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«Die Berufslehre ist kein Plan B»

«Die Berufslehre ist kein Plan B»
Jens Breu
Lesezeit: 5 Minuten

Engagierte Lehrbetriebe, Berufsbildner und leistungsstarke junge Berufsleute bilden eine zentrale Grundlage des Schweizer Erfolgsmodells. Mit «Best of Class» rückt die Hans Huber Stiftung die Exzellenz der dualen Berufsbildung ins Rampenlicht. Stiftungspräsident und SFS-CEO Jens Breu spricht über die Premiere, die Gleichwertigkeit von Lehre und Gymnasium sowie die Chancen, die sich für junge Menschen, Unternehmen und den Bildungsstandort eröffnen.

Jens Breu, die «Best of Class»-Premiere ist Geschichte: Was bleibt Ihnen persönlich von diesem Abend am stärksten in Erinnerung?
Dass Berufsstolz eine enorme Kraft entfalten kann, wenn man ihm eine Bühne gibt. Wir sprechen oft abstrakt über Berufsbildung oder Fachkräfte. An diesem Abend standen Menschen im Mittelpunkt, die mit Recht stolz auf ihre Leistung sein dürfen. Bei den jungen Berufsleuten war spürbar, wie viel Können, Disziplin und Entwicklung hinter einem ausgezeichneten Lehrabschluss stehen. Die Berufsbildung wurde nicht erklärt oder verteidigt, sondern selbstbewusst gefeiert. Genau das wollten wir erreichen. 

Die Hans Huber Stiftung hat ihre traditionelle Preisverleihung nach 28 Jahren neu ausgerichtet. Weshalb war 2026 der richtige Zeitpunkt, und welche zusätzlichen Möglichkeiten eröffnet «Best of Class»?
Die bisherige Preisverleihung hat Menschen gewürdigt, die sich aussergewöhnlich für die Berufsbildung engagieren. Daran knüpfen wir an. Gleichzeitig wird der Wettbewerb um Talente intensiver, und Berufsbilder verändern sich schneller. Mit «Best of Class» stellen wir deshalb zusätzlich die jungen Berufsleute ins Zentrum. Wir verbinden Vorbilder, Leistung und Zukunft und schaffen eine Plattform, die Wirtschaft, Bildung, Eltern und junge Menschen zusammenbringt.

Im Zentrum der Gala stand die «Exzellenz in der dualen Berufsbildung». Was verstehen Sie darunter?
Exzellenz lässt sich nicht auf eine Abschlussnote reduzieren. Im Berufsleben zeigt sich Qualität in mehreren Dimensionen: Fachliches Können gehört ebenso dazu wie Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft, Eigeninitiative und die Fähigkeit, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Für mich bedeutet Exzellenz, aus den eigenen Möglichkeiten sehr viel zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Junge Menschen können sich während einer Lehre enorm entwickeln und über sich hinauswachsen. 

OD  Scandola  

«Eure Leistung zählt.»

Erstmals wurden neben Persönlichkeiten auch die besten Lernenden der Ostschweiz aus neun Interessenfeldern geehrt. Welche Botschaft verbindet die Stiftung damit?
Ganz einfach: Eure Leistung zählt. Und sie verdient die gleiche öffentliche Anerkennung wie hervorragende Leistungen in anderen Bildungswegen, im Sport oder in der Kultur. Wer eine anspruchsvolle Berufslehre absolviert, verbindet Theorie und Praxis und bewährt sich gleichzeitig im Betrieb. Die Auszeichnung ist dabei kein Schlusspunkt, sondern markiert einen Anfang. Ich wünsche mir, dass die Ausgezeichneten neugierig bleiben, Verantwortung übernehmen und später vielleicht selbst junge Menschen ausbilden.

Die Berufslehre gilt als tragende Säule des Schweizer Erfolgsmodells. Wird ihr Potenzial ausreichend wahrgenommen?
Teilweise ja. Vielleicht gerade deshalb, weil das System so gut funktioniert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Unternehmen Nachwuchs ausbilden, Berufsschulen Wissen vermitteln und junge Menschen früh in reale Arbeitsprozesse eingebunden werden. International ist das keineswegs selbstverständlich. Die duale Berufsbildung schafft einen direkten Wissenstransfer zwischen Schule und Unternehmen. Neue Technologien gelangen rasch in die Ausbildung und in die Betriebe. Berufsbildung ist deshalb mehr als ein Instrument gegen den Fachkräftemangel: Sie ist Teil unserer Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit.

Viele Eltern betrachten das Gymnasium noch immer als den sichereren oder prestigeträchtigeren Bildungsweg. Wie lässt sich die Vielfalt beruflicher Laufbahnen besser vermitteln?
Gesellschaftliche Bilder sind häufig langlebiger als Bildungsrealitäten. Die Vorstellung, ein akademischer Weg führe automatisch «weiter nach oben», sitzt tief. Eine solche Hierarchie greift jedoch zu kurz. Im Zentrum steht die Frage, welcher Bildungsweg zu den Fähigkeiten, Interessen und zur Persönlichkeit eines jungen Menschen passt. Es geht nicht darum, Gymnasium und Berufslehre gegeneinander auszuspielen. Beide Wege sind wichtig und bieten hervorragende Perspektiven. Potenzial geht aber verloren, wenn Prestige stärker gewichtet wird als Begabung und Motivation. Zudem wird die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems oft unterschätzt. Eine Berufslehre verbaut keine Zukunft, sondern eröffnet viele Wege.

