Vernetzt, aber nicht verbunden
Eine Nachricht bleibt unbeantwortet, ein Kontakt verschwindet kommentarlos, der Chatbot dagegen antwortet sofort. Digitalisierung, soziale Medien und künstliche Intelligenz verändern, wie wir Beziehungen aufbauen, pflegen und beenden. Doch digitale Vernetzung bedeutet nicht automatisch soziale Verbundenheit.
Gemäss Schweizerischer Gesundheitsbefragung 2022 fühlen sich 6 Prozent der Bevölkerung sehr oder ziemlich häufig einsam. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den 15- bis 24-Jährigen: Ihr Anteil hat sich seit 2017 von 4 auf 10 Prozent mehr als verdoppelt.
Beziehungen können Halt geben und sind eine wichtige Ressource für die psychische Gesundheit. In der psychosomatischen Behandlung der Oberwaid in St.Gallen spielt deshalb die Fähigkeit, tragfähige Bindungen aufzubauen und zu erhalten, eine zentrale Rolle.
Anke Schneiders, wir sind so vernetzt wie nie. Sind wir deshalb auch stärker miteinander verbunden?
Nicht zwingend. Vernetzung beschreibt die Zahl unserer Kontakte, Verbundenheit deren Qualität: Fühle ich mich gesehen? Ist jemand da, wenn es schwierig wird? Digitale Kanäle erleichtern den Kontakt und können Beziehungen im Alltag stützen. Sie übertragen aber nur einen Teil dessen, was eine unmittelbare Begegnung ausmacht: Blick, Stimme, Mimik, Körpersprache, Berührung und gemeinsame Präsenz. Gerade solche Signale helfen unserem Nervensystem, sich zu beruhigen. In einem Chatverlauf gelingt das nur bedingt.
Warum ist Einsamkeit aus psychosomatischer Sicht mehr als ein unangenehmes Gefühl?
Weil der Körper mitreagiert. Anhaltende Einsamkeit kann zu einem chronischen Stressor werden. Schlaf und Erholung leiden, langfristig geht sie zudem mit einem erhöhten Risiko für Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Viele Patienten kommen mit Erschöpfung, Schmerzen oder Schlafstörungen zu uns. Manchmal zeigt sich erst im Verlauf, dass soziale Isolation, ungelöste Konflikte oder fehlende tragende Beziehungen zur Belastung beitragen.
Ghosting, Situationships, Dating-Apps: Werden wir beziehungsunfähiger?
Diese Diagnose würde ich keiner Generation stellen. Digitale Kontakte machen es allerdings leichter, Verbindlichkeit zu vermeiden oder Beziehungen ohne Erklärung abzubrechen. Wer einen Kontakt kommentarlos beendet, erspart sich ein unangenehmes Gespräch. Beim Gegenüber bleibt die Frage zurück, was es falsch gemacht hat. Bei einem ohnehin brüchigen Selbstwert kann das viel auslösen.
Auch eine Situationship, also eine Beziehung, deren Verbindlichkeit und Erwartungen ungeklärt bleiben, kann vor Verletzungen schützen, bietet aber wenig emotionale Sicherheit. Dating-Apps wiederum vermitteln das Gefühl, es gebe immer noch eine bessere Option. Das kann es erschweren, sich wirklich festzulegen.
Immer mehr Menschen sprechen mit KI-Companions. Sind sie Ersatz, Brücke oder Risiko?
Sie können kurzfristig entlasten, etwa wenn jemand nachts grübelt und niemanden erreichen kann. Gleichzeitig sind sie auf Verfügbarkeit und Anpassung ausgerichtet. Echte Beziehungen verlangen dagegen wechselseitige Rücksichtnahme, das Aushalten von Verschiedenheit und die Klärung von Konflikten. Gerade darin entwickelt sich Beziehungsfähigkeit.
Eine Interaktion ohne reale Gegenseitigkeit kann beruhigen, ersetzt aber nicht die Erfahrung einer tragfähigen menschlichen Beziehung. Die Forschung dazu ist noch jung. Erste Befunde zeigen Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung und Einsamkeit. Ob Menschen dadurch einsamer werden oder einsame Menschen solche Angebote besonders intensiv nutzen, ist bislang nicht abschliessend geklärt.
Ist Einsamkeit auch bei Führungskräften ein Thema?
Führung kann einsam machen, insbesondere wenn Entscheidungen allein getragen werden müssen und der informelle Austausch in hybriden Arbeitsformen abnimmt. Ein frühes Warnsignal für Erschöpfung ist häufig nicht die sinkende Leistung, sondern der Rückzug: Das Abendessen mit Freunden wird abgesagt, das Training fällt aus. Wer merkt, dass private Kontakte zunehmend hinter dem Berufsalltag zurückstehen, sollte das als Signal ernst nehmen.
«Vernetzung beschreibt die Zahl unserer Kontakte, Verbundenheit deren Qualität.»
Was lässt sich dagegen tun?
Verlässliche Nähe entsteht selten nebenbei. Wenige gepflegte und verbindliche Kontakte sind hilfreicher als eine grosse Zahl loser Verbindungen. Handyfreie Zeiten können ebenfalls helfen, etwa beim Essen oder im Schlafzimmer. Und es lohnt sich, das klärende Gespräch zu suchen, statt Konflikten auszuweichen.
Ernst nehmen sollte man anhaltenden Rückzug, insbesondere wenn er über Wochen besteht, Schlaf und Stimmung beeinträchtigt oder mit zunehmender Erschöpfung und körperlichen Beschwerden einhergeht. Dann kann ein Gespräch mit einer Fachperson entlasten und Orientierung geben.
Welche Rolle spielt die Beziehungsfähigkeit in der Behandlung der Oberwaid?
Entscheidend ist, früh hinzuschauen, bevor sich Rückzug, Erschöpfung oder belastende Beziehungsmuster verfestigen. Bei ersten Warnsignalen bietet die Kur «Bewusst Offline» einen präventiven Rahmen, zu dem auch eine Analyse der persönlichen Stressbelastung gehört.
Wenn Einsamkeit, wiederkehrende Beziehungskonflikte oder Erschöpfung bereits deutlich belasten, kann eine stationäre psychosomatische Behandlung sinnvoll sein. Die Klinik wird dabei zum Übungsfeld: In Gruppentherapien, Paar- und Familiengesprächen sowie körperorientierten Verfahren lernen Patienten, eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und auszusprechen sowie Beziehungen verlässlicher zu gestalten.
Die stationäre psychosomatische Behandlung steht nach haus- oder fachärztlicher Zuweisung Patienten aller Versicherungsklassen offen.
Weitere Informationen: oberwaid.ch
Text: Patrick Stämpfli
Bild: unsplash, zVg
