sind wir am Switzerland Innovation Park Ost angesiedelt und profitieren dort von pragmatischer Unterstützung. Dieses Zusammenspiel aus akademischem Umfeld, Infrastruktur und regionaler Förderung war für den Aufbau unseres Unternehmens entscheidend.
Ausbaufähig ist die technische Infrastruktur für Deeptech-Start-ups, insbesondere Laborflächen und technisches Fachpersonal. Die Basis ist jedoch gelegt. Für uns war St.Gallen ein tragfähiger Standort für eine technologiegetriebene Gründung.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
