St.Gallen

Wie schädlich sind Lithium-Ionen-Akkus?

Wie schädlich sind Lithium-Ionen-Akkus?
Lesezeit: 4 Minuten

Lithium-Ionen-Akkus gehören aktuell zu den weltweit effizientesten Energiespeichern. Doch vor allem die Rohstoffe, die für die Herstellung der Batterien benötigt werden, stehen in der Kritik. Zu Recht?

Lithium-Ionen-Akkus stecken in vielen Dingen, die wir täglich verwenden: von Smartphones über Laptops bis zu E-Autos und industriellen Elektrowerkzeugen. Der Abbau der in den Akkus enthaltenen Rohstoffe birgt allerdings ökologische und soziale Risiken. Wir haben bei Marcel Gauch, Nachhaltigkeitsforscher bei der Empa St.Gallen nachgefragt, wie Lithium-Ionen-Batterien funktionieren und welche Alternativen es gibt. 

Marcel Gauch, für uns Laien: Wie genau funktioniert eine Lithium-Ionen-Batterie?
Taucht man zwei verschiedene Elemente (Elektroden) in eine leitfähige Substanz (Elektrolyt), kann man zwischen den beiden Elementen eine elektrische Spannung messen. Der Minuspol heisst Anode, der Pluspol ist die Kathode. Um Kurzschlüsse zu vermeiden, braucht es einen Berührungsschutz zwischen den Polen, meist in Form einer porösen Kunststofffolie. Im Falle einer Lithium-Ionen-Batterie besteht der Minuspol aus einer Kupferfolie, die fast immer (für Handys, Laptops, Autos usw.) mit Grafit beschichtet ist. Der Pluspol ist eine Aluminiumfolie, die mit einem Metalloxid beschichtet wurde. 

Klingt simpel …
Ist es auch. Der Aufbau ist eigentlich so einfach wie bei einem Buch mit zwei Seiten, die sich immer wiederholen. Die Be-schichtungen können Lithium-Ionen aufnehmen: Beim Laden sammeln sich diese im Anodenmaterial, beim Entladen im Kathodenmaterial. Mit jedem Ion, das in der Batterie die Seite wechselt, bewegt sich ein Elektron durch einen äusseren elektrischen Leiter – messbar als Strom. Je höher die Spannungsdifferenz zwischen den Polen und je mehr Elektronen fliessen, desto leistungsstärker ist die Batterie.

 

Marcel Gauch
Marcel Gauch

Welche Rolle spielen Lithium-Ionen-Batterien derzeit – und warum sind sie so verbreitet?
Lithium-Ionen-Batterien sind älteren Formen von elektrochemischen Energiespeichern überlegen. Sie können so designt werden, dass sie bei geringerem Gewicht und Volumen deutlich mehr Energie speichern und Leistung abgeben können als frühere Konzepte. Seit ihrer Einführung in den 1990er-Jahren haben sie sich zum Stand der Technik für Verbraucherelektronik, Industrieanwendungen und Elektromobilität entwickelt. Nebst den technischen Vorteilen haben auch die sinkenden Preise zur Verbreitung beigetragen. 

Gewisse Rohstoffe, die für die Herstellung von Lithium-Ionen-Akkus benötigt werden, bergen ökologische und soziale Risiken. Welche technischen Umweltauswirkungen sind mit Herstellung und Entsorgung von Lithium-Ionen-Batterien verbunden?
Im Vergleich mit traditionellen Produkten werden Lithium-Ionen-Batterien als problematisch in der Gewinnung und Produktion betrachtet. Bei näherer Betrachtung gelten jedoch die gleichen kritischen Aspekte, wie sie auch für alle anderen Fabrikate zutreffen: Gewinnung und Aufbereitung von Rohstoffen inklusive der damit verbundenen Umwelt- und Sozialkonsequenzen müssen laufend kritisch überwacht und beurteilt werden – egal, ob es sich um Batterien, Metalle, Baustoffe oder Nahrungsmittel handelt. Die heutige Vorstellung von «Entsorgung» sollte durch ein viel umfassenderes Verständnis von Recycling und Kreislaufwirtschaft abgelöst werden.

