«Strategie, Umsetzung und Messung klaffen auseinander»
84 Prozent der befragten Unternehmen geben an, generative KI einzusetzen. Das klingt nach einem sehr hohen Wert. Ist KI bereits fest in Prozesse integriert – oder bewegen sich viele Firmen noch im Experimentiermodus?
Caroline Obolensky: Ob KI bereits nachhaltig in Prozesse integriert ist, haben wir in dieser Erhebung nicht direkt abgefragt, daher können wir das nicht belastbar beantworten. Was wir sagen können: Nur 20 Prozent geben an, sie bereits «in grösserem Umfang» einzusetzen. Das spricht eher für eine breitere Nutzung. In den kommenden Erhebungen können wir beobachten, ob dieser Anteil steigen wird und ob das tatsächlich für nachhaltige Integration steht.
Digitalisierung hat laut Studie hohe Priorität, gleichzeitig bremsen konkrete Hürden. Wo liegen diese am deutlichsten?
In den offenen Antworten haben wir gesehen: Es fehlt an Zeit und personellen Kapazitäten. Viele nennen Kosten und finanzielle Hürden. Komplexe, historisch gewachsene Prozesse und der hohe Transformationsaufwand bremsen ebenfalls. Hinzu kommen regulatorische Unsicherheiten und aufwändige Behördenprozesse. Technisch zeigt sich das auch darin, dass 23 Prozent sich bei der Verarbeitung und Analyse grosser Datenmengen schlecht oder gar nicht aufgestellt sehen.
Nur 39 Prozent verfügen über eine formelle KI-Strategie, noch weniger über eine Digitalisierungsstrategie. Woran liegt diese Lücke zwischen Nutzung und strategischer Verankerung?
Zu den Ursachen fehlender Strategien haben wir keine direkten Daten erhoben. Deutlich wird jedoch: Strategie ist nicht nur bei KI ein Thema, sondern auch bei der digitalen Transformation insgesamt. Zudem zeigt das Barometer, dass Strategie, Umsetzung und Messung auseinanderklaffen. Nur 7 Prozent überprüfen den Fortschritt systematisch mit klaren KPIs und Berichten.
Auch beim Kompetenzaufbau zeigen sich Defizite. Was bedeutet das für Unternehmen konkret?
44 Prozent bieten Weiterbildungen zu KI und digitalen Themen an, 19 Prozent schulen zu KI-Ethik. Ein pragmatischer erster Schritt ist der gezielte Aufbau von Datenkompetenz. Datenqualität ist die Grundlage jeder KI-Anwendung. Ohne saubere Daten sind Entscheidungen weniger belastbar, und ohne Verständnis von Daten und kausalen Zusammenhängen lassen sich Risiken sowie ethische Fragen im Alltag kaum verlässlich einordnen.
Gab es Ergebnisse, die Sie besonders überrascht haben?
Überrascht hat mich, dass eine KI-Strategie häufiger genannt wird als eine Digitalisierungsstrategie: 39 Prozent geben eine KI-Strategie an, 33 Prozent eine Digitalisierungsstrategie. Unerwartet war auch die Bandbreite der genutzten KI-Lösungen: 88 Prozent verwenden proprietäre Modelle, 28 Prozent Open-Source-Modelle und 23 Prozent Eigenkreationen. Positiv überrascht hat mich zudem, wie deutlich die Ostschweizer Stichprobe im Vergleich zu den NEGOV-Referenzwerten vom Vorjahr vorn liegt, etwa bei der Nutzung der digitalen Signatur.
Die Führung bewertet ihre eigene digitale Kompetenz höher als jene der Mitarbeiter. Wie ist das einzuordnen?
82 Prozent der Befragten stammen aus der Geschäftsleitung, 10 Prozent aus der Abteilungsleitung. Die Werte basieren auf Selbsteinschätzung versus Fremdeinschätzung. Es handelt sich um subjektive Einschätzungen, nicht um objektive Tests. Festhalten lässt sich: Die Befragten bewerten die eigene digitale Kompetenz im Mittel höher als jene ihrer Mitarbeiter.
