«Jugendliche fordern, aber nicht allein lassen»
Alessandro Borghi, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass Sie den Inspiration Award erhalten?
Ich war zuerst überrascht und habe mich natürlich sehr gefreut. Für mich ist die Auszeichnung aber vor allem eine Wertschätzung für die ganze Berufsbildung und unser Team.
Sie begleiten Lernende täglich auf ihrem Weg ins Berufsleben. Was motiviert Sie an dieser Aufgabe?
Mich motiviert zu sehen, wie sich junge Menschen entwickeln. Besonders schön ist es, wenn sie selbstständiger werden, Verantwortung übernehmen und am Ende stolz auf ihre Arbeit sind.
Was macht für Sie einen guten Berufsbildner aus?
Ein guter Berufsbildner muss fachlich kompetent sein, zuhören können und den Lernenden etwas zutrauen. Gleichzeitig braucht es klare Regeln und Erwartungen. Wichtig ist, die Jugendlichen zu fordern, aber nicht allein zu lassen.
«Praxis ist der Schlüssel zur Begeisterung für technische Berufe.»
Wie schaffen Sie es, junge Menschen für technische Berufe zu begeistern?
Indem wir ihnen die Berufe direkt zeigen. Wir laden Schulklassen zu uns ein, zeigen ihnen unsere Maschinen und lassen sie selbst etwas ausprobieren. Wenn sie erleben, wie aus Rohmaterial ein fertiges Werkstück entsteht, entsteht Begeisterung. Praxis ist für mich der Schlüssel.
Welche Entwicklung beobachten Sie bei Jugendlichen, die heute eine Lehre beginnen?
Die Jugendlichen kommen heute mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen. Sie sind stark mit digitalen Medien aufgewachsen, weshalb wir teilweise anders erklären und ausbilden müssen. Wichtig ist aber nach wie vor, dass sie ernst genommen werden und den Sinn ihrer Arbeit sehen.
Was ist Lernenden bei einem Ausbildungsbetrieb heute wichtiger als noch vor zehn Jahren?
Die persönliche Betreuung und das Arbeitsumfeld sind heute besonders wichtig. Lernende wollen als Person wahrgenommen werden, gute Kommunikation und moderne Arbeitsmittel erleben. Sie möchten zudem verstehen, warum etwas gemacht wird.
Wie gehen Sie mit Lernenden um, die zunächst Mühe haben, ihr Potenzial zu entfalten?
Zuerst versuche ich herauszufinden, woran es wirklich liegt. Nicht jeder Lernende zeigt sein Potenzial sofort. Manchmal fehlt es an Motivation, manchmal am Selbstvertrauen und manchmal braucht es einfach mehr Zeit. Wichtig ist, nicht zu schnell aufzugeben. Wir versuchen, klare Ziele zu setzen, Fortschritte sichtbar zu machen und dem Lernenden Verantwortung zu geben.
Welche Bedeutung haben Werte wie Verantwortung, Teamarbeit und Eigeninitiative in der Ausbildung?
Eine sehr grosse. Fachwissen allein reicht nicht. Die Lernenden müssen Verantwortung übernehmen, sich ins Team einbringen und Probleme möglichst selbstständig lösen. Diese Fähigkeiten brauchen sie später täglich.
Welche Innovationen oder Ideen haben Sie in der Berufsbildung bei Bartholet umgesetzt?
Wir gestalten die Ausbildung möglichst praxisnah und modern. Die Lernenden sollen nicht nur Arbeitsschritte lernen, sondern auch verstehen, wie die verschiedenen Bereiche zusammenspielen. Moderne Maschinen, digitale Hilfsmittel und mehr Eigenverantwortung gehören für mich dazu.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der dualen Berufsbildung in der Schweiz?
Ich wünsche mir, dass die Berufsbildung weiterhin den Stellenwert erhält, den sie verdient. Eine Lehre ist keine zweite Wahl, sondern ein direkter Weg ins Berufsleben. Gerade in technischen Berufen brauchen wir gut ausgebildete Fachkräfte. Dafür müssen wir zeigen, wie vielseitig und modern diese Berufe sind.
Alessandro Borghi ist Leiter Berufsbildung bei der Bartholet Ropeways AG in Flums und engagiert sich seit vielen Jahren für die Ausbildung des Berufsnachwuchses. Seit 2005 haben unter seiner Leitung 150 Lernende bei Bartholet einen Abschluss erlangt. Aktuell bildet das Unternehmen mehr als 30 Lernende in verschiedenen technischen Berufen aus. Rund die Hälfte der Absolventen bleibt nach der Ausbildung im Unternehmen.