Welche Rohstoffe werden als besonders kritisch betrachtet?
Der Fokus der Kritik bei Batterien liegt auf der Gewinnung von Kobalt für das Kathodenmaterial und von Lithium als Ladungsträger. Kobalt stammt vorwiegend aus der Demokratischen Republik Kongo, ein Teil wird informell abgebaut und wegen Kinderarbeit kritisiert. Lithium stammt zwar zu über 50 Prozent aus Minen in Australien, wird jedoch mit Wasser- und Umweltproblemen bei der Gewinnung aus Salzseen in den südamerikanischen Anden in Zusammenhang gebracht. Grafit wird sowohl als Nebenprodukt des Kohleabbaus vorwiegend in China gewonnen, als auch aus kohlenstoffhaltigen Quellen synthetisch hergestellt.

 

  

«Kritisch ist die Gewinnung von Kobalt und von Lithium.»

Deshalb wird vermehrt der Ruf nach umweltschonenderen Materialien und Verfahren laut. Gibt es Alternativen zu Lithium-Ionen-Batterien?
Etablierte Alternativen im grossen Stil bislang nicht, jedoch einen ganzen Blumenstrauss von interessanten Ankündigungen. Dabei ist es sehr schwierig, Wahrheit und Wunschdenken aus den regelmässigen spektakulären Ankündigungen auseinanderzuhalten. Die Lithium-Ionen-Batterien unterscheiden sich heute praktisch nur durch das Kathodenmaterial. Es gibt einen klaren Trend, bei der bisherigen üblichen Kombination von Nickel, Mangan und Kobalt den Anteil von Kobalt auf ein Minimum zu reduzieren. Einen starken Anstieg erleben Batterien mit Kathoden aus Lithium-Eisenphosphat (LFP), bei denen komplett auf umwelt- und kostenintensives Nickel und Kobalt verzichtet werden kann. Die LFP-Batterien sind so gut geworden, dass sie auch für anforderungsreiche Anwendungen wie in Autos eingesetzt werden können.

Und ersetzen kann man Lithium nicht?
Doch. Als Alternative zeichnet sich der Ersatz durch Natrium ab; der prinzipielle Aufbau der Batterie bleibt dabei identisch. Die Natrium-Ionen-Batterie dürfte für den Einsatz in günstigen Autos und besonders für den stationären Einsatz als Stromspeicher in naher Zukunft interessant werden. Die fast unlimitierte Verfügbarkeit von Natrium – das Salz im Meerwasser – und der günstige Preis könnten die Leistungsdifferenz im Vergleich zu Lithium wettmachen.

In welchen Bereichen wird noch geforscht?
Ein weltweiter Forschungsfokus liegt für alle möglichen Batterietypen beim Ersatz des bisherigen Elektrolyten durch einen festen und nicht brennbaren Feststoff. Die Anforderungen sind nicht einfach zu erreichen; erste kommerzielle Produkte dürften aber mittelfristig verfügbar sein. Daneben gibt es schon seit langer Zeit bekannte Speicherkonzepte, bei denen sich dank technologischen Fortschritten eine Wiederauferstehung abzeichnet. Beispiele dafür sind «heisse» Batterien mit geschmolzenen Salzen für stationäre Anwendungen im Stromnetz oder moderne Formen von Redox-Flow-Batterien mit ähnlichem Funktionsprinzip wie bei Brennstoffzellen.

Also müssen wir uns keine Gedanken über Alternativen zu Lithium-Ionen-Batterien machen?
Gemäss unserem Wissensstand ist es tatsächlich so, dass Lithium-Ionen-Batterien, bereits heute so gut sind, dass sich ihr Einsatz rechtfertigt. Die Vorteile durch den möglichen Ersatz von fossiler Energie dank Batterien überwiegen die Nachteile durch den Rohstoff- und Energiebedarf bei der Produktion klar. Wir sollten also auch aus Umweltsicht nicht auf irgendwelche Alternativen warten, sondern die aktuelle Generation von Lithium-Ionen-Batterien nutzen.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: istock, zVg

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