Festspielatmosphäre im Museumsquartier
Susanne Vincenz-Stauffacher, die St.Galler Festspiele finden 2026 ohne Hauptproduktion im Klosterhof statt. Verlust oder Chance?
Eine Chance, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Wir können zeigen, wie resilient das System «Theater» ist. Unabhängig von den äusseren Bedingungen werden wir auch 2026 eine hochkarätige Festspiel-Ausgabe erleben. Davon bin ich überzeugt, weil ich volles Vertrauen in die Anpassungsfähigkeit unserer Teams habe. Zudem stärkt es das bauliche Ensemble aus Theater und Tonhalle, wenn wir dank der Oper im Grossen Haus die Festspielatmosphäre mitten ins Museumsquartier holen. Davon werden wir im besten Fall auch unter dem Jahr profitieren.
Was verändert sich durch den Wechsel ins Grosse Haus in der künstlerischen und dramaturgischen Ausrichtung?
Eine Freilicht-Inszenierung funktioniert anders als eine Indoor-Produktion; im Grossen Haus stehen uns bühnentechnisch alle Möglichkeiten eines modernen Theaterbetriebs offen. Ich bin sicher, dass das Regieteam diese in enger Zusammenarbeit mit unseren technischen Abteilungen nutzt, um ein einmaliges Bühnenerlebnis zu schaffen.
Mit Verdis Aida steht ein weltweit gespielter Klassiker im Zentrum. Was macht die Inszenierung in St.Gallen unverwechselbar?
Bei Aida dürfen wir unseren scheidenden Chefdirigenten Modestas Pitrenas nochmals am Pult einer Opernproduktion erleben – im Graben des Grossen Hauses, unmittelbar und direkt. Wir müssen dann nicht mehr darauf warten, bis er die Strecke von der Tonhalle auf den Klosterhof mit dem Elektrotrottinett zurückgelegt hat, um stellvertretend für das gesamte Orchester den Schlussapplaus entgegenzunehmen.
Die besondere Atmosphäre im Klosterhof gilt als Markenzeichen der Festspiele. Woran wird das Publikum im Grossen Haus merken, dass es sich trotzdem um Festspiele handelt?
Das Gesamtpaket macht es aus! Es ist einfach wunderbar, sich an einem Sommerabend mit Freunden zu treffen, gemeinsam etwas zu essen und zu trinken und danach eine Opernvorstellung auf Top-Niveau zu geniessen. Ich habe keine Zweifel, dass diese besondere Stimmung auch bei Aida und den weiteren Produktionen entsteht – nicht zuletzt dank Rahmenprogramm und Gastronomie rund um das Theater.
Welche künstlerischen und technischen Möglichkeiten eröffnet das Grosse Haus im Vergleich zur Open-Air-Bühne?
Der Klosterhof als Kulisse ist einmalig. Der Reiz der Outdoor-Inszenierungen liegt auch darin, dass sich die Szenerie ständig verändert: Anfangs zwitschern Vögel, dann geht langsam die Sonne unter. Diese Stimmung lässt sich nicht ins Theater übertragen. Dafür sind wir unabhängig vom Wetter, haben perfekte akustische Bedingungen und sind nahe an unseren Werkstätten. Zudem stehen uns sämtliche technischen Möglichkeiten offen.
Welche Rolle spielen die weiteren Spielorte 2026 für die Gesamtwirkung der Festspiele?
Die St.Galler Festspiele haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem dezentralen Ereignis entwickelt. Der Theatervorplatz etwa bietet uns die Möglichkeit zu zeigen, dass wir uns flexibel an neue Rahmenbedingungen anpassen können.
Die Festspiele wollen ein breites Publikum erreichen. Spüren Sie Veränderungen?
Die grosse Chance der Festspiele liegt darin, dass wir ein Publikum ansprechen, das mit unserem regulären Theater- und Konzertbetrieb noch wenig vertraut ist. Ich stelle fest, dass das Publikum sehr durchmischt ist. Mit Aida im Grossen Haus können wir zusätzlich Besucher erreichen und ihnen unser Theater näherbringen.
Kultur steht zunehmend im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität. Auch die Festspiele?
Die St.Galler Festspiele sind eine starke Marke mit grossem Renommee in der Schweiz und im Bodenseeraum. Ich sehe es eher umgekehrt: Dank den Festspielen erreichen wir ein breiteres Publikum und werden für Sponsoren und Förderer attraktiver. Das stärkt uns auch für kommende Spielzeiten.
Was unterscheidet die St.Galler Festspiele von anderen Festivals wie Bregenz oder Salzburg?
Wenn ich Kritiken lese und mit Besuchern spreche, zeigt sich: In Bezug auf die künstlerische Qualität brauchen sich unsere Festspiele nicht zu verstecken. Bregenz und Salzburg sind grösser, St.Gallen bietet dafür einen gewissen «Boutique»-Charakter. Alles ist überschaubarer, gleichzeitig aber vielseitig, da alle vier Sparten beteiligt sind. Entscheidend ist die enge Verbindung zum Theater mit seinen technischen Abteilungen und Ensembles; nicht nur in der Oper stehen eigene Solisten neben internationalen Gästen.
Welche Produktionen möchten Sie dem Publikum 2026 besonders ans Herz legen?
Die Schauspielsparte sorgt seit Jahren für volle Ränge und beste Unterhaltung. Ich bin überzeugt, dass auch Planet B ein Highlight wird. Besonders freue ich mich zudem auf die Tanzproduktion in der Kathedrale. Und das Festkonzert in der Kirche St.Laurenzen sollte man nicht verpassen; dort ist Modestas Pitrenas ein letztes Mal als Konzertdirigent zu erleben.
Woran merken Sie persönlich am Ende eines Abends, dass die Festspiele funktioniert haben?
Das Feedback kommt unmittelbar: Lacher, Szenenapplaus, Staunen. All das zeigt bereits während der Vorstellung, wie eine Produktion ankommt. Spätestens beim Schlussapplaus ist die Richtung klar. Und konkret wird es in den persönlichen Gesprächen danach. Ich freue mich sehr auf die Festspiele 2026!
Text: Stephan Ziegler
Bild: Rebekka Grossglauser
