Die Ostschweiz hat Wasserstoff, aber noch keinen Markt
Grüner Wasserstoff kann erneuerbaren Strom speichern und transportierbar machen. Überschüssiger Strom lässt sich per Elektrolyse in Wasserstoff umwandeln, über längere Zeit lagern und später als Energieträger oder wieder als Strom nutzen. In der Ostschweiz ist dafür bereits eine Wertschöpfungskette mit Produktion, Logistik, Tankstellen und ersten Abnehmern entstanden. Doch aus der funktionierenden Infrastruktur ist bislang kein entsprechend grosser Markt geworden.
«Ein Grund für die unterschiedliche Entwicklung liegt bei den Energiekosten.»
100 statt über 200 Tonnen
Das zeigt sich bei der Wasserstoffproduktion Ostschweiz AG am deutlichsten. Ihre Anlage beim Wasserkraftwerk Kubel in St.Gallen kann 36 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde produzieren. Als jährlicher Auslegungswert wurden 220 bis 250 Tonnen genannt. Tatsächlich stellte die Anlage 2024 laut SAK etwas über 100 Tonnen her. Für 2025 veröffentlichten die Betreiber keine Produktionsmenge mehr.
Der Geschäftsbericht 2025 von SN Energie liefert dafür eine offene Lagebeurteilung: Die Anlage produziere zuverlässig grünen Wasserstoff, der Betrieb bleibe aber anspruchsvoll und verursache mehr Aufwand als geplant. Die grundsätzliche Nachfrage sei vorhanden, doch der Ausbau der H2-LKW-Flotte stagniere. Alternative Lieferungen an Industriebetriebe seien wegen der aufwendigen Logistik schwierig. Deshalb sei der Bau weiterer Anlagen derzeit sistiert.
Hinter der Anlage stehen die Osterwalder-Gruppe, die St.Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke und SN Energie. Osterwalder und SAK gründeten die Wasserstoffproduktion Ostschweiz AG 2019, SN Energie kam 2022 als Partner hinzu. Im November desselben Jahres ging die rund sechs Millionen Franken teure 2-MW-Anlage im Kubel in Betrieb.
Infrastruktur und Abnehmer sind vorhanden
Auch in die Verteilung wurde früh investiert. Die Osterwalder St.Gallen AG eröffnete 2020 die erste Avia-Wasserstofftankstelle der Ostschweiz. 2022 folgte in St.Gallen-Winkeln eine zweite, auf Lastwagen ausgerichtete Station.
Damit ist ein wesentlicher Teil einer regionalen Wasserstoffkette vorhanden: Produktion, Transport, Tankstellen und Abnehmer. Gleichzeitig zeigt sich daran das wirtschaftliche Problem. Eine Produktionsanlage benötigt eine genügend hohe Auslastung, eine Tankstelle regelmässigen Absatz und ein Transportunternehmen eine verlässliche Tankmöglichkeit. Bleibt eines dieser Elemente zurück, gerät die gesamte Kette unter Druck.
Dass die Technologie im Alltag funktioniert, zeigen verschiedene Ostschweizer Unternehmen. Galliker, Gebrüder Weiss, Camion Transport und Schönholzer setzen Brennstoffzellen-Lastwagen ein, ebenso Spar und Migros Ostschweiz. G. Leclerc hat 2025 in St.Gallen zwei Iveco-Sattelschlepper mit Brennstoffzelle eingeflottet. Die Ostschweiz besitzt damit reale Betriebserfahrung, aber noch keine Flottengrösse, welche Produktion und Infrastruktur dauerhaft auslasten könnte.
Die Entwicklung verläuft auch schweizweit langsamer als ursprünglich erwartet. Hyundai hatte angekündigt, bis Ende 2025 insgesamt 1600 Xcient Fuel Cell in der Schweiz einzusetzen. Ende 2024 waren jedoch erst 59 Brennstoffzellen-Lastwagen registriert. 2025 kamen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein lediglich vier neue hinzu, gegenüber 942 neuen Elektro-Lastwagen.
«Eine Perspektive könnte eine Anbindung an überregionale Wasserstoffnetze bieten.»
Der Wirkungsgrad bleibt ein Nachteil
Ein Grund für die unterschiedliche Entwicklung liegt bei den Energiekosten. Eine Modellrechnung für einen 40-Tonnen-Lastwagen kommt auf rund 22 Franken pro 100 Kilometer mit Strom, etwa 50 Franken mit Diesel und rund 120 Franken mit Wasserstoff. Das ist keine vollständige Betriebskostenrechnung, zeigt aber die Grössenordnung.
