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Trocken in fünf Tagen

Trocken in fünf Tagen
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Nicht bei jedem Alkoholproblem ist ein stationärer Aufenthalt angezeigt, um einen körperlichen Entzug durchzuführen. Manchmal genügen bereits persönliche Abstinenzvorkehrungen oder ein ambulanter Entzug mit Unterstützung durch eine Suchtfachperson sowie mit ärztlicher Begleitung.

Wie der Ambulante Alkoholentzug funktioniert und für wen sich diese Form eignet, weiss Vitus Hug, Bereichsleiter Beratung beim Blauen Kreuz St.Gallen-Appenzell.

«Der Ambulante Alkoholentzug ist ein sehr niederschwelliges Angebot und für Personen aus den Kantonen St.Gallen und Appenzell Innerrhoden kostenlos», so Vitus Hug. Betroffene melden sich für ein Vorgespräch, wo gemeinsam entschieden wird, ob diese Form des Entzugs realistisch ist und infrage kommt. In einem zweiten Schritt erfolgt die Kontrolle in der hausärztlichen Praxis.

 

 

 

 

 

Fünfmal eine halbe Stunde reicht

Wenn nach dem medizinischen Untersuch nichts gegen einen ambulanten Entzug spricht, wird die Entzugswoche geplant: «Von Montag bis Freitag vereinbaren die betroffene Person und die Suchtfachperson tägliche Treffen. Dabei wird das Befinden besprochen, ob Entzugserscheinungen auftreten und es werden Blutdruck, Puls, Atemfrequenz sowie Körpertemperatur gemessen. Ebenso wird  ein Atemalkoholtest durchgeführt», sagt der Blaues- Kreuz-Berater. Jeder der fünf Termine benötigt etwa eine halbe Stunde Zeit; je nach Redebedarf der betroffenen Person kann dies variieren.

Vom Erstkontakt bis zum Start der Entzugswoche müssen etwa zwei Wochen Vorbereitungszeit einberechnet werden. Zum Abschluss erfolgt ein kurzer Bericht an die ärztliche Praxis. «Die meisten Betroffenen gehen während der Entzugswoche ihrem gewohnten Alltag nach und arbeiten weiter. Die Ablenkung durch die Beschäftigung lässt viele den Entzug leichter ertragen», so Hug. Vorsicht sei geboten, wenn jemand bei der Arbeit Maschinen bedienen muss und die Entzugserscheinungen körperliche Symptome verursachen wie beispielsweise ein Zittern.

Weitere Beratung empfehlenswert

Zur Stabilisierung des Erreichten empfehlen die Suchtfachpersonen des Blauen Kreuzes St.Gallen-Appenzell nach den fünf Tagen des ambulanten Entzugs eine Nachbehandlung und motivieren die Betroffenen, eine solche in Anspruch zu nehmen.

«Meist wird eine mögliche weitere Begleitung während der Entzugswoche vereinbart. Betroffene können die weiterführende Suchtberatung direkt beim Blauen Kreuz nutzen oder sich an eine andere Suchtfachstelle wenden», empfiehlt der Fachmann. Ebenso möglich ist aber auch eine Betreuung durch Psychologen oder Psychiater.

 

Ambulanter Entzug funktioniert

Im ganzen Kanton St.Gallen bieten acht Suchtfachstellen einen Ambulanten Alkoholentzug an. Seit September 2017 plant das Blaue Kreuz St.Gallen-Appenzell pro Monat eine Entzugswoche. «Inzwischen wurden in St.Gallen rund 40 ambulante Entzüge erfolgreich durchgeführt», bilanziert Vitus Hug. Nur drei mussten vorzeitig abgebrochen werden, da die Teilnehmer sich doch nicht an die vereinbarte Abstinenz halten konnten. Eine Person musste sich in ärztliche Behandlung begeben, da die körperlichen Entzugserscheinungen stark waren.

«Wie es nach den fünf Tagen jeweils weitergeht, kann nicht abschliessend beurteilt werden, da nicht alle Teilnehmer nach dem Ambulanten Alkoholentzug das Beratungsangebot des Blauen Kreuzes nutzen», sagt Hug. Zwar würden seit einiger Zeit Nachbefragungen durchgeführt, die wenigen Antworten lassen aber noch keine aussagekräftige Auswertung zu.

Angebot erreicht Betroffene

Dank der Niederschwelligkeit des Ambulanten Alkoholentzugs können Betroffene leicht erreicht werden. Auch wenn das Programm für einzelne nicht oder noch nicht angebracht ist, resultieren durch den Erstkontakt meist weitere Beratungsgespräche. «Manche Interessierte hören bereits mit dem Erstgespräch auf zu trinken, sodass eine Teilnahme an der Entzugswoche gar nicht mehr nötig ist und direkt mit der als Nachbehandlung definierten Strategie begonnen werden kann», freut sich Vitus Hug.

Andere wiederum absolvieren die Entzugswoche, um das eigene Durchhalten und die Abstinenz zu beweisen – sich selbst und Dritten gegenüber, wie beispielsweise gegenüber dem Arbeitgeber, der die schwierige Situation bereits angesprochen hatte.

Nicht für alle der richtige Weg

Für manche Betroffene ist der Ambulante Alkoholentzug nicht der der geeignete Weg – oder zumindest nicht der erste Schritt. «Wer einen sehr hohen Alkoholkonsum hat, alkoholisiert zum Erstgespräch erscheint, ist – auch körperlich – nicht bereit für den ambulanten Entzug», weiss Vitus Hug. Da werde ein stationärer Entzug unter enger medizinischer Begleitung und Überwachung empfohlen. Auch wenn weitere Suchtmittel oder Drogen im Spiel sind, Vorerkrankungen oder psychische Probleme vorliegen, ist der Ambulante Entzug nicht die richtige Methode, vom Alkohol loszukommen.

«Wird ein Fall als heikel oder grenzwertig empfunden, besprechen sich die Suchtfachpersonen im Team oder nehmen Rücksprache mit der hausärztlichen Praxis der suchtbetroffenen Person», so Hug. In manchen Fällen ist es sinnvoll, den Alkoholkonsum bereits vor der Entzugswoche zu reduzieren. So wird der Körper vorbereitet und die Entzugserscheinungen fallen weniger schwer aus.

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