LEADER-Special

Wohnen, Arbeiten, Leben: Immobilien als Standortfaktor

Wohnen, Arbeiten, Leben: Immobilien als Standortfaktor
Daniel Müller, Marcel Räpple, Samuel Zuberbühler
Lesezeit: 4 Minuten

Wie wir wohnen und arbeiten, verändert sich. Neue Wohnformen, hybride Arbeitsmodelle und der Wandel bei Gewerbeflächen beeinflussen auch zunehmend, wo Unternehmen investieren und ihre Fachkräfte leben wollen. Rücken damit auch Wohnimmobilien stärker ins Zentrum der Standortpolitik? Klar ist: Die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien hält an, aber die Anforderungen ändern sich. Problematisch bleibt der Mangel an baureifen Flächen.

Der Immobilienmarkt wird zunehmend zum Spiegel gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen. Steigende Mobilität, demografischer Wandel, neue Arbeitsmodelle und der Fachkräftemangel verändern die Ansprüche an Wohn- und Arbeitsorte. Gewinnt damit für Standortförderungen die Frage an Bedeutung, wie gut ein Standort nicht nur Unternehmen, sondern auch deren Mitarbeitenden passende Rahmenbedingungen bietet?

Der Wohn- und Lebensraum wird als wichtiger Rahmenfaktor für die regionale Wirtschaft wahrgenommen.

Steigendes Interesse in der Stadt

Neue Wohnformen wie Generationenwohnen, Co-Living oder Clusterwohnungen gelten als Antwort auf knappen Wohnraum, veränderte Lebensentwürfe und den Wunsch nach mehr Gemeinschaft. Auch wenn solche Wohnmodelle in der Standortförderung nicht überall zum Kernthema gehören, werden sie insbesondere im urbanen Raum als relevanter Attraktivitätsfaktor wahrgenommen.

In der Stadt St.Gallen beobachtet Standortförderer Samuel Zuberbühler, dass diese Wohnformen «an Bedeutung gewinnen» und einen Beitrag zur sozialen Durchmischung, zur effizienteren Nutzung des knappen Wohnraums und zur Urbanität leisten. Gefragt seien innovative Konzepte bei jungen Menschen und älteren Zielgruppen. Deshalb wolle die Stadt mit ihrer Wohnraumstrategie gezielt Angebote für unterschiedliche Bedürfnisse schaffen.

Ein leicht wachsendes Interesse stellt Zuberbühler auch auf der Nachfrageseite fest. Besonders jüngere Erwerbstätige, Studenten, internationale Zuziehende sowie ältere Menschen, die bewusst kleinere und gemeinschaftlichere Wohnformen suchten, zeigten sich offen für neue Konzepte. Gleichzeitig nähmen auch Investoren und Projektentwickler diese Entwicklungen vermehrt auf, insbesondere dort, wo neue Wohnformen mit Areal- oder Quartierentwicklungen kombiniert werden können. Für Unternehmen sei das Thema relevant, da ein vielfältiges Wohnungsangebot helfe, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Die Standortförderungen der Kantone Thurgau und St.Gallen fokussieren weiterhin auf Arbeits- und Unternehmensstandorte und weniger auf den Wohnungsmarkt. Der Wohn- und Lebensraum wird aber als wichtiger Rahmenfaktor für die regionale Wirtschaft wahrgenommen, insbesondere mit Blick auf die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die langfristige Standortattraktivität.

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«Homeoffice ist vor allem bei grossen Dienstleistungsunternehmen verbreitet.»

Ungebrochene Nachfrage – neue Anforderungen

Konkreter werden alle Standortförderungen beim Wandel der Gewerbeimmobilien. Hier berichten die beiden Kantone St.Gallen und Thurgau sowie die Stadt St.Gallen von anhaltender Nachfrage, jedoch mit veränderten Anforderungen.

Im Thurgau stellt der Leiter der Wirtschaftsförderung, Marcel Räpple, fest, dass zwar keine «dramatischen Veränderungen» sichtbar seien, der steigende Kosten- und Margendruck jedoch höhere Ansprüche an Flexibilität und Kombinierbarkeit der Nutzungen mit sich bringe. Unternehmen suchten vermehrt Immobilien, die optimierte Produktions- und Betriebsabläufe ermöglichten. «Sie konzentrieren sich stärker auf gut erschlossene Lagen. Ein zentrales Problem bleibt die Verfügbarkeit von Arbeitsflächen», so Räpple. Nur rund 20 bis 25 Prozent der unbebauten Arbeitszonen könnten innert drei bis fünf Jahren tatsächlich genutzt werden. Die Folge sei eine Angebotsverknappung, die insbesondere KMU in ihrer Entwicklung einschränke.

Der Kanton St.Gallen berichtet von ungebrochener Nachfrage nach Gewerbe- und Industrieflächen, insbesondere aus Hightech-, Medtech- und Logistikbranchen. «Gleichzeitig nimmt die Nachfrage nach reinen Büroflächen seit Jahren deutlich ab», sagt Daniel Müller, Leiter Standortförderung. Homeoffice sei vor allem bei grossen Dienstleistungsunternehmen verbreitet, während in Industrie und Gewerbe Präsenzarbeit wieder dominiere. «Ein zentrales Hemmnis bleibt die Knappheit an baureifen Flächen sowie steigende Preise und zunehmende rechtliche Anforderungen, die Planungs- und Bewilligungsprozesse verlängern.»

In der Stadt St.Gallen spricht Zuberbühler von einer klaren Ausdifferenzierung der Nachfrage. Gefragt seien flexible, teilbare Flächen mit hoher Qualität, guter Erreichbarkeit und urbanem Umfeld. Bei Büroflächen stehe weniger die reine Fläche im Vordergrund, sondern das Gesamtpaket: «Wenn ein physisches Büro, dann mittendrin», fasst er zusammen. Das Büro werde zunehmend als Ort des Austauschs, der Identifikation und der Innovation verstanden. Der Trend habe sich durch Homeoffice und hybride Arbeitsmodelle verstärkt.

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Beim Einfluss auf Ansiedlungsentscheide gehen die Einschätzungen etwas auseinander. Der Kanton St.Gallen misst dem Wohnungsangebot nur eine begrenzte Bedeutung bei und beschreibt die Ostschweiz insgesamt als vergleichsweise gut versorgt. Räpple ergänzt für den Thurgau: «Die Thematik hat punktuelle Relevanz, etwa bei internationalen Relocation-Projekten.»

In der Stadt St.Gallen erfährt das Wohnungsangebot einen klaren Bedeutungsgewinn. Zuberbühler betont, dass Unternehmen heute nicht mehr nur Steuern und Erreichbarkeit betrachteten, sondern verstärkt die Lebensqualität für ihre Mitarbeitenden. Ein vielfältiges und bezahlbares Wohnungsangebot sei damit zu einem zentralen Standortfaktor geworden. Entsprechend arbeiteten Standortförderung, Stadtplanung und Liegenschaften bei der Stadt St.Gallen eng zusammen, um Wohnen und Wirtschaftsentwicklung gemeinsam weiterzudenken.

Text: Pascal Tschamper

Bild: zVg

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