Fokus Energie 2026

Nachhaltigkeit muss sich rechnen

Nachhaltigkeit muss sich rechnen
Jay O’Nien
Lesezeit: 3 Minuten

Ressourceneffizienz soll nicht nur die Umweltbelastung senken, sondern auch Produktivität und Rentabilität verbessern. Jay O’Nien, Group Sustainability Officer bei Bühler, erklärt, wo Industrieunternehmen die grössten Hebel finden, warum sich die Modernisierung bestehender Anlagen lohnen kann und welche Rolle Digitalisierung und künstliche Intelligenz spielen.

Jay O’Nien, Nachhaltigkeit gilt häufig zunächst als Kostenfaktor. Wann wird Ressourceneffizienz für ein Industrieunternehmen zum wirtschaftlichen Vorteil?
Wenn sie die Gesamtleistung eines Produktionssystems verbessert. Ein geringerer Energieverbrauch, höhere Ausbeuten, weniger Abfall, eine höhere Produktivität und ein effizienterer Einsatz von Rohstoffen tragen direkt zum Geschäftserfolg bei und reduzieren gleichzeitig die Umweltbelastung.
Energie- und Rohstoffkosten sind wichtige Treiber dieser Entwicklung. Hinzu kommen Preisschwankungen, Unsicherheiten in den Lieferketten sowie steigende Erwartungen von Regulierungsbehörden, Investoren und Konsumenten. Deshalb rücken bei Investitionsentscheidungen neben dem Anschaffungspreis der Wert über die gesamte Lebensdauer und die betriebliche Leistungsfähigkeit stärker in den Fokus.

Wo liegen die grössten Potenziale, wenn ein Unternehmen seinen Ressourcenverbrauch senken will?
Am Anfang steht die Frage, wo entlang der Wertschöpfungskette die grössten Umweltwirkungen entstehen. Wir betrachten dafür fünf zentrale Kennzahlen: Energie, Abfall, Wasser, CO₂-Emissionen und Landnutzung. So lassen sich Schwerpunkte und Zielkonflikte erkennen und Ressourcen dort einsetzen, wo sie die grösste Wirkung erzielen.
Die Prioritäten unterscheiden sich je nach Branche und Region. Wasser kann an einem Ort reichlich vorhanden, an einem anderen knapp und teuer sein. Auch Energiepreise, Landverfügbarkeit, Abfallinfrastruktur und CO₂-Intensität variieren. Es braucht deshalb Lösungen für die jeweiligen lokalen Gegebenheiten.
Das Potenzial ist erheblich: Von 15 durch Bühler analysierten Wertschöpfungsketten wiesen 11 das Potenzial auf, mindestens eine zentrale Kategorie der Umweltbelastung um 50 Prozent oder mehr zu reduzieren und gleichzeitig andere Kennzahlen deutlich zu verbessern.

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«Nachhaltigkeit muss bereits in der Produktentwicklung berücksichtigt werden.»

Unternehmen haben aber nicht unbegrenzt Kapital zur Verfügung. Wie lässt sich entscheiden, welche Nachhaltigkeitsinvestitionen sich zuerst lohnen?
Die meisten Unternehmen haben mehr Verbesserungspotenziale als verfügbares Kapital. Deshalb konzentrieren wir uns nicht nur auf neue Technologien, sondern auch auf bestehende Anlagen. Deren Modernisierung kann erhebliche ökologische und wirtschaftliche Vorteile bringen, bei geringeren Investitionskosten und schnellerer Amortisation als beim Ersatz ganzer Produktionslinien.
Werden Energie, Abfall, Wasser, CO₂e-Emissionen und Landnutzung gemeinsam betrachtet, lassen sich Massnahmen nach Umweltwirkung, Umsetzungskosten, betrieblichen Vorteilen und erwarteter Rendite vergleichen. In vielen Fällen lassen sich die schnellsten Fortschritte erzielen, indem Bestehendes optimiert wird.

Ressourceneffizienz beginnt allerdings schon bei der Entwicklung einer Maschine. Wie lässt sich deren Umweltwirkung über eine jahrzehntelange Lebensdauer berücksichtigen?
Nachhaltigkeit muss bereits in den frühesten Phasen der Produktentwicklung berücksichtigt werden. Eine Lebenszyklusanalyse erfasst die Auswirkungen von der Rohstoffgewinnung über Herstellung, Transport und Betrieb bis zu Wartung und Lebensende.
Bei Industrieanlagen entsteht der grösste Teil der Umweltbelastung häufig während des Betriebs, weil Maschinen viele Jahre im Einsatz bleiben. Energieeffizienz, Zuverlässigkeit, Reparierbarkeit, Aufrüstbarkeit und Lebensdauer haben deshalb grossen Einfluss auf die Umweltbilanz. Diese Betrachtung unterstützt auch zirkuläres Design wie Modularisierung, Aufarbeitung, Modernisierung und eine längere Produktlebensdauer.

 

 

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«Mit weniger Ressourcen lässt sich mehr Wert schaffen.»

Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit inzwischen bei den Investitionsentscheidungen Ihrer Kunden?
Preis, Qualität, Leistung und Zuverlässigkeit bleiben zentrale Kaufkriterien. Nachhaltigkeit wird jedoch zunehmend Teil der Gesamtbewertung. Viele Unternehmen verlangen heute mehr Transparenz über Energieverbrauch, Emissionen, Ressourceneffizienz und den ökologischen Fussabdruck von Produkten.
Treiber sind Klimaziele, Berichtspflichten, Erwartungen von Investoren und die wachsende Nachfrage nach nachhaltigeren Produkten. Nachhaltigkeit entwickelt sich damit von einer Reporting-Anforderung zu einem Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die ihre Umweltwirkungen verstehen und aktiv steuern, können ihre Widerstandsfähigkeit stärken und langfristig Wert schaffen.

Welche Rolle werden Digitalisierung und künstliche Intelligenz dabei spielen, Produktionsanlagen noch ressourceneffizienter zu machen?
Eine zentrale. Vernetzte Anlagen, Sensoren und Softwareplattformen schaffen Transparenz über Energieverbrauch, Prozessleistung, Anlagenzustand und Umweltwirkungen. Künstliche Intelligenz kann Prozessoptimierungen, vorausschauende Wartung und datengestützte Entscheidungen unterstützen.
Die führenden Produktionsanlagen der Zukunft werden ihre Umweltleistung mit derselben Konsequenz steuern wie heute Qualität, Produktivität und Zuverlässigkeit. Energie, Abfall, Wasser, CO₂e-Emissionen und Landnutzung werden gemeinsam mit betrieblichen Kennzahlen überwacht. Erfolgreich werden jene Unternehmen sein, die mit weniger Ressourcen mehr Wert schaffen.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: zVg

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