Neubau Ostschweizer Kinderspital

Mehr als Medizin

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Im Ostschweizer Kinderspital geht Pflege über die medizinische Versorgung hinaus. Eltern und Angehörige werden von Anfang an in Betreuung und Entscheidungen einbezogen. Für Pflegeleiterin Franziska von Arx-Strässler ist das keine Zusatzaufgabe, sondern Teil der Haltung im Kispi.

Für Franziska von Arx-Strässler beginnt Pflege mit Vertrauen. «Wir wollen von Anfang an eine Beziehung mit der Familie aufbauen», sagt die Bereichsleiterin Pflege und Betreuung des Ostschweizer Kinderspitals. Der Neubau bringe für Familien spürbare Verbesserungen. Mehr Einzel- und Zweibettzimmer, eigene Nasszellen, Aufenthaltsräume und grössere Spielbereiche sollen den Alltag erleichtern.

Angehörige einbeziehen

Seit 2005 arbeitet das Haus mit dem Ansatz der familienzentrierten Betreuung. Für Franziska von Arx-Strässler ist das mehr als ein Konzept. Es ist eine Haltung, es geht um Werte. Die Familie spüre, wenn man sie ernst nehme und einbeziehe. «Eltern sind die Experten ihrer Kinder.» Dieser Gedanke wird im Kispi gelebt. «Beim OKS atmen das die Mauern», sagt die Pflegeleiterin.

Schon beim Eintritt ins Spital gehe es um mehr als medizinische Informationen. «Wir machen eine Anamnese, die nicht nur das Kind betrifft», sagt von Arx-Strässler. «Wir wollen wissen: Wie sieht die Familie aus? Wer gehört dazu? Welche Ressourcen hat sie? Wo braucht sie Unterstützung?» Gerade bei chronisch kranken Kindern seien die Fachpersonen auf die Erfahrung der Eltern angewiesen.

«Die Eltern leisten viel bei der Versorgung ihrer Kinder. Dafür braucht es Wertschätzung», so von Arx-Strässler. Gleichzeitig gehe es darum, den Familien während des Aufenthalts Sicherheit zu geben. Sichtbar wird dieser Ansatz im Neubau etwa mit den neuen «Family Boards» in den Patientenzimmern. Die Tafeln helfen, Informationen transparent zu machen und Anliegen aufzunehmen. Kinder können dort festhalten, wie es ihnen geht. Eltern können Fragen für die Visite notieren. Gleichzeitig sehen Familien, wer zuständig ist oder welche Schritte geplant sind. Es gehe darum, Eltern aktiv einzubinden, nicht nur zuzuhören. «Wir müssen die Eltern im Boot haben, damit wir eine möglichst wirkungsvolle Versorgung bieten können.»

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Franziska von Arx-Strässler, Bereichsleiterin Pflege und Betreuung.
Franziska von Arx-Strässler, Bereichsleiterin Pflege und Betreuung.

Mit dem Familienbeirat holt das Kispi diese Perspektive auch strukturell ins Haus. Zweimal pro Jahr treffen sich betroffene Familien mit Vertreterinnen und Vertretern des Spitals. Gemeinsam diskutieren sie Fragestellungen aus dem Alltag. «Wir wollen ihre Expertise abholen und Ideen mitnehmen», sagt von Arx-Strässler. Dass die Erwartungen von Familien gestiegen seien, bestreitet sie nicht. Gleichzeitig erlebe sie, dass Vertrauen vieles einfacher mache. «Wenn wir uns schon am Anfang Zeit nehmen und die Familie merkt, dass wir interessiert sind und sie einbezogen wird, gibt es viel weniger Diskussionen.»

Eng mit dem Kispi verbunden ist auch das Ronald-McDonald-Elternhaus neben dem Spital. Dort finden Eltern und Geschwister während längerer Aufenthalte eine Unterkunft. «Die Idee ist, dass Familien ein Zuhause auf Zeit haben, wo sie sich erholen und durchschnaufen können», sagt von Arx-Strässler. Viele Familien schätzten auch den Austausch mit anderen Betroffenen.

Bildung weiter ermöglichen

Eine besondere Rolle spielt auch das Lernatelier der Spitalpädagogik. Kinder und Jugendliche sollen trotz Krankheit den Anschluss nicht verlieren. Das Recht auf Bildung gilt unabhängig davon, wo sich ein Kind befindet. Die Lehrpersonen stehen in Austausch mit den Schulen der Kinder und passen den Unterricht an die Situation im Spital an. Manche Jugendliche besuchen Gruppenunterricht, andere erhalten Einzelunterricht im Zimmer. Gerade auf der psychosomatischen Therapiestation brauche es Flexibilität, weiss von Arx-Strässler. «Es kann sein, dass jemand am Morgen noch nicht bereit ist für den Unterricht und erst später einsteigen kann.» Neben klassischen Schulfächern gibt es auch kreative Angebote.

Thomas Stucki  Hof zu Wil  

Kultur des Miteinander

Rund 300 Vollzeitstellen umfasst der Bereich Pflege und Betreuung. Dazu kommen Mitarbeitende in Ausbildung. Das Kispi investiere bewusst in den eigenen Nachwuchs, sagt von Arx-Strässler. Einen eigentlichen Notstand habe sie deshalb am Kispi nie erlebt. «Wir haben deutlich mehr Bewerbungen als Ausbildungsplätze.» Ein Grund dafür sei die Kultur im Haus. «Die Mitarbeitenden kümmern sich um die Auszubildenden. Sie werden gefördert, behütet, aber nicht überbehütet. Man traut ihnen auch etwas zu. Es gibt wenig Hierarchien, man kennt und vertraut sich.» Die Zusammenarbeit funktioniere interdisziplinär und eng abgestimmt. In sogenannten Reflecting-Teams würden Fälle gemeinsam angeschaut und Lösungen gesucht. «Es ist ein Miteinander – auch unter den verschiedenen Professionen.»

Was die Arbeit mit Kindern von jener im Erwachsenenbereich unterscheidet, beschreibt von Arx-Strässler so: «Man merkt sofort, was ankommt und was nicht.» Kinder reagierten unmittelbar. «Man kann nicht einfach sagen: Jetzt nehmen wir Blut ab, fertig. Man muss kreativ sein, Kinder ablenken und überlegen, welche nicht-medikamentösen Interventionen helfen, sie zu beruhigen.»

Neue Verbindung mit der Frauenklinik des HOCH

Mit dem Umzug in den Neubau beginnt für das Kispi eine neue Phase. Neu wird die Neonatologie von HOCH Health Ostschweiz ins neue Kinderspital integriert. «Das ist eine enorme Qualitätsverbesserung», sagt von Arx-Strässler. Heute müssen kritisch kranke Neugeborene mit der Ambulanz zwischen HOCH und OKS transportiert werden. Im Neubau verbindet eine Passerelle die Frauenklinik mit dem Kinderspital. Dafür müssen die neuen Teams zusammenwachsen.

Besonders freut sich die Pflegeleiterin über die Atmosphäre des neuen Hauses. «Man merkt sofort, dass es ein Spital für Kinder und Jugendliche ist.» Illustrationen, Dachgärten und Gartenzimmer würden helfen, die Natur ins Gebäude zu holen. «Ich hoffe zudem, dass unser familiärer Spirit erhalten bleibt – trotz mehr Etagen und Liften.» Denn dieses Miteinander sei es, das das Arbeiten am Kispi so wertvoll mache.

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