«Die Energiewende braucht mehr Tempo»
Marco Zahner, der Ausbau der Photovoltaik kommt im Kanton St.Gallen gut voran. Gleichzeitig dürfte das Ziel, die CO₂-Emissionen bis 2030 zu halbieren, verfehlt werden. Warum entwickelt sich die Energiewende je nach Bereich so unterschiedlich?
Beim Ausbau der Photovoltaik und bei erneuerbaren Heizsystemen haben wir in den vergangenen Jahren einen deutlichen Boom gesehen. Dieser hat sich zuletzt allerdings wieder etwas abgeschwächt. Gleichzeitig gibt es Bereiche, in denen die Entwicklung wesentlich langsamer verläuft. Dazu gehören insbesondere planungs- und kostenintensivere Gebäudemodernisierungen. Und noch immer wird ein grosser Teil der Gebäude mit fossilen Energien beheizt. Die aktuellen Entwicklungen deuten deshalb darauf hin, dass wir die CO2-Emissionen bis 2030 wohl nicht halbieren können.
Der Kanton investiert über Förderprogramme erhebliche Mittel in die Energiewende. Weshalb reichen finanzielle Anreize allein nicht aus?
Für wichtige Indikatoren wie den Photovoltaikausbau oder die Energieeffizienz von Gebäuden ist das kantonale Energiegesetz zentral. Gleichzeitig spielen Förderprogramme eine wichtige Rolle. Für das Jahr 2025 wurden im Kanton St.Gallen Förderbeiträge von rund 35 Millionen Franken gesprochen. Die damit verbundenen Investitionen von rund 300 Millionen Franken, die vor allem in die regionale Wirtschaft fliessen, tragen grösstenteils Private oder Unternehmen. Unbestritten generieren diese Investitionen einen Mehrwert und senken jährliche Kosten. Dem gegenüber entscheiden vielfach die Dringlichkeit und der aktuelle finanzielle Spielraum über den Zeitpunkt einer Investition in die Energiewende. Neben Finanzierungsfragen stellen sich bei Modernisierungen oder dem Heizungsersatz häufig auch Fragen zum Stand der Technik, zum Vorgehen oder zum Bewilligungsverfahren. Deshalb bietet die Energieagentur kostenlose Erstberatungen an, damit Eigentümer die verschiedenen Möglichkeiten kennen und beurteilen können.
Für Unternehmen sind Energiepreise und Versorgungssicherheit wichtige Standortfaktoren. Welche Bedeutung hat die einheimische Energieproduktion in diesem Zusammenhang?
Jede einheimisch produzierte Kilowattstunde macht uns unabhängiger vom Ausland. Wir importieren nach wie vor grosse Mengen Energie, insbesondere in fossiler Form. Gleichzeitig wird der Strombedarf durch die Elektrifizierung künftig steigen. Deshalb müssen wir erneuerbare Energien ausbauen und gleichzeitig effizienter mit Energie umgehen. Versorgungssicherheit bedeutet nicht nur, genügend Energie zur Verfügung zu haben, sondern auch die Abhängigkeit von Entwicklungen im Ausland zu reduzieren.
Wo sehen Sie für Unternehmen heute die grössten wirtschaftlichen Chancen der Energiewende?
Ein Unternehmen, das seine Energieflüsse kennt, kann Effizienzpotenziale identifizieren, den Eigenverbrauch erneuerbarer Energien optimieren und digitale Steuerungs- sowie Monitoringlösungen gezielt einsetzen. Die Energiewende wird zu einem Innovations- und Produktivitätsthema. Unternehmen, die frühzeitig dekarbonisieren, senken ihre Abhängigkeit von fossilen Energien, reduzieren Kosten- und Regulierungsrisiken und stärken ihre Wettbewerbsposition. Da Kunden, Investoren und öffentliche Auftraggeber zunehmend klimafreundliche Lieferketten verlangen, können solche Unternehmen zudem ihre Chancen auf neue Märkte, Aufträge und Finanzierungen verbessern.
Welche Rolle spielen die Gemeinden bei der Umsetzung der Energiewende?
Eine sehr wichtige. Die Energieagentur begleitet Gemeinden und Regionen derzeit mit zahlreichen Projekten. Lokale Initiativen zeigen, welches Potenzial vorhanden ist. Das reicht von der Energieplanung über die Umsetzung bei eigenen Gebäuden bis zu konkreten Projekten in den Bereichen erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Gemeinden sind nahe an der Bevölkerung und den lokalen Akteuren und können deshalb wesentlich dazu beitragen, dass Massnahmen tatsächlich umgesetzt werden.
Bis 2030 bleiben nur noch wenige Jahre. Wo muss der Kanton St.Gallen jetzt am stärksten zulegen, damit die Energiewende dennoch entscheidend vorankommt?
Wir müssen insbesondere dort vorwärtskommen, wo die Entwicklung bisher zu langsam verläuft. Dazu gehören die Modernisierung von Gebäuden und der Ersatz fossiler Heizsysteme. Gleichzeitig muss der Ausbau erneuerbarer Energien weitergehen. Entscheidend ist zudem, Energie möglichst effizient einzusetzen. Das wird uns gelingen, wenn jede Privatperson, jedes Unternehmen und jede Gemeinde nach ihren Möglichkeiten zielführende Massnahmen anpackt und umsetzt, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und wenn wir Synergien nutzen.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: istock, zVg
