Geothermie Thurgau 2021

Treffpunkt der Pioniere und Vordenker

Treffpunkt der Pioniere und Vordenker
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Zuhören, mitdenken, nachschauen: Der Verein Geothermie Thurgau hat sich in den ersten zehn Jahren zu einem spannenden Forum für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft entwickelt. Prominente Köpfe präsentierten ihre Erkenntnisse. Und ein halbes Dutzend Exkursionen führten die Mitglieder zu Hot Spots der Geothermie und zu Forschungseinrichtungen, die einen Blick über die Schultern der Wissenschaftler erlaubten.

Information ist wichtig, Orientierung besser: Der «Verein Geothermie Thurgau» hat sich inzwischen über seine Kantons- und Landesgrenzen hinaus als Forum für die Vordenker von Energie-, Umwelt- und Klimafragen etabliert. Mindestens einmal im Jahr stellen Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ihre Erkenntnisse zur Diskussion – eine Debatte, die zusehends an Bedeutung gewinnt.

 

Den Forschern über die Schulter geschaut

Wer dem Geheimnis des Untergrunds auf die Spur kommen will, muss tief graben. Im Grimsel-Felsmassiv gehen die Forscher allerdings in die Höhe: Auf 1780 Metern über Meer arbeiten Geologen der ETH Zürich im Rahmen des «Schweizer Kompetenzzentrums für Energieforschung» (SCCER) einen halben Kilometer tief im Bergesinnern. Sie wollen wissen, wie man in der Tiefe einen effizienten Wärmeaustausch erzeugen und gleichzeitig das Risiko von künstlich erzeugten Mikro-Erdbeben begrenzen kann. Das sei für die tiefe Geothermie massgeblich, denn «für eine wirtschaftliche Nutzung müssen pro Sekunde rund 100 Liter Wasser durchs Gestein gepumpt werden», erklärte Joseph Doetsch den Gästen aus den Reihen des VGTG und der «aves Thurgau» am Ort des Geschehens. Sie hatten sich mit dem Reisecar ins Hochgebirge vorgewagt.

Und taten es prompt wieder: Eine nächste Reise führte sie ins Felslabor «Mont Terri» oberhalb des jurassischen Städtchen St-Ursanne. Dort spüren Forscher aus acht Nationen dem Charakter des Gesteins nach. Sie untersuchen mit hochwissenschaftlichen Methoden die Eigenschaften jener Schicht, die in ferner Zukunft den Abfall aus Schweizer Kernkraftwerken aufnehmen soll – den «Opalinus-Ton». Sie ist etwa 174 Millionen Jahre alt und erstreckt sich vom Genfer See bis zum Bodensee – also quasi vor die Haustüre des Vereins. Was lag also näher als ein Besuch der Bohrstelle auf der Flur «Massholteren» bei Trüllikon an der Kantonsgrenze zwischen dem Thurgau und Zürich? Dort trieb die «Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle» (nagra) eine Bohrung auf knapp 1400 Meter in die Tiefe, um Erkenntnisse für den Vergleich der Standortgebiete für ein künftiges geologisches Tiefenlager zu gewinnen.

  

Thomas Stocker, der bekannteste Schweizer Klimaforscher, rief 2017 im «Casino» Frauenfeld die «vierte industrielle Revolution» aus.

Stocker: «Vierte industrielle Revolution»

Einer solchen unterzog sich auch der bekannteste Schweizer Klimaforscher, als er 2017 im «Casino» in Frauenfeld die «vierte industrielle Revolution» ausrief. Der ehemalige Co-Leiter der wichtigsten Arbeitsgruppe des UNO-Klimarats meint damit eine durchgreifende «globale Dekarbonisierung». Also eine «konsequente Vermeidung des Treibhausgases CO2». Sie werde nur durch die weitgehende «Ablösung der fossilen Treib- und Brennstoffe Kohle, Öl und Gas» möglich sein. Nur so lasse sich das globale Klimaziel von maximal zwei Grad Celsius zusätzlicher Erderwärmung bis zum Jahr 2100 erreichen. Den wichtigsten Beitrag für den Ersatz der fossilen Energieträger hätten die erneuerbaren Energien zu leisten, womit auch der Geothermie eine wichtige Rolle zufällt. Stocker umriss hierzu die Idee, die Geothermie mit Photovoltaik und Solarthermik zu verknüpfen – dank «smarter Technologien» sei dies heute kein Problem mehr. Er ist überzeugt davon, dass die Dekarbonisierung nicht nur zu «intelligenteren neuen Produkten» führe. Sie schaffe auch neue Arbeitsplätze, sorge für eine bessere Lebensqualität und leiste insgesamt einen Beitrag an den gesellschaftlichen Wertewandel.

