Mehr Mut im Selbstverständnis
Beat Tinner, wo sehen Sie heute das grösste Entwicklungspotenzial für den Kanton St.Gallen im Bereich Start-up und Innovation?
Für mich liegt die Stärke unseres Kantons in den kurzen Wegen. Diese können wir noch besser ausspielen. Ein junges Start-up entwickelt eine neue Technologie, die für ein ansässiges Unternehmen bedeutend ist. Das Start-up bringt die Idee, das Unternehmen das Kapital. Treffen sie sich, gewinnen beide. Ein anderes Beispiel: Ein KMU weiss, dass es innovieren muss. Es fehlen Zeit, Netzwerke oder Informationen. Wir verknüpfen es mit Gleichgesinnten, damit für ähnliche Herausforderungen gemeinsam Lösungen entstehen. Dazu haben wir das Pilotprojekt Inno-Netzwerk St.Gallen lanciert. Wir müssen sicherstellen, dass sich jene finden, die sich gegenseitig helfen können.
Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Selbstverständnis einer Region für ihre wirtschaftliche Dynamik?
Das Selbstverständnis ist zentral. Innovation wird bei uns gelebt, aber noch zu oft im stillen Kämmerlein. Wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen, was im Kanton bereits in Bewegung ist und welche Unterstützungsangebote bestehen. Nur so finden Unternehmen Zugang dazu und können ihr Potenzial entfalten. Unsere Innovationsförderstrategie für KMU setzt hier an. Sie umfasst Massnahmen, die niederschwellige Zugänge zu Informationen, Netzwerken und Fördermöglichkeiten bieten, darunter ein digitales Innovationsportal und eine physische Anlaufstelle. Ziel ist es, vorhandene Kräfte besser zu bündeln und sichtbarer zu machen.
Wo erleben Sie im Kanton St.Gallen ein zu starkes Fokussieren auf Defizite statt auf Gestaltungsmöglichkeiten?
Wir St.Galler sind gut darin, Probleme zu erkennen und zu lösen. Weniger gut sind wir darin, unsere Lösungen selbstbewusst vorzuzeigen. Das ist sympathisch, bringt uns in einer kompetitiven Welt aber nicht immer ans Ziel.
Was müsste sich in der Haltung von Politik, Verwaltung und Wirtschaft ändern, damit mehr Gestaltungskraft entsteht?
Ich würde nicht von ändern sprechen, sondern von einer Stärkung des Bestehenden. Wirtschaft, Politik und Bildungsinstitutionen arbeiten bereits eng zusammen, um Innovationen zu fördern. Im letzten Jahr haben wir im Start-up- und Innovationsökosystem einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Das zeigte die St.Gallen Area am START Summit, in der bedeutende Akteure gemeinsam die Vorzüge unseres Kantons präsentierten und das Zusammenspiel sichtbar machten.
Wie wichtig ist es, Erfolge und Fortschritte offensiver sichtbar zu machen, gerade im Vergleich zu anderen Regionen?
Hier können wir von anderen Regionen lernen. Wir wissen, was wir an unserem Kanton haben und was hier geleistet wird. Von aussen werden wir jedoch noch zu oft unterschätzt. Wir sind bescheiden und dürfen uns selbstbewusster zeigen.
Wo kann der Kanton konkret ansetzen, um Veränderungen nicht nur zu ermöglichen, sondern aktiv voranzubringen?
Wir müssen am Puls der Unternehmen sein. Veränderung beginnt im Kleinen. Es müssen nicht immer bahnbrechende Schritte sein. Wichtig ist, dass wir Potenziale diskutieren und Fortschritte vorantreiben. Bei einem Unternehmensbesuch haben wir erfahren, dass eine bessere ÖV-Anbindung gewünscht wird, um die Verkehrssituation zu entlasten und die Anreise für Mitarbeitende zu erleichtern. Dank kurzer Wege in der Verwaltung konnten wir das unkompliziert umsetzen.
Welche Verantwortung tragen Führungspersonen in Politik und Wirtschaft für dieses Selbstverständnis?
Führungspersonen prägen die Wahrnehmung ihres Unternehmens. Sie tragen die Botschaft des Werk- und Innovationsplatzes St.Gallen in ihre Netzwerke. Das nützt allen: Wo innovative Unternehmen arbeiten, sind talentierte Fachpersonen. Und wo talentierte Fachpersonen arbeiten, entstehen neue Start-ups. Wir alle können dazu beitragen, indem wir zeigen, was bei uns geschieht und wie eng das Zusammenspiel im Kanton funktioniert.
Welche Signale braucht es, damit Unternehmer spüren, dass Veränderungen erwünscht sind?
Sie müssen wissen, dass unsere Wege kurz und pragmatisch sind. Wir hören zu, suchen Lösungen und wollen wissen, was Unternehmen konkret brauchen, um innovativ zu sein. In die Erarbeitung der Innovationsförderstrategie für KMU waren rund 100 KMU involviert. Ihre Inputs flossen in die Umsetzungsplanung ein.
Woran würden Sie erkennen, dass sich das Selbstverständnis des Kantons St.Gallen in Richtung mehr Gestaltungswillen entwickelt hat?
Wenn Innovation bei uns nicht mehr mutig wirkt, sondern selbstverständlich, dann sage ich: gut gemacht.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
