Wann sich ein E-LKW rechnet
Martin Lörtscher, Hugelshofer setzt inzwischen in grossem Stil auf Elektro-LKW. Was hat Sie als Unternehmer dazu bewogen, so früh und konsequent auf diese Technologie zu setzen?
Für uns war früh klar, dass der Elektroantrieb im schweren Strassentransport eine zentrale Rolle spielen wird. Ein Elektroantrieb erreicht einen Wirkungsgrad von nahezu 90 Prozent, ein Dieselmotor rund 45 Prozent. Deshalb wollten wir früh eigene Erfahrungen sammeln. Dabei ging es um Nachhaltigkeit und CO₂-Reduktion, aber ebenso um eine langfristige unternehmerische Perspektive. Wer eine grosse Fahrzeugflotte betreibt, muss sich heute fragen, wie sie in zehn oder fünfzehn Jahren wirtschaftlich und zuverlässig betrieben werden kann.
Ist der E-LKW heute bereits das wirtschaftlich bessere Fahrzeug?
Bei einem passenden Einsatzprofil kann er bereits heute wirtschaftlich interessant sein. Entscheidend sind die Gesamtkosten über die Nutzungsdauer. Hohe Fahrleistungen, planbare Touren, eine eigene Ladeinfrastruktur und möglichst günstiger eigener PV-Strom verbessern die Wirtschaftlichkeit erheblich.
Wo liegen die entscheidenden Unterschiede bei den Kosten?
Ein Elektro-LKW ist in der Anschaffung deutlich teurer. Dafür können die Energiekosten pro Kilometer tiefer sein, insbesondere mit eigenem Solarstrom. Hinzu kommen tiefere Wartungskosten, weil ein Elektromotor weniger bewegliche Teile besitzt und die Bremsen durch die Rekuperation weniger beansprucht werden.
Wann rechnet sich die Mehrinvestition?
Das hängt stark vom Einsatzprofil, Strompreis und der jährlichen Fahrleistung ab. Je intensiver ein Elektro-LKW eingesetzt wird, desto stärker wirken sich seine tieferen Betriebskosten aus, wobei derzeit auch die LSVA-Befreiung für Elektro-LKW zur Wirtschaftlichkeit beiträgt. Bei gut ausgelasteten Fahrzeugen kann sich die Mehrinvestition innerhalb von zwei bis drei Jahren rechnen.
Ist die Reichweite noch ein entscheidendes Hindernis?
Heute deutlich weniger als noch vor drei Jahren. Die neuesten Fahrzeuge erreichen Reichweiten von über 500 Kilometern. Damit können wir einen grossen Teil unserer täglichen Transporte elektrisch abwickeln. Die grössere Herausforderung ist heute oft, wo und wann geladen werden kann. Bei planbaren Touren mit Rückkehr an den eigenen Standort lässt sich das gut organisieren. Lange oder kurzfristig wechselnde Transporte bleiben anspruchsvoller.
Wäre eine Flotte dieser Grösse ohne eigene Ladeinfrastruktur überhaupt möglich?
Kaum. Einzelne Elektro-LKW kann man auch über öffentliche Ladepunkte betreiben. Eine grössere Flotte benötigt jedoch eine leistungsfähige und intelligent gesteuerte Infrastruktur am eigenen Standort. Fahrzeug, Ladeinfrastruktur, Stromversorgung und Energiemanagement gehören für uns deshalb zwingend zusammen. Das notwendige Know-how musste unser Team zuerst aufbauen.
Woher kommt der Strom für 85 E-LKW?
Ein wichtiger Teil stammt aus unseren Photovoltaikanlagen. Wir produzieren rund 1,85 Millionen Kilowattstunden Solarstrom pro Jahr. Gleichzeitig steuern wir die Ladevorgänge intelligent. Das Energiemanagement berücksichtigt Ladezeiten, Photovoltaikproduktion und Netzbelastung. So können wir Lastspitzen möglichst vermeiden. Künftig werden Batteriespeicher das System zusätzlich unterstützen. Aber klar ist: Auch wir benötigen Strom aus dem Netz.
Wo ist der Diesel heute noch im Vorteil?
Bei sehr langen, schwer planbaren Transporten, internationalen Verkehren mit unsicherer Ladeinfrastruktur oder wenn Fahrzeuge praktisch rund um die Uhr im Einsatz stehen. Auch bei speziellen Transportaufgaben kann der Diesel noch Vorteile besitzen. Deshalb beurteilen wir jedes Einsatzprofil einzeln und elektrifizieren dort, wo es technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Wie kommt die Umstellung bei Fahrern und Kunden an?
Sehr positiv. Unsere Fahrer schätzen den ruhigen Antrieb, die gute Beschleunigung und den Fahrkomfort. Viele möchten nicht mehr auf einen Diesel-LKW zurückwechseln. Auch von unseren Kunden erhalten wir positive Rückmeldungen. Nachhaltigkeit und CO₂-Reduktion gewinnen in den Lieferketten an Bedeutung. Zudem sind die Fahrzeuge wesentlich leiser, was insbesondere bei Nachttransporten und in dicht besiedelten Gebieten ein Vorteil ist.
Bis 2027 wollen Sie 100 E-LKW einsetzen. Wann kommt der vollständige Abschied vom Diesel?
Einen Zeitpunkt zu nennen, wäre heute unseriös. Dafür müssen Fahrzeuge für sämtliche Einsatzbereiche verfügbar sein und die öffentliche Ladeinfrastruktur für den Schwerverkehr deutlich ausge-baut werden. Auch Stromnetze und Netzanschlüsse müssen mit dem steigenden Leistungsbedarf Schritt halten. Entscheidend ist für uns nicht ein symbolisches Enddatum. Wir ersetzen Diesel-LKW dort, wo dies technisch sinnvoll und wirtschaftlich verantwortbar ist.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: zVg