Hinzu kommt der Wirkungsgrad: Bei direkter Nutzung in einem batterieelektrischen Fahrzeug gelangen in einer häufig verwendeten Vergleichsrechnung etwa 77 Prozent des ursprünglich eingesetzten Stroms an die Räder. Bei Produktion, Verdichtung, Transport und Rückverstromung von Wasserstoff sind es rund 33 Prozent.
Der geringere Gesamtwirkungsgrad bleibt damit ein Nachteil. Wasserstoff kann aber dort eine Funktion übernehmen, wo Erzeugung und Verbrauch zeitlich oder räumlich auseinanderliegen und eine direkte Nutzung oder Batteriespeicherung nicht sinnvoll möglich ist.
Auch im Verkehr eignet sich Wasserstoff deshalb nicht für jeden Einsatz; für Personenwagen, Lieferwagen und die regionale Verteilung spricht derzeit wenig dafür. Interessant bleibt er dort, wo Fahrzeuge hohe Tagesleistungen erbringen, wenig Zeit zum Laden haben, viel Nutzlast benötigen oder im Mehrschichtbetrieb eingesetzt werden. Dazu gehören etwa einzelne Langstrecken-Lastwagen, Reisebusse, schwere Spezialfahrzeuge, Kehrichtfahrzeuge und Baumaschinen. Auch bei Schiffen oder auf langen, nicht elektrifizierten Bahnstrecken kann Wasserstoff sinnvoll sein.
Neuer Baustein in Buchs
Während der Ausbau in St.Gallen derzeit stockt, entsteht in Buchs ein weiterer Produktionsstandort. Die Delegierten des Vereins für Abfallentsorgung bewilligten im Mai 2025 einen Kredit von 11,55 Millionen Franken für eine Wasserstoffproduktions- und Betankungsanlage neben der Kehrichtverbrennungsanlage.
Bestellt ist ein PEM-Elektrolyseur mit 2,5 MW Leistung. Die Inbetriebnahme ist für Anfang 2027 vorgesehen. Der Wasserstoff soll mit lokal produziertem Strom hergestellt und für Kehrichtfahrzeuge, industrielle Anwendungen sowie zur Belieferung des Schweizer Wasserstoffsystems verwendet werden.
Produktion, Tankstelle und erste eigene Abnehmer werden damit am selben Standort kombiniert. Dadurch sinken Transportkosten und ein Teil der Nachfrage ist von Anfang an gesichert.
Im Juni 2026 startete zudem das von der OST geleitete «H2-Lab: Wasserstoff-Ökosystem Bodensee-Alpenrhein». Beteiligt sind zwölf Projektpartner und 17 assoziierte Partner aus vier Ländern. Untersucht werden ein grenzüberschreitendes Verteilnetz, der Wasserstoffhandel und konkrete Anwendungen in Industrie, Schwerverkehr, Schifffahrt und Baumaschinen.
Eine weitere Perspektive könnte eine Anbindung an überregionale Wasserstoffnetze bieten. Nach der gegenwärtigen deutschen Planung soll Lindau bis 2032 an das Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden. Wie und ob Ostschweizer Abnehmer später von dort erschlossen werden können, ist noch offen. Eine Pipelineversorgung der Region ist deshalb eine Perspektive, aber noch keine bestehende Infrastruktur.
«Die Erfahrungen im Kubel zeigen, dass eine funktionierende Produktion allein nicht genügt.»
Entscheidend sind die Abnehmer
Die Erfahrungen im Kubel zeigen, dass eine funktionierende Produktion allein nicht genügt. Für weitere Projekte ist deshalb entscheidend, Produktion und Absatz gemeinsam zu entwickeln. Benötigt werden verbindliche Abnahmeverträge und genügend lange Preisgarantien für grünen Wasserstoff. Produzenten und Abnehmer müssen Investitionen und Mengen gemeinsam planen.
Die Osterwalder-Gruppe hat mit ihren Partnern gezeigt, dass eine regionale Wasserstoffkette technisch funktioniert. Die Situation im Kubel zeigt aber ebenso, dass Infrastruktur allein keinen Markt schafft. Das Projekt in Buchs hat eine andere Ausgangslage, weil Produktion, Tankstelle und erste eigene Abnehmer miteinander verbunden werden.
Welche Rolle Wasserstoff langfristig im Ostschweizer Energiesystem spielen wird, hängt wesentlich davon ab, wo sich konkrete Anwendungen und genügend grosse Abnahmemengen entwickeln. Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden. Was bislang fehlt, ist eine Nachfrage, die die Infrastruktur ausreichend auslastet.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: zVg
