FCSG Cupsieger 2026

Aus Hoffnung wird Erfahrung

Aus Hoffnung wird Erfahrung
Martin Schönenberger: Der Cupsieg ist ein Signal für die Region.
Lesezeit: 7 Minuten

Für Martin Schönenberger, ehemaligen Verwaltungsrat des FC St.Gallen 1879 und OK-Präsidenten der «Nacht des Ostschweizer Fussballs», ist der Cupsieg mehr als ein Pokal: ein psychologischer Befreiungsschlag, wirtschaftlicher Rückenwind und ein Beleg für die identitätsstiftende Kraft des FCSG in der Ostschweiz.

Martin Schönenberger, was war Ihr erster Gedanke, als der Schlusspfiff im Wankdorf ertönte?
Ich dachte: Jetzt ist es wirklich passiert. Nicht vielleicht, nicht irgendwann, nicht «nächstes Jahr», sondern jetzt. Für den FC St.Gallen, für die Stadt, für die ganze Ostschweiz war das ein Moment, den man nicht planen, nicht kaufen und nicht künstlich erzeugen kann. So etwas entsteht nur, wenn eine Mannschaft, ein Verein und eine Region über Jahre an etwas glauben.

War es sportlich so eindeutig, wie das Resultat aussieht?
Das Resultat sieht souverän aus, aber der Weg dorthin war alles andere als selbstverständlich. Ein frühes Tor hilft natürlich, doch mit der Roten Karte gegen den eigenen Torhüter wurde der Final plötzlich zu einer Charakterprüfung. Auch deshalb hat mich dieser Sieg beeindruckt: Die Mannschaft ist nicht auseinandergefallen, sie hat sich nicht in Ausreden geflüchtet, sondern ist enger zusammengerückt. Das ist für mich die eigentliche sportliche Botschaft dieses Finals: Der FCSG hat nicht nur gut gespielt, er hat Widerstand ausgehalten. 

Was sagt der Titel über die aktuelle Mannschaft aus?
Dass diese Mannschaft Substanz hat. Es gibt Teams, die gewinnen, wenn alles leicht läuft. Und es gibt Teams, die gewinnen, wenn es schwierig wird. Letzteres bleibt haften. Der FC St.Gallen hat gezeigt, dass er emotional, taktisch und mental reif genug ist, einen Final über die Ziellinie zu bringen. Das ist im Cup enorm wichtig. Ein Final ist kein normales Meisterschaftsspiel. Da zählt nicht nur Qualität, sondern auch Nervenstärke, Überzeugung und die Fähigkeit, sich von Zwischenfällen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Der Titel war das Tüpfelchen auf dem i für eine sehr erfolgreiche Meisterschaft.

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Psychologisch dürfte dieser Titel viel auslösen.
Ganz sicher. Der FCSG hatte seit dem Meistertitel 2000 keinen grossen Titel mehr gewonnen, im Cup sogar seit 1969 nicht mehr. Solche Zahlen werden irgendwann zu einem Rucksack. Man spricht von Sehnsucht, von verpassten Chancen, von Finalniederlagen, man denke etwa an die «Zweitgenossen» im Hockey. Mit diesem Sieg fällt ein Teil dieser Last weg. Für die Spieler ist das enorm wertvoll. Sie wissen nun: Wir können das. Für den Verein ist es ebenso wichtig, weil aus Hoffnung wieder Erfahrung wird. Und für die Fans ist es ein Geschenk, weil viele von ihnen diesen Moment noch nie erlebt hatten.

Sie waren selbst über viele Jahre nahe am Verein. Was ging Ihnen persönlich durch den Kopf?
Ich musste an viele Menschen denken, die dem FCSG über Jahrzehnte treu geblieben sind. An Staff, Funktionäre, Sponsoren, Donatoren, freiwillige Helfer, Trainer im Nachwuchs, ehemalige Spieler und natürlich an die Fans. Ein solcher Titel gehört nie nur den elf Spielern auf dem Platz. Er gehört allen, die mitgetragen haben, auch in Jahren, in denen es weniger glänzend war. Beim FCSG gab es immer wieder schwierige Phasen. Wer den Verein kennt, weiss: In St.Gallen wird nicht nur konsumiert, in St.Gallen wird mitgelitten. Darum fühlt sich ein solcher Erfolg so intensiv an.

