«Rechenleistung muss der Energie folgen»
Christian Naef, was bedeutet Ihnen die Auszeichnung als Digital Shaper Ostschweiz 2026?
Es erfüllt mich mit Stolz. Es ist eine Anerkennung für die Arbeit der letzten Jahre. Unsere Grundidee, Rechenleistung zu dezentralisieren und bestenfalls die Abwärme zu nutzen, klingt einfach. Daraus ein Produkt zu entwickeln, ist aber anspruchsvoll. Vor allem, wenn es noch kaum vergleichbare Produkte auf dem Markt gibt. Eine solche Idee zu verfolgen, braucht Mut und Ausdauer. Umso schöner ist diese Auszeichnung.
Die Idee klingt tatsächlich bestechend einfach: Rechenleistung dorthin bringen, wo Energie vorhanden ist oder Wärme gebraucht wird. Wie kamen Sie darauf?
Die Grundidee entstand 2023 in einem Gespräch mit jemandem, der die Abwärme aus Rechenleistung nutzte, um Gewächshäuser zu heizen. Das leuchtete mir sofort ein. Meine erste Frage war deshalb: Könnte man damit auch Ein- und Mehrfamilienhäuser heizen und dafür vor allem Solarstrom nutzen? So begann die Reise von RY3T.
Aus dieser Idee sind zwei Produkte entstanden. Was unterscheidet RY3T ONE und RY3T NOVA?
Der ONE nutzt Strom für Rechenleistung. Die dabei entstehende Abwärme wird ins Heizsystem geleitet. Derselbe Energieeinsatz erfüllt damit zwei Zwecke: Rechenleistung und nutzbare Wärme. Der ONE wird bereits in über 50 Häusern als primäre oder ergänzende Wärmequelle eingesetzt. Beim NOVA konzentrieren wir uns auf PV-Überschuss. Viele Solaranlagen produzieren mehr Strom, als im Haus verbraucht wird. Der NOVA nutzt diesen Überschuss vor Ort für Rechenleistung. Aktuell dient diese dem Bitcoin-Mining. Die Kunden erhalten dafür eine Vergütung.
«Entscheidend ist, woher der Strom kommt.»
Ausgerechnet Bitcoin-Mining steht wegen seines Stromverbrauchs in der Kritik. Warum setzen Sie darauf?
Bitcoin-Mining hat einen entscheidenden Vorteil: Bereits ein einzelner Rechner kann am Netzwerk teilnehmen und Erträge erzielen. Unser Ziel ist, künftig auch andere Arten von Rechenleistung anzubieten, beispielsweise für künstliche Intelligenz. Dafür wollen wir unser dezentrales Netzwerk ausbauen und um die für KI-Computing geeignete Hardware und Infrastruktur ergänzen.
Und wie begegnen Sie der Kritik am Energieverbrauch?
Wenn es heisst, Bitcoin brauche zu viel Strom, frage ich zuerst: zu viel im Verhältnis wozu? Auch Banken, Netflix, Gaming und das Internet benötigen viel Energie. Wer darin keinen Wert sieht, empfindet jeden Stromverbrauch als Verschwendung. Das entbindet uns nicht davon, Energie effizient einzusetzen. Entscheidend ist für uns, woher dieser Strom kommt und was mit der entstehenden Abwärme geschieht.
Wann geht die Rechnung für einen Hauseigentümer auf?
Beim ONE sind Gebäude interessant, in denen die Abwärme gut genutzt werden kann und günstiger Strom oder eigener PV-Überschuss verfügbar ist. Das bedeutet nicht, dass der ONE in jedem Gebäude automatisch die beste Lösung ist. Wärmebedarf, Stromkosten, PV-Überschuss und Betriebsstunden müssen zusammenpassen. Der NOVA richtet sich vor allem an PV-Besitzer, deren Überschuss nur noch gering vergütet wird.
Die Produkte sind auf dem Markt. Wo liegen die Hürden?
Technologie, Regulierung, Finanzierung und Akzeptanz bleiben wichtige Aufgaben. Gleichzeitig eröffnet uns die technologische Entwicklung neue Möglichkeiten, insbesondere in Richtung KI-Computing. Dabei verfolgen wir einen klaren Ansatz: Produkte entwickeln, die heute funktionieren und wirtschaftlich sinnvoll sind, und darauf die nächsten Schritte aufbauen. Produktentwicklung braucht Kapital, und nicht jeder Schritt gelingt auf Anhieb. Aus unseren Erfahrungen haben wir viel gelernt. Das grosse Interesse an künstlicher Intelligenz sehen wir auch als Chance, die Infrastruktur dahinter stärker ins Bewusstsein zu rücken. Denn KI braucht Energie und Rechenleistung. Genau an dieser Schnittstelle arbeiten wir und sehen grosses Potenzial.
Wo soll RY3T in fünf Jahren stehen?
Unser Ziel ist, eines der weltweit grössten dezentralen Rechenzentren aufzubauen und bei der ökologischen Bilanz Massstäbe zu setzen. Wir wollen Rechenleistung dort bereitstellen, wo überschüssige Energie anfällt oder die entstehende Abwärme sinnvoll genutzt werden kann.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer
