Fokus Gesundheit 2026

«Mundgesundheit ist kein Nebenschauplatz»

«Mundgesundheit ist kein Nebenschauplatz»
Fabio Fagagnini
Lesezeit: 3 Minuten

Erkrankungen im Mund können weitreichende Folgen für die allgemeine Gesundheit haben. Fabio Fagagnini, CEO der Healthcare Holding Schweiz AG, erklärt, weshalb Prävention wichtiger wird, welche Möglichkeiten die Digitalisierung eröffnet und warum Zahnmedizin und übrige Gesundheitsversorgung näher zusammenrücken sollten.

Fabio Fagagnini, Mundgesundheit wird häufig noch isoliert betrachtet. Welche Bedeutung hat sie für die allgemeine Gesundheit?
Ehrlich gesagt, habe ich selbst lange gebraucht, um das zu verinnerlichen. Aber die Zahlen sprechen für sich: Gemäss WHO leiden weltweit 3,8 Milliarden Menschen an einer Munderkrankung, über eine Milliarde davon haben eine schwere Parodontitis. Das erhöht nachweislich das Risiko für Diabetes, Herzinfarkt und andere nichtübertragbare Krankheiten. Für mich ist Mundgesundheit deshalb kein Nebenschauplatz mehr. Deshalb stehe ich auch persönlich hinter der AVOLA-Initiative. 

Wo sehen Sie heute die grössten Defizite bei der Prävention von Mund- und Zahnerkrankungen?
Was mich am meisten beschäftigt: Viele Menschen fühlen sich sicherer, als sie es tatsächlich sind. Über 70 Prozent halten ihre Zähne für gesund, klinisch zeigt aber rund ein Drittel ernsthafte Befunde. Dazu kommt, dass wir in der Schweiz seit Jahren keine aktuellen Parodontitis-Daten mehr erheben. Und ich nehme an, dass viele Menschen auch deshalb erst einen Zahnarzt aufsuchen, wenn es wehtut, weil Zahnmedizin bei uns fast ausschliesslich privat finanziert wird. 

«Eine Zahnarztpraxis sieht ihre Patienten häufiger als fast jede andere Arztpraxis.»

Welche Rolle können Zahnarztpraxen künftig über die klassische Behandlung hinaus übernehmen?
Eine Zahnarztpraxis sieht ihre Patienten häufiger als fast jede andere Arztpraxis. Das ist ein Vertrauensvorsprung, den wir noch zu wenig nutzen. Darin liegt eine grosse Chance, Risiken früher zu erkennen, Themen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen anzusprechen und enger mit Hausärzten und anderen Fachpersonen zusammenzuarbeiten.

Die Digitalisierung verändert auch die Zahnmedizin. Wo bringt sie heute bereits einen konkreten Nutzen?
Was mich persönlich am meisten beeindruckt: KI erkennt heute auf Röntgenbildern oft Dinge, die man sonst möglicherweise übersehen hätte, etwa Karies oder Knochenabbau, und das früher. Über Axera Dental sehe ich zudem, wie digitale Abdrücke und CAD/CAM den Praxisalltag spürbar entlasten. Aber der spannendste Moment kommt erst noch: wenn wir aus diesen Daten Risikotrends ablesen können, bevor überhaupt etwas passiert.

Healthcare Holding bündelt verschiedene Unternehmen und Angebote im Bereich Oral Health. Was bringt dieses Modell den Praxen und letztlich den Patienten?
Am Anfang ging es uns um Grösse. Heute geht es mir vor allem darum, dass eine Praxis nicht für Produkte, digitale Workflows und Fortbildung verschiedene Partner braucht. Mit Mikrona, Ortho Walker, Axera Dental, FTC Dental und Alpin Orthodontics unter einem Dach können wir diese Leistungen aus einer Hand anbieten. Davon profitieren letztlich auch die Patienten, weil Prävention nicht an Schnittstellen steckenbleibt.

Lichterzauber  OD  

Was müsste sich im Schweizer Gesundheitswesen verändern, damit Prävention gegenüber der Behandlung bestehender Erkrankungen mehr Gewicht erhält?
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es eine engere Verzahnung zwischen Zahnmedizin und dem Rest des Gesundheitswesens. Heute laufen die Finanzierungswelten fast komplett getrennt, und das lenkt die Prioritäten in die falsche Richtung: erst behandeln, dann vielleicht vorbeugen. Ich erwarte keine schnelle Reform. Aber mehr Austausch zwischen Zahnärzten, Hausärzten und Kostenträgern wäre schon viel wert. Solche Gespräche führen wir auch am AVOLA-Symposium.

Wenn Sie fünf oder zehn Jahre vorausblicken: Wie wird sich die zahnmedizinische Versorgung verändern?
In zehn Jahren, glaube ich, reden wir nicht mehr über Reparatur, sondern über Risikomanagement. Daten zeigen Probleme, bevor sie entstehen. Zahnmedizin und Allgemeinmedizin rücken näher zusammen, weil die Evidenz einfach zu stark wird, um sie zu ignorieren. Gleichzeitig werden sich kleinere Praxen stärker an Plattformen anlehnen, weil Regulatorik und Digitalisierung allein kaum noch zu stemmen sind. Genau da wollen wir mit Healthcare Holding vorangehen.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: zVg

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