Zwischen Thron und Tragödie
Für Sokolowski ist Amneris eine der spannendsten Figuren des Werks: «Ich empfinde Amneris als die am stärksten ausgearbeitete Rolle. Verdi und sein Librettist Ghislanzoni haben ihr eine enorme Komplexität verliehen; das gibt uns als Darsteller:innen sehr viel Spielraum.» Reizvoll ist die Ambivalenz der Figur: «Sie ist ja die Antagonistin, aber mit so viel Tiefe, dass sie das Publikum trotz ihrer Handlungen für sich gewinnen kann.» Auch musikalisch habe die Partie Gewicht: «Ihre Musik ist unglaublich, vor allem im vierten Akt, und sie passt hervorragend zu meiner Stimme.»
Diese Verbindung von äusserer Stärke und innerer Verletzlichkeit macht für Sokolowski den Kern der Rolle aus. «Amneris’ Macht ergibt sich aus ihrem Status und ihrem Temperament. Spannend wird es dort, wo sich ihre Verletzlichkeit zeigt und wie eng diese mit ihren Racheakten verbunden ist.» Was wie Stärke wirke, sei oft das Gegenteil: «Diese Momente erscheinen wie Machtdemonstrationen, aber in Wahrheit zeigen sie sie in ihrem verletzlichsten Zustand.»
Im Dreiecksverhältnis zwischen Aida, Radamès und Amneris ist für Sokolowski entscheidend, dass die Prinzessin nicht nur von Eifersucht getrieben ist, sondern von Liebe. «Das ist zentral, sonst wirkt die Geschichte nicht glaubwürdig. Ohne echte Gefühle erscheinen ihre Ausbrüche als blosses Ego.» Amneris erlebe Zurückweisung und Verlust, auch in Bezug auf Kontrolle und Macht.
Während ihrer Zeit als Ensemblemitglied hat Sokolowski in St.Gallen bereits u. a. Tosca und Lady Macbeth gesungen. Amneris verbindet für sie Elemente beider Rollen. Stimmlich gebe es Parallelen zu Lady Macbeth, «allerdings liegt die Partie etwas tiefer, da es sich um eine Rolle handelt, die heute oft von Mezzosopranistinnen gesungen wird». Die grösste Herausforderung liege anderswo: «Amneris steht weniger lange auf der Bühne. Das klingt zunächst einfacher, ist es für mich aber nicht. Wenn ich durchgehend spiele, kann ich in einem Flow bleiben.»
Auch privat ist Sokolowski mit St.Gallen verbunden: Sie lebt hier mit ihrem Bruder, dem Tenor Christopher Sokolowski. Konkurrenzdenken gibt es keines: «Wir sind die grössten Fans des jeweils anderen.» Auf der Bühne trifft sie nun auf Amber Monroe als Aida und Marcelo Puente als Radamès. Gegenseitiges Vertrauen sei entscheidend: «Die Beziehungen auf der Bühne sind zentral für den Erfolg einer Produktion. Man muss vom ersten Probentag an offen und ehrlich miteinander arbeiten.»
Den Druck einer so bekannten Oper empfindet Libby Sokolowski nicht als Belastung. «Bei ikonischen Rollen hilft mir Druck eher, als dass er mich stresst.» Die bestehenden Interpretationen seien inspirierend: «Es ist unglaublich, Teil eines Werks mit so viel Geschichte zu sein.»
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
