Aus der Werkhalle in die Geschäftsleitung
Leslie Marquart, Thomas Züger, seit Januar 2026 führen Sie die Lüchinger Metallbau AG gemeinsam. Wie hat Ihre persönliche Geschichte bei Lüchinger begonnen?
Marquart: Ich habe meine Lehre als Metallbauer EFZ hier in Kriessern gemacht. 1998 war Lüchinger mit rund zehn Mitarbeitern zwar noch eine Art Dorfschlosserei, für mich aber ein Lehrbetrieb mit starkem regionalem Ruf: solide, verlässlich und anspruchsvoll. Was mich schon damals beeindruckt hat, war die Haltung im Betrieb: Man erhielt Vertrauen, musste dieses jedoch auch rechtfertigen. Leistung wurde erwartet, Qualität war selbstverständlich. Das hat mich geprägt. Nach der Ausbildung absolvierte ich eine Zusatzlehre als Metallbaukonstrukteur sowie berufsbegleitend den Betriebstechniker.
Züger: Ich bin gelernter Metallbaukonstrukteur EFZ. Relativ früh hat mich die konstruktive Seite besonders interessiert, weshalb ich mich 2010 für eine Lehre bei Lüchinger entschieden habe – damals hatte die Firma etwa 30 Mitarbeiter. Später folgten Weiterbildungen zum Berufsbildner und zum Metallbaumeister. Als Projekt- und später als Teamleiter wollte ich verstehen, wie Projekte wirtschaftlich funktionieren und welche Überlegungen hinter strategischen Entscheidungen stehen. Dass ich diese Entwicklung im gleichen Unternehmen durchlaufen konnte, hat mir Kontinuität gegeben. Man wächst mit den Aufgaben und gleichzeitig mit dem Betrieb.
«Die Balance zwischen Technik und Gestaltung wird immer wichtiger.»
Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie wussten, dass Sie mehr als operative Verantwortung übernehmen möchten?
Züger: Es war eher ein Reifeprozess. Je mehr Einblick man in strategische Themen erhält, desto stärker wird das Bedürfnis, aktiv mitzudenken. Man erkennt, wie weitreichend Entscheidungen wirken können, sei es bei Investitionen, bei Personalfragen oder bei der Ausrichtung des Unternehmens. Ich habe schon immer gerne mitgeredet (lacht).
Marquart: Bei mir war es die Erfahrung, dass Gestaltung möglich ist. Wenn Verbesserungen im Alltag sichtbar werden und Teams erfolgreich durch anspruchsvolle Projekte geführt werden, entsteht der Wunsch, Verantwortung auf einer breiteren Ebene zu übernehmen. Führung bedeutet für mich, Orientierung zu geben und Entwicklung zu ermöglichen.
Der Generationenwechsel wurde sorgfältig vorbereitet. Wie haben Sie diese Phase erlebt?
Züger: Als bewusst gestalteten Prozess über mehrere Jahre. Es gab keinen abrupten Wechsel. Bereits lange vor der offiziellen Übergabe wurden wir in strategische Überlegungen einbezogen. In regelmässigen Gesprächen wurde offen diskutiert, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll. Das schuf Vertrauen und Sicherheit. Auch mein familiäres Umfeld musste einverstanden sein.
Marquart: Wichtig war, dass wir nicht einfach eine Funktion erhielten, sondern Verantwortung schrittweise übernahmen. Strategische Projekte, Investitionsfragen und Personalthemen wurden zunehmend gemeinsam behandelt. So konnten wir in die neue Rolle hineinwachsen. Am Schluss haben alle mitgezogen: Familie, Mitarbeiter und Eigentümer.
Und wie ergänzen Sie sich im Führungsalltag?
Marquart: Sehr gut, wir diskutieren intensiv und offen. Thomas bringt eine analytische Sichtweise ein, ich denke stärker aus der operativen Umsetzung heraus. Diese unterschiedlichen Perspektiven bereichern die Entscheidungsfindung. Unsere Starts bei Lüchinger liegen zwar zeitlich auseinander, wir sind aber beide mit dem Betrieb mitgewachsen und haben den Wandel mitgestaltet. Deshalb haben wir heute kaum das Bedürfnis, alles auf den Kopf zu stellen.
Züger: Ja, wir waren uns über die Rollenverteilung eigentlich immer einig: Leslie verantwortet Torbau und Service sowie Finanzen und HR, ich Metallbau sowie Verkauf und Marketing. Beim Know-how ergänzen wir uns also sehr gut; ich bin eher extern, Leslie ist eher intern orientiert. Entscheidend ist, dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen: Wir wollen Lüchinger langfristig stabil, eigenständig und regional verankert positionieren.
Wie erleben Sie die Rolle von Brigitte und Stefan Lüchinger heute?
Züger: Als wichtige Begleiter. Beide bleiben im Verwaltungsrat, Brigitte als Präsidentin. Diese Kontinuität stärkt das Vertrauen bei Mitarbeitern, Kunden und Partnern.
Marquart: Gleichzeitig sind die Aufgaben sauber verteilt: Wir führen operativ und tragen die Verantwortung im Tagesgeschäft, der Verwaltungsrat begleitet auf strategischer Ebene. Dieses Zusammenspiel funktioniert konstruktiv und respektvoll.
Was hat Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn besonders geprägt?
