Zwischen Philosophie und Botox
Was bedeutet moderne Depressionsbehandlung heute?
Pavel Ptyushkin: Vor allem, den Menschen und nicht nur seine Diagnose zu behandeln. Depressionen sehen nicht bei jedem Menschen gleich aus. Wir verfügen heute über ein breites Spektrum an Möglichkeiten, von Psychotherapie und Medikamenten bis zu körperorientierten Verfahren (wie Kunst, Musik, Bewegungstherapien). Entscheidend ist, gemeinsam mit dem Patienten den passenden Weg zu finden. Behandlung bedeutet auch, ihn zu befähigen, sein Leben wieder selbst zu gestalten.
Sie beziehen auch die Philosophie in die Behandlung ein. Was kann sie beitragen?
Reinhold Meier: Philosophie beschäftigt sich seit Jahrtausenden mit dem Menschsein, mit der Bedeutung des Lebens, seinem Ursprung und seinem Ziel. Dabei greift sie auch spirituelle Aspekte auf. In Einzel- und Gruppengesprächen können wir uns auf Wunsch von dieser Vielfalt der Antwortsuche anregen lassen. Entscheidend ist, dass der Patient selbstbestimmt bleibt.
Wie finden Sie heraus, welcher Ansatz für einen Patienten geeignet ist?
Theresa Wald: Indem wir genau hinschauen. Biologische, psychologische und soziale Faktoren sind bei Depressionen miteinander verbunden. Bei einem Menschen spielen vielleicht körperliche Erkrankungen oder genetische Faktoren eine grössere Rolle, bei einem anderen Beziehungskonflikte oder belastende Lebenssituationen. Meistens gibt es nicht eine einzige Ursache. Daraus müssen wir einen individuellen Therapieplan entwickeln.
«Entscheidend ist, den Menschen und nicht nur seine Diagnose zu behandeln.»
Welche Bedeutung hat dabei die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen?
Theresa Wald: Wir wollen uns von einem multidisziplinären zu einem interdisziplinären Team entwickeln. Es reicht nicht, dass verschiedene Berufsgruppen mit demselben Patienten arbeiten. Wir müssen unsere Perspektiven miteinander teilen und daraus ein gemeinsames Verständnis entwickeln. Die verschiedenen therapeutischen Ansätze sollen sich gegenseitig ergänzen.
Sie bezeichnen den Therapeuten auch als Sparringspartner. Was meinen Sie damit?
Pavel Ptyushkin: Der Therapeut bringt sein Fachwissen und seine Erfahrung ein, der Patient kennt seine eigene Lebensgeschichte am besten. Im Austausch entsteht idealerweise ein besseres Verständnis des Leidens. Dabei darf der Therapeut auch unbequem sein und andere Blickwinkel anbieten. Es geht nicht darum, Menschen zu reparieren, sondern ihnen zu helfen, wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen. Ein Sparringspartner ist immer «auf Augenhöhe».
Reinhold Meier: Für mich beginnt dieser gemeinsame Weg mit gutem Zuhören. Daraus kann ein individueller Prozess des gegenseitigen Lernens, Sich-Veränderns und Reifens entstehen.
Joachim Stebel: Die psychiatrische Pflege und Co-Therapie sind keine blossen Ergänzungen zur medizinischen Behandlung. Sie bilden einen wichtigen Bestandteil eines multiprofessionellen Behandlungskonzepts, weil sie therapeutische Inhalte in den Alltag übertragen, Ressourcen fördern, Krisen früh erkennen und die Patientinnen und Patienten auf dem Weg zurück zu mehr Selbstständigkeit begleiten.
Ein ungewöhnlicher Ansatz ist die Behandlung von Depressionen mit Botulinumtoxin. Wie funktioniert das?