Sie kennen auch die wirtschaftliche Seite des Fussballs. Was bedeutet der Cupsieg für den FCSG?
Rückenwind! Ein Titel verändert nicht automatisch jede Bilanz, aber er stärkt die Marke, die Identifikation und die Attraktivität des Vereins. Sponsoren wollen Teil einer positiven Geschichte sein. Partner spüren, dass hier nicht einfach ein Fussballprodukt verkauft wird, sondern Zugehörigkeit. Für den FC St.Gallen ist das ein grosser Wert. Die Ostschweizer Wirtschaft tickt stark über Vertrauen, Verlässlichkeit und persönliche Beziehungen. Beim FCSG entstehen genau diese Gespräche: Man trifft sich im Stadion, man freut sich gemeinsam, man identifiziert sich mit derselben Sache. Das ist wirtschaftlich nicht zu unterschätzen.

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Der DienstagClub war und ist ein wichtiger Teil dieses Umfelds. Welche Rolle spielt er?
Der DienstagClub ist nie einfach ein Sponsorenclub im engen Sinn gewesen. Er war immer auch ein Bekenntnis zum FC St.Gallen und zur Region. Uns ging es darum, Freundschaft, Geselligkeit, Business und Verantwortung miteinander zu verbinden. Man unterstützt nicht nur einen Verein, weil er gewinnt. Man unterstützt ihn, weil man an seine Bedeutung glaubt. Natürlich macht ein Cupsieg die Sache schöner. Aber die wahre Stärke solcher Netzwerke zeigt sich in den Jahren, in denen nicht jeder Ball ins Tor fällt. 

Gibt es aus Ihrer Zeit beim FCSG eine Anekdote, die Ihnen bei diesem Cupsieg wieder in den Sinn kam?
Ja, ich musste schmunzeln, weil der FC St.Gallen früher manchmal sehr kreativ sein musste, um Mittel zu beschaffen und Menschen bei der Stange zu halten. Da wurde umjede Unterstützung gekämpft, da wurden Ideen entwickelt, da wurden auch einmal Kleber verkauft. Das klingt heute fast romantisch, war aber ernst gemeinte Basisarbeit. Man spürte: Dieser Verein lebt, weil Leute bereit sind, etwas zu tun. Nicht nur zu reden, nicht nur zu kritisieren, sondern anzupacken. Diese Haltung hat den FCSG durch schwierige Zeiten getragen.

Die «Nacht des Ostschweizer Fussballs» ist ebenfalls aus diesem Umfeld heraus entstanden.
Ja, die Idee entstand aus dem Gedanken, den Ostschweizer Fussballnachwuchs zu fördern. Der FCSG ist das Aushängeschild, aber darunter gibt es eine riesige Basis: Vereine, Trainer, Betreuer, Funktionäre, Nachwuchsspieler, Familien, Sponsoren. Die Fussballnacht soll all diesen Menschen eine Bühne geben und gleichzeitig den Nachwuchs unterstützen. Das ist mir bis heute wichtig. Fussball besteht nicht nur aus Profis, Transfers und Tabellen. Er beginnt auf kleinen Plätzen, bei Eltern am Spielfeldrand, bei Trainern, die nach Feierabend noch ein Training leiten.

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Welche Bedeutung hat Future Champs Ostschweiz in diesem Zusammenhang?
Future Champs Ostschweiz ist zentral, weil professionelle Nachwuchsförderung in einer doch überschaubaren Region wie der Ostschweiz nur funktioniert, wenn Kräfte gebündelt werden. Es reicht nicht, ein paar talentierte Jugendliche zu entdecken. Man muss sie begleiten, sportlich ausbilden, schulisch einbetten und menschlich stärken. Der Traum vom Profifussball ist schön, aber nicht jeder wird Profi. Deshalb ist die duale Ausbildung so wichtig. Gute Nachwuchsarbeit misst sich nicht nur daran, wie viele Spielerim Profikader landen, sondern auch daran, welche Persönlichkeiten daraus entstehen, darunter Fabian Schär, Silvan Hefti, Betim Fazliji, Christian Witzig, Diego Besio, Joel Ruiz oder Nevio Scherrer. Besio, Ruiz und Witzig kamen im Final zum Einsatz; letzterer setzte mit seinem Treffer zum 3:0 den gloriosen Schlusspunkt.

Welche gesellschaftliche Funktion erfüllt der FC St.Gallen für die Ostschweiz?
Eine sehr grosse. Der FCSG ist einer der wenigen Orte, an dem sich die Ostschweiz über Gemeinde-, Kantons-, Berufs- und Altersgrenzen hinweg begegnet. Im Stadion stehen Unternehmer neben Lehrlingen, Familien neben Studenten, langjährige Fans neben Kindern, die zum ersten Mal dabei sind. Dieser Verein schafft Gemeinschaft. In einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet, ist das wertvoll. Der FCSG gibt der Region ein gemeinsames Gefühl. Er ist Identität, Gesprächsstoff, Emotion und Heimat zugleich.

