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Qualitative Kriterien auf dem Vormarsch

Qualitative Kriterien auf dem Vormarsch
Erol Doguoglu, Pascal Wassmann, Thomas Zihlmann, Kurt Knöpfel
Lesezeit: 3 Minuten

Öffentliche Infrastrukturprojekte stabilisieren die Bauwirtschaft – gerade in konjunkturell unsicheren Zeiten. Dafür ist die Praxis bei Ausschreibungen und eine transparente Vergabe entscheidend. Ein Blick in die Ostschweizer Kantone zeigt, was Auftragnehmer wissen sollten.

Wie handhaben die Ostschweizer Kantone Ausschreibungen? Was ist wichtig bei der Vergabe? Die kantonalen Hochbauämter arbeiten mit festgelegten Zuschlagskriterien. Wie entwickelten sie sich in den letzten Jahren?

Qualitative Kriterien gewinnen an Bedeutung

Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister St.Gallen, sagt: «Das Hochbauamt des Kantons St.Gallen hat schon immer auch andere Kriterien neben dem Preis in die Bewertung von Offerten miteinbezogen.» Entsprechend habe sich die Praxis mit der Revision des Beschaffungsrechts nicht grundlegend verändert.

Pascal Wassmann ist interimistischer Co-Leiter des Hochbauamts Thurgau und erklärt, dass seit Anfang 2025 sämtliche Ausschreibungen konsequent nach einer internen Richtlinie vorgenommen würden. «Die Auswertung der Angebote erfolgt automatisch über ein neu entwickeltes Beurteilungsprogramm.» Erste Erfahrungen mit der Einführung von Nachhaltigkeitskriterien würden derzeit gesammelt.

Qualitative Kriterien werden wichtiger. Thomas Zihlmann, Leiter Amt für Hochbau und Energie Appenzell Innerrhoden, hält fest: «Unsere Vergabepraxis hat sich spürbar weiterentwickelt.» Der Preis bleibe wichtig, aber qualitative Aspekte hätten an Bedeutung gewonnen. «Die Organisation der Arbeiten oder die Terminplanung nimmt bei anspruchsvollen Projekten viel mehr Raum ein.»

Auch Kurt Knöpfel, Kantonsbaumeister in Appenzell Ausserrhoden, verweist darauf, dass sich die Vergabepraxis generell weg von einer reinen Preisorientierung hin zu einer ausgewogenen Bewertung entwickelt. «Qualität, Referenzen, Serviceleistungen, Wirtschaftlichkeit und Preis werden heute hoch gewichtet. Termine, Leistungsfähigkeit, Umweltverträglichkeit und Ausbildungsaspekte ergänzen die Beurteilung.» 

Nachhaltigkeit und CO₂-Reduktion werden unterschiedlich beurteilt. «Sie spielen noch eine untergeordnete Rolle», sagt Wassmann für den Thurgau, da diese Kriterien oft wenig griffig und in der Umsetzung schwer zu kontrollieren seien. Aus Appenzell Innerhoden heisst es, Nachhaltigkeit werde wichtiger, wobei man auf pragmatische und realistisch umsetzbare Anforderungen setze. In Appenzell Ausserrhoden spiele Nachhaltigkeit eine grosse Rolle. «Sie ist fester Bestandteil der Angebotsbewertung und wird zunehmend vorausgesetzt», so Knöpfel. Ähnlich formuliert es Doguoglu für St.Gallen.

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«Der Preis bleibt wichtig, aber qualitative Aspekte haben an Bedeutung gewonnen.»

Warum Offerten scheitern

Trotz klarer Kriterien scheitern Offerten, allerdings selten aufgrund der Bewertung selbst. Häufiger sind formale Mängel ausschlaggebend. Doguoglu sagt: «Falls Offerten ausgeschlossen werden, sind sie in der Regel entweder zu spät oder unvollständig eingereicht worden.» Im Thurgau nennt Wassmann einen anderen wiederkehrenden Grund: «Der häufigste Ausschlussgrund ist das fehlende Zertifikat für die Aufnahme in die ständige Liste.»

Knöpfel stellt in Appenzell Ausserrhoden fest: «Am häufigsten scheitern Offerten an fehlenden oder unvollständigen Nachweisen.» Zudem werden qualitative Zuschlagskriterien teilweise unterschätzt oder formale Anforderungen nicht eingehalten. Auch Zihlmann weist darauf hin, dass bei Innerrhoder Ausschreibungen «viele Anbieter den qualitativen Kriterien noch immer zu wenig Bedeutung beimessen, besonders bei Projektorganisation, Terminplanung oder Nachhaltigkeitsmassnahmen.»

Bei der Frage nach gewünschten Kompetenzen der Baufirmen zeigen sich unterschiedliche Akzente. Doguoglu findet grundsätzlich: «Die Bauunternehmen und Handwerksbetriebe bewegen sich in der Schweiz auf einem hervorragenden Niveau.» Zihlmann betont den kooperativen Ansatz: «Wir schätzen die frühe Einbindung der Bauherrschaft und transparente Abstimmung zwischen den Gewerken.» Knöpfel wünscht sich allerdings «mehr Innovationskraft und eine konsequente Qualitätsorientierung in Planung und Ausführung.»

Der Campus Platztor für die Universität St.Gallen befindet sich derzeit im Vorprojekt.
Der Campus Platztor für die Universität St.Gallen befindet sich derzeit im Vorprojekt.

Kommende Herausforderungen

Wo orten die Kantonsbaumeister die künftigen Herausforderungen bei öffentlichen Bauprojekten? Zihlmann nennt den Fachkräftemangel: «Er erschwert die Planung und Umsetzung von Projekten.» Hinzu kämen steigende Baukosten und volatile Materialpreise, die die Budgetierung anspruchsvoller machten. Mit Blick auf die Ausschreibungen sagt Wassmann: «In den letzten Jahren stellen wir einen erhöhten Kampf um Aufträge und Marktanteile fest. Er führt zu vermehrten Beschwerdeverfahren und wirkt sich auf die Planungs- und Bautermine aus.»

Ein Thema in den Hochbauämtern ist die Digitalisierung der Vergabeprozesse. Doguoglu sagt offen: «Wir sind bei der Digitalisierung der Vergabeprozesse noch nicht so weit, wie wir uns wünschten.» Derzeit werde eine Lösung evaluiert, die eine medienbruchfreie Beschaffung mit Anbindung an die nationale Beschaffungsplattform simap.ch ermögliche. Auch in Appenzell Ausserrhoden sei die digitale Vorbereitung noch ausbaufähig, so Knöpfel.

Zihlmann sagt für Appenzell Innerrhoden: «Die Verwaltung baut ihre digitalen Prozesse kontinuierlich aus. Grössere Bauunternehmen sind darauf gut vorbereitet, kleinere noch im Aufbau.» Gemäss Wassmann wird im Thurgau die digitale Eingabe über Simap momentan getestet.

Text: Pascal Tschamper

Bild: zVg

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