Marquart: Die Zeit im Prozess- und Qualitätsmanagement. Wir haben die ISO-Zertifizierung umgesetzt, Prozesse gestaltet und festgeschrieben und so das Unternehmen sehr gut kennengelernt. Parallel kam das ganze Thema IT hinzu. Der Aufbau dieser Strukturen hat uns viel gebracht; deshalb sind wir etwa so gut digitalisiert.
Züger: Von Anfang an durfte ich mitgestalten und viel Freiheit geniessen. Damit verbunden waren Verantwortung und Vertrauen. Ich war klassischer Projektleiter mit Kontakten zur Montage, zu Kunden, Bauleitern und Architekten. Den Metallbaumeister habe ich berufsbegleitend absolviert – streng, aber wertvoll. Dadurch kamen zusätzliches Know-how und eine Aussensicht in den Betrieb.
Wie würden Sie die Unternehmenskultur bei Lüchinger beschreiben?
Züger: Familiär, bodenständig und lösungsorientiert. Herausforderungen werden angesprochen und gemeinsam gelöst. Die Kultur passt eher zu einem 20- als zu einem 60-Mann-Betrieb.
Marquart: Und sie ist geprägt von Loyalität. Viele Mitarbeiter sind seit Jahren im Unternehmen. Dieses gewachsene Vertrauen ist ein grosser Wert. Kultur entsteht im täglichen Miteinander, nicht in Leitbildern. Das ist für mich der beste Beweis für eine funktionierende Unternehmenskultur.
Welche Rolle spielt die Ausbildung?
Marquart: Eine sehr grosse. Aktuell bilden wir sieben Lernende aus, insgesamt haben rund 40 junge Berufsleute ihre Grundausbildung bei uns abgeschlossen. Für mich ist das Ausdruck unserer Verantwortung gegenüber dem Standort und der Branche.
Züger: Ausbildung schafft Identifikation und Stabilität. Wer hier gelernt hat, kennt die Abläufe und Werte von Grund auf. Das stärkt das Unternehmen langfristig.
Auch interessant
Ein 60-Jahr-Jubiläum lädt zur Standortbestimmung ein. Wie gehen Sie mit diesem Erbe um?
Züger: Mit Respekt vor dem Erreichten unserer Vorgänger. Sechzig Jahre stehen für gewachsene Kundenbeziehungen, verlässliche Partnerschaften und eine gefestigte Wertebasis. Darauf bauen wir auf.
Marquart: Gleichzeitig verändern sich Märkte und Technologien rasant. Wir wollen Prozesse weiterentwickeln, Digitalisierung gezielt einsetzen und Strukturen kontinuierlich verbessern. Dabei steht immer der langfristige Nutzen im Vordergrund. Stillstand ist Rückschritt.
Apropos Märkte: Wie erleben Sie aktuell die Marktsituation in Ihrer Branche?
Züger: Der Markt ist anspruchsvoller geworden. Bauprojekte werden genauer geprüft, Investitionen sorgfältiger geplant und Entscheidungsprozesse dauern teilweise länger. Gleichzeitig beobachten wir eine hohe Sensibilität für Qualität und Nachhaltigkeit. Kunden vergleichen stärker und hinterfragen Materialien, Lebensdauer und Service. Das fordert uns, unsere Leistungen nicht nur technisch, sondern auch argumentativ überzeugend darzustellen.
Marquart: Wir stellen zudem fest, dass Sanierungen und Umbauten an Bedeutung gewinnen. Der Bestand rückt stärker in den Fokus, insbesondere im Zusammenhang mit Energieeffizienz und Werterhalt. Das verlangt Flexibilität und technische Erfahrung, weil bestehende Strukturen selten standardisiert sind. Für uns ist das eine Chance, unsere Kompetenz in individuellen Lösungen auszuspielen.
Welche Trends werden den Metallbau in den kommenden Jahren besonders prägen?
Züger: Ein zentrales Thema bleibt die Kombination aus Energieeffizienz, Sicherheit und Komfort. Gebäudehüllen, Türen und Verglasungen müssen heute deutlich mehr leisten als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Anforderungen an Wärmedämmung, Einbruchschutz und Bedienkomfort steigen stetig. Gleichzeitig erwarten Bauherren eine ästhetisch anspruchsvolle Umsetzung. Diese Balance zwischen Technik und Gestaltung wird immer wichtiger.
Marquart: Hinzu kommt die zunehmende Digitalisierung von Prozessen. Planung, Fertigung und Montage sind heute enger verzahnt als früher. Digitale Planungsinstrumente, präzisere Vorfertigung und strukturierte Abläufe erhöhen die Effizienz, setzen aber auch Investitionen und Know-how voraus. Wer langfristig erfolgreich bleiben will, muss technologische Entwicklungen aufnehmen und gleichzeitig handwerkliche Qualität sichern. In dieser Verbindung sehen wir unsere Aufgabe.
Und wo sehen Sie die Lüchinger Metallbau AG 2036?
Züger: Als wirtschaftlich solides Unternehmen mit starker Ausbildungsbasis und technischer Weiterentwicklung.
Marquart: Und als Arbeitgeber, von dem Mitarbeiter sagen, dass sie gerne hier arbeiten und Verantwortung übernehmen können. Wenn uns das gelingt, sichern wir nicht nur die nächsten Jahre, sondern die nächste Generation.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Rebekka Grossglauser