Pavel Ptyushkin: Unsere Mimik und unsere Gefühle beeinflussen sich gegenseitig. Darauf basiert die sogenannte Facial-Feedback-Hypothese. Beim Einsatz von Botulinumtoxin Typ A wird gezielt die Muskulatur im Bereich der Zornesfalte behandelt. Dadurch wird ihre Aktivität vorübergehend reduziert. Das könnte auch die negativen Rückmeldungen der Gesichtsmuskulatur an jene Gehirnbereiche beeinflussen, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind.
Wie gut ist diese Wirkung wissenschaftlich belegt?
Pavel Ptyushkin: Mehrere Studien und Metaanalysen zeigen Hinweise darauf, dass Botulinumtoxin bei einem Teil der Patienten depressive Symptome reduzieren kann. Allerdings ist die Studienlage noch zu uneinheitlich, um von einer etablierten Standardtherapie zu sprechen. Auch wissen wir noch nicht genau, welche Patienten besonders profitieren. Es wäre zu einfach zu sagen: Man beruhigt die Mimik und mildert damit eine Depression.
Welche Erfahrungen machen Sie damit in der Klinik?
Pavel Ptyushkin: Einige Patienten schicken uns Vorher-Nachher-Bilder oder berichten über ihre Erfahrungen. Daraus ergibt sich bisher ein durchaus positives Bild. Wir versuchen, diese Beobachtungen systematisch zu erfassen. Das sind natürlich keine kontrollierten wissenschaftlichen Daten, aber klinisch interessante Rückmeldungen.
«Der Erfolg liegt im individuellen Mix und im multiperspektivischen Ansatz.»
Für wen kommt eine solche Behandlung infrage?
Pavel Ptyushkin: Botulinumtoxin ist eine ergänzende Therapie im sogenannten Off-Label-Use. Das Arzneimittel ist zugelassen, aber (noch) nicht für die Behandlung von Depressionen. Es ersetzt deshalb keine leitliniengerechte Therapie, kann aber zusätzlich zu einer Psychotherapie, einer medikamentösen Behandlung oder anderen etablierten Verfahren eingesetzt werden. Ob eine Anwendung infrage kommt, klären wir individuell. Dabei berücksichtigen wir die bisherige Behandlung und mögliche medizinische Gründe, die dagegen sprechen.
Wo liegen die Grenzen solcher neuen Verfahren?
Pavel Ptyushkin: Wir müssen neugierig bleiben, gerade weil etablierte Behandlungen nicht allen Menschen ausreichend helfen. Der Botulinumtoxin-Ansatz zeigt zudem, wie eng körperliche und psychische Prozesse miteinander verbunden sind. Gleichzeitig bleibt Psychotherapie eine der wichtigsten Säulen. Sie beschäftigt sich mit dem persönlichen Erleben, Beziehungen und der Lebensgeschichte. Auch Medikamente haben ihren Platz und können besonders bei schweren depressiven Episoden sehr hilfreich sein – aktuell behandeln wir schwere oder therapieresistente Depressionen auch erfolgreich mit Esketamin-Nasenspray. Die Verfahren sind nicht konkurrierend.
Welche Rolle spielen Sinnfragen neben den medizinischen und psychotherapeutischen Ansätzen?
Reinhold Meier: Moderne Depressionsbehandlung umfasst für mich vier Dimensionen: die biologische, psychologische, soziale und spirituelle. Letztere betrifft etwa Lebensglück und Sinnfindung. Auch die Fähigkeit, sich selbst kritisch und wohlwollend zu reflektieren, darf auf Wunsch des Patienten ihren Platz haben.
Wie wird die Depressionsbehandlung in zehn Jahren aussehen?
Pavel Ptyushkin: Ich hoffe, dass wir einiges besser verstehen und Menschen noch individueller behandeln können. Ich glaube aber nicht, dass wir Depressionen irgendwann einfach lösen werden. Dafür sind Menschen und ihre Beziehungen zu komplex. Ich wünsche mir eine Psychiatrie, die wissenschaftlich immer präziser wird und gleichzeitig menschlich bleibt.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: unsplash, zVg
