«Kreislaufwirtschaft wird schon gelebt»
Nicolas Hofer, Kreislaufwirtschaft ist inzwischen ein häufig verwendeter Begriff. Was bedeutet sie für ein Unternehmen konkret?
Für ein Unternehmen bedeutet Kreislaufwirtschaft etwas sehr Praktisches: mit den eingesetzten Ressourcen möglichst viel Wert zu schaffen und diesen möglichst lange zu erhalten. Also weniger Material verlieren, Produkte und Komponenten länger nutzen und überlegen, ob etwas repariert, wiederverwendet oder aufgearbeitet werden kann, bevor es im Recycling landet.
Wie weit ist die Kreislaufwirtschaft in der Ostschweiz heute tatsächlich entwickelt?
In der Ostschweiz haben wir sehr gute Voraussetzungen. Wir haben viele produzierende KMU mit grossem technischem Know-how, die gewohnt sind, pragmatisch nach Lösungen zu suchen. Vieles, was wir heute unter Kreislaufwirtschaft verstehen, wird bereits gemacht, vielleicht ohne, dass man es so bezeichnet. Das grosse Potenzial liegt darin, stärker über Unternehmensgrenzen hinweg zu denken und regionale Wertschöpfungsketten miteinander zu verbinden.
Ihr Forschungsprojekt konzentriert sich ausdrücklich auf den ländlichen Raum. Welche besonderen Voraussetzungen bestehen dort gegenüber städtischen Wirtschaftsräumen?
Eine Stärke ländlicher Regionen sind die bestehenden Netzwerke und die starke regionale Verankerung vieler Unternehmen. Die Akteure kennen sich, wissen, welche Kompetenzen vorhanden sind, und kommen direkt miteinander ins Gespräch. Im Toggenburg sind viele Unternehmen bereits gut vernetzt. Für die Kreislaufwirtschaft ist das ein grosser Vorteil, denn viele Lösungen entstehen erst durch Zusammenarbeit.
Warum wurde das Toggenburg als Modellregion gewählt?
Hier treffen unterschiedliche Branchen aufeinander, von Industrie und Gewerbe über die Lebensmittelproduktion bis zu Tourismus und Gastronomie. Mit der Region Toggenburg, dem Energietal Toggenburg und Macher Geist haben wir zudem drei stark verankerte und gut vernetzte Projektpartner.
Sie haben die Materialflüsse und deren Umweltauswirkungen im Toggenburg untersucht. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei besonders überrascht?
Was mich besonders überrascht hat, ist, wie viel bereits gemacht wird. Gerade bei KMU sehen wir, dass Kreislaufwirtschaft oftmals schon gelebt wird, ohne dass die Betriebe ihre Aktivitäten selbst so bezeichnen. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich Materialkreisläufe nicht einfach so schliessen lassen. Damit das funktioniert, müssen Mengen, Qualität, Verfügbarkeit, Logistik und Kosten zusammenpassen.
Am Projekt beteiligen sich zwölf Toggenburger Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Was wollen diese Betriebe konkret verändern?
Das ist je nach Betrieb sehr unterschiedlich. Was die Unternehmen verbindet, ist der Wunsch, mit ihren Ressourcen bewusster und effizienter umzugehen, Verschwendung zu vermeiden und die regionale Wertschöpfung zu stärken. Ein Unternehmen hat es sehr schön auf den Punkt gebracht: Es spricht lieber von «Enkeltauglichkeit» als von Kreislaufwirtschaft und eigentlich beschreibt das ganz gut, worum es geht.
«Viele Lösungen entstehen erst durch Zusammenarbeit.»
Gibt es bereits erste Massnahmen oder Projekte, die aus der Zusammenarbeit entstanden sind?
Ja, mittlerweile gibt es eine ganze Reihe konkreter Massnahmen. Besonders spannend sind die Themen, bei denen mehrere Betriebe zusammenkommen. Beispielsweise arbeiten wir mit drei Betrieben an der Optimierung von Küchenprozessen oder prüfen, wie bestehende Wäschereikapazitäten gemeinsam genutzt werden können. Auch gemeinsame Beschaffung und die bessere Koordination regionaler Lebensmittel sind Themen, die aus dem Projekt entstanden sind.
In welchen Branchen sehen Sie derzeit das grösste Potenzial für geschlossene Kreisläufe?