Gunzinger: «Autofahren ist viel zu billig»

Wie dies geschehen könnte, hatte bereits ein Jahr zuvor der Energie- und Mobilitätswissenschaftler Anton Gunzinger im historischen Grossen Bürgersaal des Rathauses Frauenfeld mit seiner kritischen Sicht auf die «wahren Kosten von Erdöl, Erdgas und Atomenergie» umrissen. Er rechnete den Zuhörern vor, dass bei einem Vollkosten-Vergleich die Wärmepumpen in Kombination mit Photovoltaik am günstigsten seien. Gunzinger, der demonstrativ mit einem «Tesla» angereist war, kritisierte obendrein, dass die Mobilität hierzulande «viel zu billig» sei: «Vor 50 Jahren wog ein Auto noch 700 Kilo und beförderte im Schnitt 2,4 Personen. Heute wiegt es bis zu vier Tonnen und beherbergt noch 1,2 Personen», hielt er fest und folgerte: «Das Autofahren müsste eigentlich vier bis fünf Mal teurer werden, damit sich etwas verändert.»

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Von Weizsäcker: «Auch die Rohstoffe im Blick behalten»

Solche Veränderungen begleiten den prominentesten Gast der VGTG seit einem halben Jahrhundert – den renommierten Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, Sohn des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Er wirkte unter anderem als Co-Präsident des «Club of Rome» und des «International Resource Panel» des UN-Umweltprogramms «Unep». Auch von Weizsäcker ortet im Klimawandel das grösste Problem der Menschheit. Doch die Weltgemeinschaft dürfe sich nicht ausschliesslich auf die Senkung des CO2-Ausstosses festlegen, «sie muss den gesamten Ressourcenverbrauch in den Fokus nehmen». Der Schlüssel zur Lösung bestehe darin, «dass weniger Energie und Rohstoffe verschwendet werden», stellte er im prall gefüllten «Casino» in Frauenfeld klar. Zugleich warnte er davor, bestimmte erneuerbare Energien zu verklären. Viel wichtiger sei die effiziente Verwendung aller eingesetzten Energieträger: «Ich bin überzeugt davon, dass selbst für die Wahrung des heutigen Komforts vier Fünftel der eingesetzten Energien eingespart werden könnten.»

Die Erforschung des Untergrunds zum Anfassen: Geowissenschaftler erklären im Felslabor Grimsel die Wirkungsweise von «Mikro-Erdbeben».
Die Erforschung des Untergrunds zum Anfassen: Geowissenschaftler erklären im Felslabor Grimsel die Wirkungsweise von «Mikro-Erdbeben».

Den Fortschritt greifbar machen

Wissenschaft und Innovation haben etwas gemeinsam: Sie werden erst dann zum Fortschritt, wenn sie in der Realität Wirkung erzielen. Das gilt auch für die Geothermie. Sie leistet zunehmend einen Beitrag zur Wärmegewinnung und erlaubt nördlich der Alpen an einigen Stellen sogar die Produktion von Elektrizität. Etwa in Insheim, einem Städtchen in der Südpfalz. Die 40-köpfige Thurgauer Delegation von VGTG und «aves Thurgau» liess sich an Ort und Stelle erklären, wie das Geothermiekraftwerk aus 4000 Metern Tiefe im Oberrhein-Graben aus 160 Grad heissem Wasser in einem Kraftwerk Elektrizität für 8000 Haushalte produziert. Oder im Grossraum München: Ein halbes Dutzend Geothermiekraftwerke liefern in den Gemeinden Grünwald und Taufkirchen zuverlässig Strom und Wärme im Grossmassstab. An diesen Orten erzeugen die Kraftwerke jährlich rund 60 Mio. Kilowattstunden Strom in Form von Bandenergie – also in einer Menge, die dauerhaft Einnahmen garantiert.

 

«Forscher verkünden nicht primär die Wahrheit. Sie interpretieren bestenfalls die Realität.»

Forscher sollten sich auf die Realität konzentrieren

Die ersten zehn Jahre des «Vereins Geothermie Thurgau» fallen in eine Zeit, da die politische und gesellschaftliche Debatte über den Klimawandel und die Lösungswege hin zur Energiewende an Intensität gewonnen haben. Die Wirkung des Klimaprotestes auf der Strasse beeinflusste zuerst die Politik und ist inzwischen auch in der Wirtschaft angekommen. Hüben wie drüben bestehen Exponenten auf ihrem jeweiligen Wahrheitsanspruch. Um so wichtiger bleibt der VGTG als Forum für eine sachlich geführte Debatte und den Diskurs. «Forscher verkünden nicht primär die Wahrheit. Sie interpretieren die Realität», bekennt einer, der es wissen muss: der Geologe Roland Wyss, den diese «Realitäten» seit Jahrzehnten umtreiben. Auch als Vizepräsident des VGTG. Würde es den Verein noch nicht geben, müsste man ihn spätestens jetzt erfinden.