Ist das auch ein Grund, weshalb der Nachwuchs so wichtig ist?
Absolut. Wenn ein junger Spieler aus der Region den Sprung in ein A-Kader schafft, dann erkennt sich die Ostschweiz in ihm wieder. Es ist etwas anderes, ob ein Spieler irgendwo eingekauft wird oder ob er über regionale Strukturen heranwächst. Nachwuchsarbeit verbindet Spitzenfussball mit Basisfussball. Sie zeigt einem Kind in Appenzell, im Rheintal, im Thurgau oder in St.Gallen: Auch du kannst Teil dieser Geschichte sein. Vielleicht nicht immer als Profi, aber als Spieler, Trainer, Fan, Funktionär oder Sponsor.

«Der FCSG ist mehr als ein Fussballverein – er gibt der Ostschweiz Identität, Emotion und Heimat.»

Wie unterscheidet sich der heutige FCSG von jenem Verein, den Sie aus Ihrer Zeit im Verwaltungsrat kennen?
Er ist professioneller geworden. Das betrifft Strukturen, Kommunikation, Vermarktung, Sportanalyse, Nachwuchs, Stadionbetrieb und vieles mehr. Früher war vieles persönlicher, manchmal auch improvisierter. Das hatte Charme, aber es war nicht immer nachhaltig. Heute ist der FC St.Gallen breiter aufgestellt und in vielen Bereichen moderner geführt. Gleichzeitig hat er seine Seele nicht verloren. Die grosse Kunst besteht darin, professionell zu sein und trotzdem nahbar zu bleiben. Beim FCSG ist diese Mischung entscheidend.

Hat der Verein diese Mischung?
Ich finde, ja. Der FCSG hat sich weiterentwickelt, ohne seine Herkunft abzustreifen. Natürlich gibt es immer Diskussionen, Kritik und Emotionen. Das gehört in St.Gallen dazu. Aber die Grundenergie ist positiv. Man spürt, dass der Verein eine starke Verankerung hat. Und man spürt, dass der Cupsieg nicht als Zufallsprodukt wahrgenommen wird, sondern als Bestätigung eines Weges.

Was löst der Cupsieg für die kommenden Jahre aus?
Vertrauen schaffen! Vertrauen bei Spielern, die sehen, dass man in St.Gallen Titel gewinnen kann. Vertrauen bei Sponsoren, die merken, dass Engagement Wirkung zeigt. Vertrauen bei Fans, die nach Rückschlägen wieder noch stärker an den Weg glauben. Und Vertrauen in der Region, dass der FC St.Gallen nicht nur ein sympathischer Traditionsverein ist, sondern sportlich ambitioniert bleiben darf. Wichtig ist nun, den Titel nicht als Endpunkt zu sehen. Er ist ein Höhepunkt, aber auch eine Verpflichtung.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Erwartungen nun zu stark steigen?
Natürlich. Erfolg macht hungrig, aber er kann auch ungeduldig machen. Man darf jetzt nicht glauben, dass jedes Jahr ein Titel folgen muss. Der Schweizer Fussball ist eng, die Konkurrenz ist gross, und ein Cupfinal hat immer auch seine eigene Dynamik. Aber der FCSG darf selbstbewusst sein. Er muss nicht klein denken. Entscheidend ist, dass man die Bodenhaftung behält; da habe ich aber bei der heutigen Führung überhaupt keine Bedenken. Das passt zur Ostschweiz: Freude zeigen, stolz sein, aber weiterarbeiten.

Welche Szene aus dem Final bleibt Ihnen besonders?
Für mich war es die Reaktion der Mannschaft nach der Roten Karte. Da sieht man, ob ein Team nur gut organisiert ist oder ob es innerlich zusammenhält. St.Gallen hat in diesem Moment nicht gehadert, sondern sich neu sortiert. Das war stark. Und natürlich bleibt das dritte Tor in der Nachspielzeit hängen. Es war wie ein emotionaler Deckel auf einen langen Weg. Danach war endgültig spürbar: Jetzt nimmt uns diesen Pokal niemand mehr.

Und was bedeutet der Titel für die Fans?
Für viele ist er ein Generationenerlebnis. Wer 1969 nicht erlebt hat und 2000 vielleicht noch zu jung war, bekam nun seinen eigenen grossen Moment. Solche Erlebnisse prägen. Kinder, die diesen Final gesehen haben, werden sich in 30 Jahren daran erinnern. Sie werden sagen: Damals bin ich FCSG-Fan geworden. Beeindruckt hat mich auch, wie viele, die sonst kaum Spiele besuchen, den Cupfinal in Bern miterlebt haben. Eine grossartige Mobilisation! Genau so entstehen Traditionen. Ein Verein lebt von Geschichten, die weitergegeben werden. Der Cupsieg 2026 ist eine solche Geschichte.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Freshfocus

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