Ich würde das gar nicht auf eine einzelne Branche beschränken. Wir sehen im Projekt, dass in allen Branchen Potenziale vorhanden sind, aber eben ganz unterschiedliche.
Kreislaufwirtschaft wird häufig mit Recycling gleichgesetzt. Welche anderen Ansätze sind mindestens ebenso wichtig?
Recycling ist wichtig, aber genauso wichtig ist es, früher anzusetzen: Prozesse zu hinterfragen, Verschwendung zu vermeiden und Ressourcen möglichst lange sinnvoll zu nutzen. Was das konkret bedeutet, unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen.
«Kreislaufwirtschaft bedeutet nicht automatisch zusätzliche Investitionen.»
Wo entstehen durch Kreislaufwirtschaft neue Geschäftsmodelle und wirtschaftliche Chancen für Unternehmen?
Einerseits im eigenen Betrieb: Wenn ich weniger Material und Energie brauche und Abfälle vermeide, kann ich Kosten senken. Gerade im ländlichen Raum entstehen auch wirtschaftliche Chancen, wenn es gelingt, durch Kreislaufwirtschaft mehr Wertschöpfung in der Region zu halten.
Gleichzeitig können Kreislauflösungen zunächst höhere Kosten und Investitionen verursachen. Wann rechnen sie sich für ein Unternehmen?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Kreislaufwirtschaft bedeutet aber nicht automatisch zusätzliche Investitionen. Produkte und Materialien länger zu nutzen, weniger Ressourcen einzusetzen oder Abfälle zu vermeiden, kann direkt wirtschaftliche Vorteile bringen. Erst bei grösseren technischen oder organisatorischen Veränderungen stellt sich die Investitionsfrage. Dann müssen ökologischer Nutzen und Wirtschaftlichkeit gemeinsam betrachtet werden.
Was sind derzeit die grössten Hindernisse für Unternehmen, die stärker auf Kreislaufwirtschaft setzen wollen?
Gerade bei KMU sind Zeit und personelle Ressourcen eine Herausforderung. Häufig ist es auch nicht einfach zu erkennen, wo die Potenziale im eigenen Unternehmen liegen und wo man am besten beginnt. Genau diese Hürden versuchen wir im Projekt gemeinsam mit den Unternehmen anzugehen.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, wenn Stoff- und Produktkreisläufe geschlossen werden sollen?
Eine sehr wichtige. Vieles kann ein Unternehmen intern umsetzen. Sobald Stoff- oder Produktkreisläufe über die Unternehmensgrenze hinausgehen, braucht es weitere Akteure. Gerade kleinere Unternehmen haben allein oft nicht den nötigen Hebel für ein Mehrweg- oder Rücknahmesystem. Wenn mehrere Unternehmen gemeinsam Lösungen entwickeln, entstehen ganz andere Möglichkeiten. Hier spielen die Netzwerke im Toggenburg eine wichtige Rolle.
In Lichtensteig soll ein Kreislaufwirtschafts-Hub entstehen. Was soll dieser konkret leisten und wer soll ihn nutzen?
Der Hub soll sichtbar machen, was im Toggenburg im Bereich Kreislaufwirtschaft bereits passiert, und anhand konkreter Beispiele zeigen, was möglich ist. Gleichzeitig soll er Wissen und Erfahrun-gen bündeln und Akteure vernetzen, damit neue Kooperationen entstehen können.
Das Projekt läuft bis 2028. Woran würden Sie am Ende festmachen, dass es erfolgreich war, und welche Erkenntnisse sollen sich auf andere Ostschweizer Regionen übertragen lassen?
Für mich ist schon heute positiv, dass wir zwölf sehr unterschiedliche Unternehmen gewinnen konnten und gemeinsam konkrete Massnahmen umsetzen. Entscheidend wäre, dass daraus langfristig etwas bleibt und die Unternehmen das Thema weiterführen. Die einzelnen Massnahmen sind oft unternehmensspezifisch und nicht einfach auf andere Regionen übertragbar. Übertragbar ist vielmehr, was wir im Toggenburg lernen: Wie können wir Kreislaufwirtschaft bei KMU konkret voranbringen und welche Rahmenbedingungen und regionalen Strukturen helfen dabei? Diese Erfahrungen können anderen Regionen helfen, ihren eigenen Weg zu finden.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: KI/Doris Hollenstein, zVg
