Berufslehre – ein Rheintaler Erfolgsmodell
Das Rheintal gehört zu den industriell stärksten Regionen der Schweiz. Viele Unternehmen bilden ihren Nachwuchs seit Jahrzehnten selbst aus und investieren gezielt in junge Fachkräfte. Für Jens Breu, CEO der SFS Group, ist deshalb klar: «Die duale Berufsbildung ist ein zentraler Pfeiler unseres Werkplatzes.» Unternehmen seien auf Mitarbeitende mit praktischem Verständnis, technischem Know-how und hoher Problemlösungskompetenz angewiesen. «Viele unserer Fach- und Führungskräfte haben ihren Weg über eine Berufslehre begonnen.»
Die Anforderungen an junge Berufseinsteiger hätten sich in den vergangenen Jahren jedoch verändert. Neben Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft würden heute auch Eigeninitiative, digitale Kompetenzen und Offenheit gegenüber Veränderungen immer wichtiger. «Unternehmen suchen heute Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich laufend weiterentwickeln wollen.»
«Die duale Berufsbildung ist ein zentraler Pfeiler unseres Werkplatzes.»
Trotz der internationalen Anerkennung des Schweizer Bildungssystems sieht Breu weiterhin Handlungsbedarf. «Viele Länder beneiden uns darum», sagt er. Gesellschaftlich gebe es eine starke Orientierung hin zu akademischen Laufbahnen. Deshalb müsse sichtbarer werden, welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten eine Berufslehre biete.
Gerade für Industrieregionen wie das Rheintal gilt die duale Ausbildung zudem als wichtiger Standortfaktor. Wer früh in einem regionalen Unternehmen ausgebildet werde, bleibe der Region häufig auch langfristig beruflich verbunden, sagt Claude Stadler, Verwaltungsratspräsident der Icotec AG und Präsident von «Schule und Wirtschaft Rheintal». Bei akademischen Ausbildungswegen ausserhalb der Ostschweiz sei das Risiko hingegen grösser, dass gut ausgebildete Fachkräfte der regionalen Wirtschaft später nicht mehr zur Verfügung stünden.
Zwischen Orientierung und Überforderung
Die Berufs- und Ausbildungswahl ist in den vergangenen Jahren anspruchsvoller geworden. Claude Stadler sieht dabei mehrere Herausforderungen. Besonders kritisch beurteilt er die immer frühere Vergabe von Lehrstellen. «Die grösste Herausforderung ist die viel zu frühe Vergabe der Lehrstellen, welche verschiedene, sehr negative Auswirkungen hat», sagt Stadler.
Zudem müssen Jugendliche heute bereits sehr früh weitreichende Entscheide treffen. Gleichzeitig sei die Auswahl an Berufsbildern, Ausbildungswegen und Entwicklungsmöglichkeiten deutlich grösser geworden. «Viele Jugendliche sind mit dieser Vielfalt und dem Entscheid an sich zunächst überfordert», sagt Stadler.
Umso wichtiger seien realistische Einblicke in die Ausbildungs- und Berufswelt sowie genügend Zeit für Schnupperlehren und praktische Erfahrungen. «Der Entscheid muss aus Sicht des Jugendlichen der richtige sein und Freude machen. Sonst steigt das Risiko von Fehlentscheiden oder Lehrabbrüchen.»
Dass die Berufsbildung im Rheintal weiterhin stark verankert sei, führt Stadler auch auf die zahlreichen und starken Ausbildungsbetriebe in der Region zurück. Viele Unternehmen würden bewusst langfristig denken und kontinuierlich in den eigenen Nachwuchs investieren.
«Viele Jugendliche sind mit der Vielfalt zunächst überfordert.»
Weniger Firma, mehr Beruf
Ein sichtbares Beispiel für diese Zusammenarbeit ist der jährlich stattfindende Berufs- und Ausbildungsevent Rheintal, kurz BAeR. Der Anlass findet dieses Jahr am 19. und 20. November 2026 in der Schöntalhalle Altstätten statt und richtet sich an Schüler der zweiten Oberstufe sowie deren Eltern.
Der BAeR ist aus der Weiterentwicklung des früheren Berufsevents von Chance Industrie Rheintal entstanden und verfolgt bewusst ein anderes Konzept als klassische Berufsmessen. Im Vordergrund stehen die Berufs- und Ausbildungswege, nicht einzelne Unternehmen. «Unser Credo ist: Weniger Firma, mehr Beruf», sagt Stadler.
Jugendliche sollen zuerst herausfinden, welcher Weg zu ihnen passt. Die Wahl eines konkreten Lehrbetriebs erfolge später bei Tagespraktika oder Schnupperlehren. «Wir gewinnen dann, wenn das Talent den für sich passenden Weg eingeschlagen hat. Sonst gibt es Lehr- und Schulabbrüche», sagt Stadler.
Im vergangenen Jahr besuchten rund 900 Schüler der zweiten Oberstufe den Anlass. Präsentiert wurden 57 Lehrberufe von 54 Mitgliedern an 34 Berufsständen sowie Angebote der Kantonsschule und der Berufsmaturität.
Auch Letizia Wenger, Geschäftsführerin von «Schule und Wirtschaft Rheintal», betont den bewusst offenen Ansatz. «Ob Kanti, Informatik oder Handwerk – alle Wege nach der Oberstufe werden auf Augenhöhe vorgestellt», sagt sie. Es gehe weder darum, Jugendliche für einen bestimmten Weg zu gewinnen noch darum, bereits den Lehrbetrieb auszuwählen. «Im Zentrum steht das WAS. WAS ist für mich der passende nächste Schritt.»
Der BAeR will bewusst nicht als klassische Werbeplattform für Unternehmen auftreten. Im Zentrum stehen die Berufe und Ausbildungswege, nicht möglichst auffällige Messestände. «Wir wollen verhindern, dass Jugendliche ihre Entscheidung aufgrund von Werbung oder Give-Aways treffen», sagt Wenger.
Berufswahl mit Weitblick
Neu soll beim BAeR auch die Rolle der Eltern noch stärker gewichtet werden. Das sogenannte «Eltern-Fenster» wird mit Kurzreferaten, Erfahrungsberichten und Austauschmöglichkeiten ausgebaut. Am Donnerstagabend bleibt der Anlass deshalb bis 20 Uhr geöffnet.
Für Jens Breu leisten solche Initiativen einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Sicherung des Werkplatzes Rheintal. «Unternehmen, Schulen und Eltern müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Jugendliche die richtigen Einblicke und Chancen erhalten», sagt er.
Dass eine Berufslehre vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen kann, zeigt auch sein eigener Werdegang. Breu absolvierte einst eine Lehre als Maschinenmechaniker und begann 1995 bei SFS als Projektleiter. Heute steht er als CEO an der Spitze der international tätigen SFS Group.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