«Nur 7 Prozent überprüfen den digitalen Fortschritt systematisch mit klaren KPIs.»
Zeigen sich Unterschiede zwischen Industrie und Dienstleistung?
In der Tertiärbranche haben signifikant mehr Unternehmen eine KI-Strategie als in der Sekundärbranche, und sie setzen KI-Technologien signifikant häufiger in grösserem Umfang ein. Für die regionale Entwicklung heisst das: Die Sekundärbranche kann bei Strategiebildung und Skalierung von Anwendungen von den Erfahrungen der Tertiärbranche lernen.
Die Stichprobe ist digital affin und nicht repräsentativ. Wie vorsichtig muss man die Resultate interpretieren?
Der Report ordnet die Stichprobe ausdrücklich als nicht repräsentativ ein und beschreibt eine digital affine Teilgruppe. Für den restlichen Mittelstand liegen keine eigenen Daten vor. Nationale Vergleichserhebungen weisen tiefere KI-Nutzungswerte aus, sind jedoch wegen unterschiedlicher Erhebungszeitpunkte und Stichproben nicht direkt übertragbar.
Parallel zur Studie wurde der I+D Campus in Kreuzlingen eröffnet. Das Barometer identifiziert Kompetenz- und Ressourcenlücken. Wie soll der Campus hier konkret ansetzen?
Der I+D Campus möchte für KMU ein praxisnaher Sparringspartner sein, ein funktionierendes Innovationsnetzwerk aufbauen und über das TIDIT direkten Zugang zu Forschung sowie zu deutschen Hochschulen ermöglichen. Das Barometer zeigt, wo Lücken bestehen, darauf können Formate gezielt aufbauen: fokussierte Weiterbildungen für digitale und datenbasierte Kompetenzen, Hands-on-Workshops zur Anwendung von Daten- und KI-Methoden sowie Unterstützung für Mitarbeiter, die digitale Initiativen im Unternehmen treiben.
Auch interessant
«Entscheidend ist, dass Unternehmen nicht nur planen, sondern im Alltag umsetzen.»
Viele Unternehmen formulieren Strategien, haben aber Mühe mit der Umsetzung. Welche Rolle kann der Campus dabei spielen?
Entscheidend ist, dass Angebote Unternehmen nicht nur beim Planen unterstützen, sondern beim konkreten Umsetzen im Alltag. Die passenden Formate werden derzeit entwickelt und schrittweise ausgerollt.
Wie bleibt Forschung am Campus praxisnah?
Das TIDIT führt Gespräche mit Thurgauer Verbänden und Unternehmen, um konkrete Kooperationsprojekte anzustossen. Die enge Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden und dem Campus-Netzwerk hilft, Forschungsfragen am Bedarf der Unternehmen auszurichten. KMU können ihre Anliegen direkt einbringen, neue Austauschformate sollen Lösungen gemeinsam weiterentwickeln.
Woran wird sich der Erfolg des Campus messen lassen?
Erfolg zeigt sich daran, ob in der Region sichtbare Innovation entsteht, Unternehmen durch die Zusammenarbeit mit dem I+D Campus und seinen Partnern spürbar vorankommen und Coworking-Flächen von einer lebendigen Community getragen werden. Ebenso wichtig ist, ob der Campus als Innovations-Hub wahrgenommen wird und sich Schritt für Schritt selbst tragen kann. Eine erste Zwischenevaluation ist für Mitte 2027 vorgesehen.
Dr. Caroline Obolensky ist CEO des Thurgauer Instituts für Digitale Transformation (TIDIT) in Kreuzlingen und Studienleiterin des Ostschweizer Digitalisierungs- und KI-Barometers. Das TIDIT begleitet Forschungsprojekte der angewandten Grundlagen-Informatikforschung als digitale Transformationsprozesse in Unternehmen und ist Herausgeberin der Studie. Das Institut ist als An-Institut der Universität Konstanz und der HTWG Konstanz in der Region vernetzt und am I+D Campus in Kreuzlingen angesiedelt.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Rebekka Grossglauser
