Wenn der Raum zum Mitspieler wird
«Als ich die Kathedrale zum ersten Mal betrat, war ich überwältigt von einer sehr starken Emotion – einer Mischung aus Spiritualität, Schönheit und einer gewissen Fragilität angesichts dieses Raums, des Lichts und des Klangs», sagt Ruz. Schnell stellte sich für ihn die zentrale Frage: «Was kann Tanz zu einem Ort beitragen, der bereits eine solche Kraft und historische Tiefe besitzt?»
Sein Ansatz ist konsequent: Die Kathedrale wird nicht als Kulisse verstanden, sondern als aktiver Partner. «Wir begreifen sie als lebendigen Organismus, in dem Resonanz, Stille und räumliche Hierarchien die Dramaturgie prägen», so Ruz. Körper, Energie und Musik werden zu verbindenden Elementen, die das Publikum in ein gemeinsames Erlebnis einbinden.
Wenn die Glocken den Takt vorgeben
Eine besondere Rolle kommt den Glocken der Kathedrale zu. Sie sind nicht bloss akustischer Hintergrund, sondern integraler Bestandteil der Komposition. «Von Anfang an war klar, dass wir ihren Klang einbeziehen müssen», erklärt Antonio Ruz. Gemeinsam mit dem Komponisten und musikalischen Leiter Pablo M. Caminero entwickelte er ein Konzept, in dem die Glockenschläge dramaturgische Funktionen übernehmen.
«Jeder Glockenschlag markiert einen Übergang – von einem Akt zum nächsten, von einem Raum zum anderen, von einer musikalischen Farbe zur nächsten», sagt Ruz. Diese Struktur verlange höchste Präzision im Timing. «Doch diese Präzision ist keine Einschränkung, sondern schafft Harmonie und zugleich kreative Freiheit.»
Choreografie beginnt im Raum
Für Ruz beginnt Choreografie nicht erst mit Bewegung. «Gerade bei ortsspezifischen Projekten entsteht sie aus dem Dialog mit dem Raum», sagt der Choreograf aus Córdoba. «Sobald ich einen Ort betrete, spüre ich seine Energie, sein Licht, seine akustischen Möglichkeiten.» Raum und Klang sind für ihn die ersten «Körper», mit denen er arbeitet.
In der Kathedrale bedeutet das: Architektur und Klang werden zum Ausgangspunkt der Bewegung. «Die Choreografie ist gewissermassen bereits vorhanden – verborgen in der Geometrie des Raums und im Klang. Meine Aufgabe ist es, sie zu hören und durch die Tänzer zum Leben zu bringen.» Gemeinsam mit den Tänzern der St.Gallen Dance Company entsteht so ein Werk, das präzise auf den Ort zugeschnitten ist.
Ein Weg vom Aussen ins Innere
Die Inszenierung beginnt bewusst nicht im Kirchenraum. Der Klosterhof wird zum Auftakt. «Ich sehe ihn als eine Art Prolog», sagt Antonio Ruz. «Die Wiese, der offene Himmel, die Weite dieses öffentlichen Raums eignen sich ideal, um das Publikum in einem spielerischen, leichten Moment zusammenzuführen.»
Der Übergang vom Aussen ins Innere wird dabei selbst Teil der Choreografie. «Mich interessieren Übergänge – sie sind ein zentrales Element meiner Arbeit.» Tänzer und Publikum erleben diesen Weg gemeinsam, als kollektiven Akt, der auf das vorbereitet, was im Innern folgt: ein musikalisch-choreografisches Ritual.
Tanz jenseits der Bühne
Für Ruz ist klar, dass Tanz nicht an klassische Bühnen gebunden ist. «Seit jeher existiert Tanz im Freien – in der Natur, in Ritualen, in Tempeln», sagt er. Die Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen Orten eröffne neue Perspektiven. «Wenn wir den Tanz aus dem Bühnenraum lösen, entstehen neue kreative Möglichkeiten und Herausforderungen.»
Ein solches Projekt zwinge dazu, alles neu zu denken: die Wahrnehmung des Publikums, die Verteilung des Klangs, die Nähe zwischen Darstellern und Zuschauern. «Es geht darum, mit der Architektur und der Seele eines Ortes in Dialog zu treten.»
Die vielen Facetten von Grace
Im Zentrum des Stücks steht der Begriff Grace, also Anmut. Für Ruz ist er bewusst offen gehalten. «Das Wort ruft sofort die inhärente Schönheit des Tanzes hervor», sagt er. «Es steht für Eleganz, für etwas Göttliches, aber auch für Leichtigkeit und Spiel.»
Anstatt den Begriff festzulegen, entfaltet Antonio Ruz seine Bedeutungen in verschiedenen Facetten. «Jeder Teil beleuchtet einen anderen Aspekt – Anmut, Gebet, Eleganz oder Segen.» Das Publikum wird auf eine Reise mitgenommen, die vom Intimen ins Gemeinsame führt, vom Ernsthaften ins Spielerische. Dabei bleibt der Zugang sinnlich: «Es geht nicht darum, Grace zu erklären, sondern sie spürbar zu machen.»
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Die Kathedrale als Ganzes erleben
Die Architektur der Kathedrale spielt dabei eine zentrale Rolle. Ruz sucht sowohl den Dialog als auch den Kontrast. «Der Raum bringt bereits eine starke Szenografie mit», sagt er. Gleichzeitig nutzt er unterschiedliche Orte innerhalb des Gebäudes, um neue Perspektiven zu schaffen.
Emporen, Seitenschiffe oder auch der Raum zwischen den Bänken werden in die Inszenierung einbezogen. «Eine wichtige dramaturgische Idee ist es, den gesamten ‹Körper› der Kathedrale zu aktivieren.» Tänzer erscheinen und verschwinden an unerwarteten Orten. So richtet sich der Blick des Publikums immer wieder neu auf die Dimensionen des Raums – seine Höhe, seine Intimität, seine Monumentalität.
Der Moment der Wahrheit
Der Entstehungsprozess verläuft in mehreren Phasen. Nach der Probenarbeit im Studio folgt die intensive Auseinandersetzung mit dem konkreten Raum. «Erst in den Endproben verstehen wir das Werk als Ganzes», sagt Antonio Ruz. «Dann beginnen Raum, Klang, Bewegung und Stimme wirklich miteinander zu sprechen.»
Am Ende steht kein erklärendes Konzept, sondern ein Erlebnis. «Grace handelt von Präsenz – von bewegten Körpern, gemeinsamen Stimmen und Musik, die durch Stein vibriert», sagt Ruz. «Unser Ziel ist nicht, Grace zu definieren, sondern sie für einen Moment fühlbar zu machen.»
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
