Für Kinder und Jugendliche – und fürs ganze Leben
«Unser Ziel ist eine gute, kindergerechte Spitzenmedizin», sagt Sebastian Kerzel, Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin. Kindergerecht sei kein Zusatz, sondern die eigentliche Mission. Kinder und Jugendliche hätten altersspezifische Bedürfnisse, die erkannt und ernst genommen werden müssten. Erwachsene verstünden meist, weshalb eine Untersuchung oder ein Eingriff nötig sei. Kinder bräuchten mehr Zeit und Einfühlungsvermögen.
Deshalb werde im Kispi «die Sprache des Kindes» gesprochen. Komplexe Diagnosen würden in die Lebenswelt der Patienten übersetzt. «Wenn nötig, erklären wir einen Eingriff zuerst am Teddybären.» Für Kerzel heisst Spitzenmedizin, Familien Sicherheit und Orientierung zu geben. Auch Angst gehöre zur Behandlung dazu. Statt auf Zwang setze man möglichst auf Mitbestimmung. Ziel sei, dass Kinder die Klinik mit dem Gefühl verlassen, eine schwierige Situation aus eigener Kraft bewältigt zu haben.
Spezialisierung ohne Zerstückelung
Die Medizin werde immer spezialisierter. Für Kerzel ist das «ein zweischneidiges Schwert». Einerseits ermögliche die Spezialisierung medizinische Höchstleistungen, andererseits dürfe die Versorgung dadurch nicht zerstückelt werden. Moderne Pädiatrie verstehe sich immer auch als Familienmedizin. Der Anspruch sei, hochspezialisierte Expertise so zu bündeln, dass die Behandlung «aus einem Guss» bleibe.
Enge Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Kinder- und Jugendchirurgie. Deren Chefarzt, Thomas Krebs, beschreibt die Kooperation der spezialisierten Zentren in der Schweiz als «vorbildlich und konstruktiv». Extrem seltene Erkrankungen und Eingriffe würden schweizweit zentralisiert behandelt. Vorbereitung, Nachsorge oder die Behandlung möglicher Komplikationen erfolgten weiterhin heimatnah am Ostschweizer Kinderspital.
Weniger Belastung, mehr Präzision
Gerade die Kinderchirurgie habe sich stark verändert. «Minimalinvasive Verfahren schonen das Gewebe bei Operationen massiv», sagt Krebs. Heilungszeiten seien kürzer geworden, der Schmerzmittelbedarf geringer und Komplikationen seltener. Fortschritte sieht er auch in der roboterassistierten Chirurgie und in KI-Systemen. Beide könnten künftig helfen, Risiken zu minimieren und Operationszeiten zu verkürzen. Dafür brauche es die entsprechende Infrastruktur. Der Neubau sei deshalb medizinisch mehr als ein neues Gebäude.
Jugendliche zwischen zwei Welten
Eine eigene Medizin für Jugendliche brauche es, weil diese weder Kinder noch Erwachsene seien, sagt Pascal Müller, Chefarzt Adoleszentenmedizin und Pädiatrische Psychosomatik. «In dieser Lebensphase kommen körperliche, psychische und soziale Veränderungen zusammen.» Viele Krankheiten oder psychische Probleme würden erstmals sichtbar. Vertrauen und sensible Kommunikation seien zentral.
Müller beschäftigt die Zunahme psychosomatischer Erkrankungen. Auch das Kispi beobachtet seit Jahren einen deutlichen Anstieg, etwa bei Essstörungen, chronischen Schmerzen, funktionellen Körperbeschwerden oder stressbedingten Symptomen. «Seit Covid-19 verstärkte sich die psychische Belastung vieler Jugendlicher.» Entscheidend sei ein bio-psycho-soziales Verständnis von Krankheit. Dieses Denken müsse «alle Fachgebiete und Schwerpunkte» prägen.
Neubau als medizinisches Versprechen
Für alle drei Chefärzte ist der Neubau eng mit der medizinischen Entwicklung verbunden. Kerzel spricht von der «baulichen Umsetzung unserer Vision einer ganzheitlichen Medizin». Hochspezialisierte Expertise könne künftig konsequenter zum Patienten gebracht werden. Durch die Nähe zum Kantonsspital entstehe zudem eine produktive Zusammenarbeit mit der Erwachsenenmedizin.
Auch Krebs sieht Vorteile im gemeinsamen Campus: Die räumliche Nähe erleichtere die Transition ins Erwachsenenalter und ermögliche den fachlichen Austausch. Müller verweist auf Licht, Grosszügigkeit und Naturerlebnisse im Neubau. Die moderne Infrastruktur komme vor allem den Patienten und ihren Familien zugute. Besonders die Perinatalversorgung werde mit dem Zusammenrücken an die Geburtsklinik des Kantonsspitals deutlich verbessert.
