Wenn die Kindheit das Erwachsenenleben prägt
Wie stark prägen frühkindliche Erfahrungen unser Verhalten als Erwachsene?
Mark Ebneter: Sie sind wie eine Blaupause für unser Bild von der Welt, unseren Mitmenschen und uns selbst. Dieses Bild ist aber nicht lebenslang festgelegt. Korrigierende Erfahrungen können es verändern.
Maria Kessler-Wengenmayr: Auch die Pubertät ist eine empfindsame Phase. Zugehörigkeit oder Ausgrenzung beeinflussen unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung erheblich.
Was geschieht, wenn die engsten Bezugspersonen eines Kindes zur Quelle von Angst werden?
Mark Ebneter: Das bringt das Kind in ein unlösbares Dilemma: Es sucht Schutz bei einer Person, von der gleichzeitig die Bedrohung ausgeht. Daraus kann ein sogenannter desorganisierter Bindungsstil entstehen. Im Erwachsenenalter zeigt sich das etwa im Wunsch nach Nähe bei gleichzeitiger Angst davor.
Wie beeinflussen solche Erfahrungen das spätere Selbst- und Weltbild?
Maria Kessler-Wengenmayr: Wer als Kind in seinen Bedürfnissen regelmässig missachtet wird, verinnerlicht die Überzeugung, selbst unwichtig zu sein, und gibt sich später oft selbst wenig Bedeutung.
Mark Ebneter: Unser Gehirn sucht nach Bestätigung bestehender Überzeugungen. Wer die Welt als feindlich verinnerlicht hat, schenkt entsprechenden Erfahrungen überproportional viel Aufmerksamkeit. Das erschwert korrigierende Erfahrungen.
Warum ziehen sich manche Betroffene zurück, während andere sich übermässig anpassen oder Höchstleistungen anstreben?
Maria Kessler-Wengenmayr: Das sind häufig Überlebensstrategien aus der Kindheit. Vielleicht konnte ich mit hervorragenden Schulleistungen negative Konsequenzen vermeiden oder durch Anpassung Aggressionen verhindern. Diese Muster werden später oft unbewusst fortgeführt.
Wann wird hohe Leistungsbereitschaft problematisch?
Maria Kessler-Wengenmayr: Wenn ich sie nicht mehr flexibel einsetzen kann. Wer aus seinen inneren Überzeugungen ständig Höchstleistungen erbringen muss, ignoriert zwangsläufig eigene Bedürfnisse und Grenzen. Langfristig führt das zu Erschöpfung bis hin zu depressiven Zuständen.
Mark Ebneter: Im Berufsleben können solche Muster zunächst gut funktionieren, etwa wenn eine direktive Führungsperson auf jemanden trifft, der stets alles ausführt. Problematisch wird es, wenn sich die Bedingungen ändern und die Anpassungsfähigkeit fehlt.
Weshalb lösen scheinbar harmlose Situationen manchmal heftige Reaktionen aus?
Maria Kessler-Wengenmayr: Traumatische Erfahrungen werden in sogenannten Alarmnetzwerken abgespeichert. Werden diese durch einen Trigger aktiviert, treten Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen und Handlungsimpulse von damals erneut und gleichzeitig auf, etwa Angst, Beklemmung und ein Fluchtimpuls. Mit der Zeit können immer mehr Situationen solche Reaktionen auslösen.
Mark Ebneter: Betroffene vermeiden dann häufig entsprechende Situationen oder versuchen, den belastenden Zustand rasch zu beenden, etwa durch Alkohol oder Selbstverletzungen. Beide Strategien verstärken aber leider die Alarmnetzwerke längerfristig.
«Was in der Kindheit eine Überlebensstrategie war, kann später zum Problem werden.»
Wie sollte das berufliche Umfeld mit solchen Verhaltensmustern umgehen?
Maria Kessler-Wengenmayr: Man darf nicht automatisch von einem Verhalten auf eine traumatische Lebensgeschichte schliessen. Wichtig ist, wiederkehrende Muster wahrzunehmen und bei Bedarf das Gespräch zu suchen, allerdings nicht mitten im Konflikt. Bei aktiviertem Alarmsystem sind Betroffene für sachliche Argumente oft kaum zugänglich.
Mark Ebneter: Auch mit psychiatrischen Begriffen sollten wir vorsichtig umgehen. Genauso wenig wie jede schwierige Situation eine Traumatisierung ist, so ist auch nicht jeder schwierige Mensch ein Narzisst.
Wie setzt die Behandlung bei Clienia Littenheid an?
Mark Ebneter: Wir arbeiten mit der traumafokussierten Dialektisch-Behavioralen Therapie, kurz TF-DBT, einem neuen und modernen Therapieverfahren zur Behandlung der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung, aber auch der Borderlinestörung. Neben Verhaltenskontrolle und Emotionsregulation geht es um die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen und die Veränderung des Selbst- und Weltbildes.
Maria Kessler-Wengenmayr: Unser stationäres TF-DBT-Programm dauert 14 Wochen: vier Wochen Vorbereitung, acht Wochen Expositionstherapie zur gezielten Bearbeitung der Alarmnetzwerke und der Selbst- und Weltannahmen und dann zwei Wochen Abschluss und Aufgleisung des anstehenden neuen Lebensabschnittes.
Können Betroffene ihre frühkindlichen Prägungen überwinden?
Mark Ebneter: Die Alarmnetzwerke lassen sich durch Expositionstherapie sehr gut behandeln. Tief verankerte Selbst- und Weltannahmen zu verändern, braucht hingegen mehr Zeit. In einer Wirksamkeitsstudie zur TF-DBT erfüllten 80 Prozent derjenigen, die die Behandlung durchlaufen hatten, anschliessend die Kriterien einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung nicht mehr. Das heisst aber nicht, dass dann alle Beschwerden verschwunden sind.
Maria Kessler-Wengenmayr: Viele Patienten empfinden es als enorme Entlastung, wenn sie aus dem permanenten inneren Alarmzustand herauskommen. Entscheidend ist, Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden zu können und dadurch wieder Handlungsspielraum im Hier und Jetzt zu gewinnen.
Dr. med. Mark Ebneter ist Chefarzt des Zentrums für Psychotherapie und Psychosomatik der Clienia Littenheid AG und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Zu den Behandlungsschwerpunkten seines Zentrums gehören unter anderem komplexe Traumafolgestörungen und Persönlichkeitsstörungen. Dabei kommt auch die traumafokussierte Dialektisch-Behaviorale Therapie (TF-DBT) zum Einsatz.
Maria Kessler-Wengenmayr ist Leitende Ärztin und stellvertretende Chefärztin des Zentrums für Psychotherapie und Psychosomatik. Sie leitet eine der drei DBT-Stationen und das neu eröffnete DBT-Ambulatorium am Standort der Clienia Littenheid. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: unsplash, zVg
