Der Senkrechtstarter aus dem Jura
Es gibt Karrieren, die langsam wachsen. Und es gibt jene, bei denen plötzlich vieles zusammenkommt: Talent, Arbeit, Mut, das richtige Umfeld und Pferde, die mehr ermöglichen als schöne Resultate. Bei Gaëtan Joliat ist im vergangenen Jahr vieles in Bewegung geraten. Der Springreiter aus Delémont ist am 3. August 2005 geboren, stammt aus dem Jura und hat den Stall nie als romantische Kulisse verstanden, sondern als Arbeitsplatz. Er ist mit Pferden aufgewachsen, hat seine berufliche Ausbildung in der Pferdewelt absolviert und arbeitet als Reiter bei Olivier de Coulon. Der Weg in den Spitzensport ist für ihn kein Traum geblieben, sondern Alltag geworden.
Joliat weiss, dass der Sprung vom Nachwuchssport in die Elite gross ist.
Er weiss auch, dass Talent allein in einem anspruchsvollen Parcours wenig nützt, wenn Rhythmus, Übersicht, Nerven und Pferdegefühl fehlen. Gerade deshalb ist seine Entwicklung bemerkenswert: Joliat reitet nicht jugendlich ungestüm, sondern mit einer Reife, die man bei einem 20-Jährigen nicht selbstverständlich erwartet.
Ein erster grosser Fingerzeig gelang ihm am 17. August 2025 an der Elite-Schweizermeisterschaft in Kappelen-Lyss. Mit der Stute Just Special VK ritt Gaëtan Joliat bereits in der ersten Qualifikationsprüfung an die Spitze und bestätigte seine Form über das ganze Championat hinweg. Am Ende gewann er hinter Eva Gautschi die Silbermedaille, Bronze ging an Noah Keller. Für einen damals 20-jährigen Reiter war das weit mehr als ein schönes Ergebnis. Es war ein Signal an die Szene: Hier kommt einer, der nicht nur bei den Jungen mithalten kann, sondern auch bei der Elite bereit ist.
Noch emotionaler wurde es wenige Wochen später in Avenches: Im Final der Longines EEF Series gehörte Joliat mit Chelsea Z zur Schweizer Equipe. Die EEF Series gilt als wichtige Brücke zwischen Nachwuchs, Nationenpreis-Erfahrung und grossem Spitzensport. Genau diese Brücke hat Joliat genutzt. Im ersten Umgang hatte er zwar drei Springfehler, sein Resultat wurde jedoch gestrichen. Im zweiten Umgang musste er als Schlussreiter fehlerfrei bleiben, um die Schweiz im Rennen für das Stechen zu halten. Das gelang ihm.
Dann kam jener Moment, der aus einem guten Nachwuchsreiter einen Mann für grosse Aufgaben machen kann: Joliat trat gegen Sara Brionne an, blieb mit Chelsea Z erneut fehlerfrei und war gut eine Sekunde schneller. Damit holte er den Sieg für die Schweiz. Auf heimischem Boden, unter Druck, für das Team. Das vergisst ein Reiter nicht.
Der nächste Schritt folgte kurz darauf mit seinem ersten Fünfstern-CSIO im Schweizer Team in St-Tropez-Gassin.
Knapp zwei Wochen nach Avenches stand Joliat bereits wieder auf einer anderen Bühne. Das Tempo, mit dem er neue Erfahrungen sammelt, ist hoch. Doch bisher entsteht nicht der Eindruck, dass er überfordert wird. Vielmehr scheint jede neue Aufgabe Teil eines sorgfältigen Aufbaus zu sein.
Anfang 2026 folgte in Basel ein weiterer Auftritt, der den Namen Gaëtan Joliat einem breiteren Publikum bekannt machte. Bei den Longines CHI Classics reiste er als Weltnummer 265 an und ritt mit Just Special VK im Weltcupspringen ins Stechen. In einem Feld mit internationaler Klasse belegte er am Ende den siebten Rang. Martin Fuchs wurde als bester Schweizer Vierter, Joliat aber war die Überraschung des Tages. Nicht wegen eines Zufalls, sondern weil er den schweren Parcours mit einer Souveränität bewältigte, die man eher von einem erfahrenen Routinier erwartet hätte. Nach der Siegerehrung sprach Joliat von der eindrücklichen Atmosphäre und davon, dass er noch relativ neu im Fünfsternzirkus sei. Aus diesem Erlebnis werde er einiges mitnehmen. Wichtig sei für ihn momentan vor allem, Erfahrung zu sammeln.
Basel war kein Sieg, aber ein Beweis: Joliat kann auch dann liefern, wenn die Halle voll ist, die Hindernisse hoch sind und jeder Fehler sofort sichtbar wird.
Mitte Februar 2026 bestätigte er diese Entwicklung im Team. Beim CSIO5* in Abu Dhabi, dem Auftakt zur Longines League of Nations, gehörte Joliat zur Schweizer Equipe. Mit Just Special VK gelangen ihm zwei fehlerfreie Runden, womit er entscheidend zum vierten Platz der Schweiz beitrug. Nur wenige Reiter schafften an diesem Tag zwei Nullrunden.
Dieser Satz ist typisch für Gaëtan Joliat.
Er klingt nicht wie einer, der seine Erfolge kleinreden will. Er klingt wie einer, der verstanden hat, dass der Weg nach oben im Springsport selten geradlinig ist. Erfahrung lässt sich nicht kaufen und nicht abkürzen. Man muss sie reiten: in fremden Stadien, in Nationenpreisen, in Stechen, in schwierigen Momenten, mit Pferden, die nicht jeden Tag gleich sind. Joliat sammelt genau diese Erfahrung gerade in beeindruckender Kadenz.
Nun soll für ihn ein besonderer Schritt folgen: Er ist erstmals für das Schweizer Team beim Heim-CSIO in St.Gallen vorgesehen. Das Gründenmoos ist für Schweizer Springreiter kein beliebiger Turnierplatz. Der Longines CSIO St.Gallen ist Bühne, Belastungsprobe und Heimspiel zugleich. Für Joliat wäre ein Einsatz in St.Gallen folgerichtig und symbolisch zugleich: Der Reiter, der 2024 am CSIO St.Gallen bereits eine Prüfung für Swiss Talents unter 25 Jahren gewann, kehrt nun als möglicher Mann für die grosse Schweizer Aufgabe zurück.
Noch ist Gaëtan Joliat kein fertiger Champion. Das wäre mit 20 Jahren auch eine falsche Erwartung. Aber er ist ein Reiter, bei dem man genauer hinschaut, weil seine Entwicklung Substanz hat. Er hat bereits gezeigt, dass er nationale Medaillen gewinnen, im Team bestehen, im Weltcup auffallen und im Nationenpreis Nullrunden liefern kann. Nun geht es darum, diese Leistungen zu stabilisieren und aus starken Momenten eine lange Karriere zu formen.
Text: Stephan Ziegler