Mahlwerk  Sommerkonzert  

Ausbildung ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Welche Chancen eröffnet sie den Unternehmen bei der Sicherung ihres Fachkräftebedarfs?
Viele Unternehmen leisten bereits Hervorragendes. Berufsbildung erfordert Zeit, Geld und Aufmerksamkeit. Ein Lehrbetrieb stellt Fachleute frei und begleitet junge Menschen intensiv. Gerade darin liegt für Unternehmen aber eine grosse Chance: Wer selbst ausbildet, kann früh jene Kompetenzen entwickeln, die für die eigene Zukunft besonders wertvoll sind.
Bei SFS ist die Ausbildung seit Jahrzehnten Teil der langfristigen Personalentwicklung. Sie ist kein gesellschaftliches Nebenprojekt, sondern unternehmerische Vorsorge. Wer heute ausbildet, gewinnt Fachkräfte, entwickelt künftige Führungskräfte und hält wichtiges Wissen im Unternehmen. Gleichzeitig entsteht eine Bindung zu jungen Menschen, die den Betrieb, seine Kultur und seine Arbeitsweise von Grund auf kennenlernen.

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und neue Berufsbilder verändern die Arbeitswelt rasant. Wie kann die duale Berufsbildung diese Entwicklung für sich nutzen?
Die Antwort auf neue Technologien kann nicht allein darin bestehen, immer weitere Inhalte in bestehende Lehrpläne aufzunehmen. Wissen verändert sich teilweise schneller, als Bildungspläne angepasst werden können. Umso wichtiger werden langfristig relevante Fähigkeiten: fachliche Grundlagen, Problemlösungskompetenz, vernetztes Denken, Datenverständnis und der kompetente Umgang mit digitalen Werkzeugen und KI.
Ebenso gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, Ergebnisse kritisch zu beurteilen und Technologie verantwortungsvoll einzusetzen. KI kann Antworten erzeugen, übernimmt aber keine Verantwortung dafür, ob sie im betrieblichen Kontext richtig sind. Die duale Berufsbildung bietet hier einen besonderen Vorteil: Neue Technologien kommen unmittelbar in Unternehmen zum Einsatz und können dadurch rasch Teil der Ausbildung werden. Lernende erleben nicht nur, wie eine Technologie funktioniert, sondern auch, wo sie sinnvoll eingesetzt wird und welche Verantwortung damit verbunden ist.

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«Eine Berufslehre verbaut keine Zukunft, sondern eröffnet viele Wege.»

Die Hans Huber Stiftung zeichnet seit 1998 besonderes Engagement für die Berufsbildung aus.
Wo hat sie konkret etwas bewirkt, und welches weitere Potenzial sehen Sie? Die Stiftung hat Menschen und Unternehmen sichtbar gemacht, die sich weit über das Selbstverständliche hinaus für die Berufsbildung engagieren. Mit Auszeichnungen, Workshops und dem Nationalen Bildungspreis haben wir gezeigt, dass gute Berufsbildung Vorbilder braucht.
Gleichzeitig sehen wir viel Potenzial, Eltern früher zu erreichen, jungen Menschen die Vielfalt beruflicher Laufbahnen besser aufzuzeigen und den Austausch zwischen Schulen und Wirtschaft weiter zu intensivieren. Die Stiftung kann zudem noch stärker als Plattform wirken, Debatten anstossen und Akteure zusammenbringen. «Best of Class» eröffnet uns dafür neue Möglichkeiten, weil die ausgezeichneten jungen Berufsleute selbst zu glaubwürdigen Botschaftern der Berufsbildung werden können.

Wenn wir in zehn Jahren auf die Premiere von «Best of Class» zurückblicken: Woran möchten Sie erkennen, dass daraus eine Bewegung mit nachhaltiger Wirkung entstanden ist?
Für mich zeigt sich die Wirkung nicht in erster Linie daran, wie gross die Gala geworden ist, sondern daran, was sie ausgelöst hat. Ich wünsche mir, dass «Best of Class» zu einem anerkannten Qualitätszeichen für berufliche Exzellenz wird und frühere Preisträger zu Vorbildern werden.
Besonders wertvoll wäre ein Netzwerk aus jungen Berufsleuten, Berufsbildnern, Unternehmen und Schulen, das Wissen weitergibt und neue Initiativen hervorbringt. Und ich würde gerne erleben, dass bei einem talentierten 15-Jährigen nicht reflexartig gefragt wird, weshalb er «nur» eine Lehre macht, sondern welche Chancen ihm dieser Weg eröffnet. Dann hätten wir mehr erreicht als einen gelungenen Galaabend.

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