CSIO 2022

«Aufgeben war nie eine Option»

«Aufgeben war nie eine Option»
Anna Siegmann: Ihr Ziel ist die Weltspitze
Lesezeit: 4 Minuten

Die junge Salmsacherin Anna Siegmann (*2004) startet zum ersten Mal am Longines CSIO St.Gallen in der Amateur Tour. Ein Traum, der für die Thurgauerin in Erfüllung geht. Aber sie will noch mehr. Viel mehr.

«Statt im Kinderwagen zu sitzen, sass ich lieber auf dem Pony. Es war schon immer klar, dass ich reiten werde. Eine solche Verbindung wie mit einem Pferd kriegt man sonst in keiner anderen Sportart», erzählt Anna Siegmann in ihrer Mittagspause. Die 18-Jährige aus Salmsach absolviert zurzeit das Sport-KV in Kreuzlingen – und ihre Tage sind durchgetaktet: Wenn sie nicht im Unterricht sitzt, dann auf dem Pferd oder ist auf dem Weg zu einem Turnier. «Am liebsten würde ich nur reiten. Aber meine Eltern bestehen darauf, dass ich erst eine Ausbildung mache.»

Pferde selbst ausgebildet

Siegmanns Geschichte beginnt wahrscheinlich anders als die vieler anderer Reiter, die am CSIO starten: In der 1300- Einwohner-Gemeinde Salmsach wächst sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester auf. Einen eigenen Reitstall oder Halle kann sich die Familie nicht leisten – und mal kurz das Pferd austauschen, wenn es nicht den Anforderungen entspricht, geht auch nicht. Ihre erste Stute Haya bildet die damals Elfjährige selbst aus und schafft es mit ihr 2018 an die Nachwuchs-EM. «Daran denke ich gerne zurück und bin stolz, dass ich das geschafft habe», so die Springreiterin, die mittlerweile im nationalen Juniorenkader ist.

«Ich weiss, wie ich mit Rückschlägen umgehen muss.»

Andere Verhältnisse

Dass es Anna Siegmann schwerer als andere hatte, weil sie eben nicht aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie kommt, die sich den teuren Sport problemlos leisten kann, erwähnt sie aber nur ungern: «Manche können nicht glauben, dass ich meine Pferde täglich im Gelände reite. Ich bin aber froh, dass es so ist, wie es ist, denn die Situation hat meinen Ehrgeiz geweckt und mich angespornt, es nach ganz oben zu schaffen. Ich glaube sogar, dass ich dadurch einen Vorteil habe, denn ich weiss, wie ich mit einem steinigen Weg umgehen muss.» Es habe viele Momente gegeben, in denen sie gezweifelt hat, aber aufgeben kam nie in Frage. «Ich kann mich noch gut an einen Moment an der EM-Qualifikation in Frankreich letztes Jahr erinnern: Mein Pferd wollte nicht und alles ging nach hinten los. Ich war enttäuscht und frustriert, aber mir war klar, dass ich weiter hart arbeiten muss, um besser zu werden.»

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Das Glück kam mit dem Hufschmied

Pferde wie Haya oder Vintage würden weniger Fehler verzeihen, da sie weniger Erfahrung haben als andere. «Spitzenpferde tolerieren mehr und bieten ihren Reitern einen Vorsprung, weil sie so viel vermögen», sagt Siegmann. Von solchen Pferden konnte die Thurgauerin aber nur träumen – bis Anfang Jahr: Sie und Unternehmer Paul Bücheler, der genau solche Spitzenpferde besitzt, haben den gleichen Hufschmied. Dieser hat von Bücheler erfahren, dass er jemanden suche, der seine Pferde reitet. Der Hufschmied nannte Anna Siegmanns Namen – und seit Januar 2022 reitet die 18-Jährige nun zwei Schimmelstuten: PB Stagenta als Hauptpferd und PB Jinka als Zweitpferd, beide 13-jährig. Auch das Pferd PB Portofino reitet Siegmann neben ihrem Hauptpferd aus. «Es ist unglaublich, was die beiden draufhaben! Ich bin so dankbar für diese Möglichkeit.» Jeden Tag pedalt Siegmann mit dem Velo von Salmsach nach Romanshorn und verbringt auf den Pferden von Paul und Imelda Bücheler mehrere Stunden – auch Turniere hat sie bereits mit ihnen bestritten. «Es hat von Anfang an harmoniert; diese Pferde spielen in einer anderen Liga. Es macht sehr viel Freude, auf ihnen zu reiten.»

Ein weiterer Traum geht in Erfüllung

Dank der Zusammenarbeit mit Büchelers ist es der Nachwuchssportlerin möglich geworden, am CSIO in der neuen Amateur Trophy zu starten. «Für mich geht damit ein weiterer Traum in Erfüllung – ich freue mich so sehr auf dieses Erlebnis», sagt Siegmann. Ihr grösstes Vorbild ist ihr Trainer Theo Muff. Der ehemalige Springreiter im Schweizer Kader und Euro-Classic-Sieger hat viele grosse Erfolge gefeiert. Der nötige Ehrgeiz ist geblieben, weshalb er seine Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben möchte – wie eben an Anna Siegmann. «Theo versteht mich einfach blind und spürt ganz genau, was ich brauche. Ich bewundere ihn sehr; er hat mich einen grossen Schritt weitergebracht.»

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Auch zu ihren Eltern schaut sie hoch und ist für die Möglichkeiten, die sie ihr bieten, «unendlich dankbar». In Salmsach betreibt die Familie eine Hundepension. Das Geld, das die Eltern erwirtschaften, fliesst grösstenteils in Siegmanns Sport. Ihre Mutter fährt sie mehrmals im Monat an Turniere in ganz Europa. Im Juli findet die Europameisterschaft der jungen Springreiter in Oliva/Spanien statt. Anna Siegmann möchte unbedingt zu den fünf besten Junioren der Schweiz gehören, die sich qualifizieren – und träumt von noch viel mehr.