«Best of Class» Hans Huber Stiftung

«Eine gute Bewerbung muss nach einem Menschen klingen»

«Eine gute Bewerbung muss nach einem Menschen klingen»
Gregor Loser
Lesezeit: 5 Minuten

Eine Lehrstelle gewinnt man nicht allein mit guten Noten. Auftreten, Respekt und die richtige Einstellung entscheiden oft ebenso stark über den Einstieg ins Berufsleben. Gregor Loser vermittelt diese Grundlagen in Workshops und Büchern, unterstützt von der Hans Huber Stiftung. Mehr als 32‘000 Jugendliche haben «Fit für die Lehre» bereits besucht. Im Interview erklärt der Autor, woran Bewerbungen scheitern, weshalb auch Eltern und Lehrbetriebe gefordert sind und was Jugendliche auf den Berufsalltag vorbereitet.

Gregor Loser, mehr als 32’000 Jugendliche haben «Fit für die Lehre» bereits besucht. Was hat sich bei Schülern und Lehrstellensuche seit den ersten Workshops am stärksten verändert?
Die Jugendlichen sind nicht schlechter geworden, aber ihre Welt ist komplexer. Sie haben mehr Informationen und Möglichkeiten, sind gleichzeitig mit Erwartungen und Vergleichen konfrontiert. Die Lehrstellensuche ist digitaler, schneller und teilweise unpersönlicher geworden. Die Grundlagen haben sich kaum verändert: Ein Betrieb möchte spüren, dass ein junger Mensch interessiert und zuverlässig ist und wissen will, worauf er sich einlässt. Gerade diese einfachen Dinge werden in einer digitalisierten Bewerbung wichtiger. 

Gute Zeugnisnoten allein reichen nicht. Was entscheidet besonders häufig über Zusage oder Absage?
Oft sind es Kleinigkeiten, die zusammen ein Bild ergeben: Wie begrüsst jemand sein Gegenüber? Ist er pünktlich? Kennt er den Betrieb? Kann er erklären, weshalb ihn gerade dieser Beruf interessiert? Es geht nicht darum, dass ein 15-Jähriger wie ein erfahrener Bewerber auftritt, sondern um Aufmerksamkeit und Haltung. Ein ehrliches «Das weiss ich noch nicht» kann stärker sein als eine einstudierte Antwort. Freundlichkeit, Respekt und Interesse wirken stärker, als viele denken.

Viele Jugendliche sind bei der Berufswahl erst 14 oder 15, sollen aber bereits selbstbewusst und zuverlässig auftreten. Erwarten Lehrbetriebe manchmal zu früh zu viel Reife?
Ja, das kommt vor. Wir sprechen über Jugendliche in ihrer Entwicklung. Ein Lehrbetrieb stellt keinen fertigen Erwachsenen ein, sondern übernimmt eine Entwicklungsaufgabe. Pünktlichkeit, Anstand und Verbindlichkeit darf er erwarten. Unsicherheit, Nervosität oder fehlende Routine sind in diesem Alter aber normal. Gute Lehrbetriebe unterscheiden zwischen Eigenschaften, die für die Zusammenarbeit grundlegend sind, und Fähigkeiten, die ein junger Mensch erst lernen muss. Eine Lehre ist auch dafür da, Persönlichkeit zu entwickeln.

OD  

«Freundlichkeit, Respekt und Interesse wirken stärker, als viele denken.»

Bewerbungen können heute mit Vorlagen und künstlicher Intelligenz beinahe auf Knopfdruck erstellt werden. Wie erkennen Lehrbetriebe, ob hinter einem perfekten Schreiben auch eine passende Persönlichkeit steht?
Indem sie das Dossier als Eintrittskarte zum Kennenlernen betrachten, nicht als die Person selbst. KI kann helfen, Texte zu strukturieren oder Fehler zu korrigieren. Problematisch wird es, wenn ein Schreiben Motivation oder Sprache vortäuscht, die nicht zum Jugendlichen passen. Das zeigt sich spätestens im Gespräch oder beim Schnuppern. Gute Recruiter fragen konkret nach Erfahrungen, Fehlern und Reaktionen. Darauf gibt es keine Vorlage. Eine Bewerbung darf sauber sein – sie muss aber nach einem Menschen klingen.

Sie beziehen in Ihre Workshops auch Lehrlinge ein, die von ihren Erfahrungen berichten. Weshalb erreichen Gleichaltrige die Schüler manchmal besser als Lehrer, Eltern oder Berufsberater?
Weil ihre Erfahrung noch sehr nahe ist. Ein Lernender kann sagen: «Vor zwei Jahren sass ich genau dort, wo ihr heute sitzt.» Jugendliche hören, welche Fehler jemand gemacht hat und was ihm beim Schnuppern geholfen hat. Das wirkt nicht wie eine Regel von oben, sondern wie Erfahrung aus ihrer Lebenswelt. Erwachsene bleiben wichtig. Die Stärke liegt in der Kombination von Orientierung und unmittelbarer Erfahrung Gleichaltriger.

Eltern möchten ihre Kinder unterstützen, können mit ihren Erwartungen aber auch Druck erzeugen. Wo endet hilfreiche Begleitung, und wo beginnt Einmischung?
Eltern sollten Begleiter und nicht Projektleiter der Berufswahl sein. Hilfreich ist, Fragen zu stellen, zuzuhören, Möglichkeiten anzuschauen oder eine Bewerbung gegenzulesen. Schwierig wird es, wenn Eltern den Beruf auswählen, Bewerbungen schreiben oder für ihr Kind im Betrieb anrufen. Dann nehmen sie ihm genau jene Verantwortung ab, die es für den nächsten Schritt braucht. Eltern müssen auch aushalten, dass ihr Kind einen anderen Weg wählt. Die entscheidende Frage lautet nicht: «Was halte ich für richtig?», sondern: «Was passt zu meinem Kind?»

Zima  Cellere  

Lehrbetriebe beklagen mangelnden Anstand, geringe Belastbarkeit oder fehlende Motivation. Müssen sich auch Unternehmen fragen, ob ihre Erwartungen und ihre Führung noch zeitgemäss sind?
Unbedingt. Berufsbildung ist keine Einbahnstrasse. Jugendliche müssen lernen, dass Arbeit Verbindlichkeit verlangt und nicht jeder Tag Spass macht. Betriebe wiederum müssen erklären, klare Erwartungen formulieren und Rückmeldung geben. Wer Verantwortung verlangt, muss sie auch zutrauen. Junge Menschen wollen verstehen, weshalb etwas wichtig ist. Gute Führung bedeutet nicht, Anforderungen zu senken, sondern sie nachvollziehbar zu machen. Wer über den Nachwuchs klagt, sollte deshalb auch die eigene Ausbildungskultur hinterfragen.

Nicht alle Jugendlichen starten mit denselben sprachlichen, familiären und sozialen Voraussetzungen. Wie lässt sich verhindern, dass der erste Eindruck Ungleichheiten verstärkt?
Indem wir ungeschriebene Regeln sichtbar machen und den ersten Eindruck nicht zum einzigen Kriterium erklären. Was manche Jugendliche zu Hause selbstverständlich lernen, müssen andere erst kennenlernen: Wie trete ich auf? Wie bereite ich mich vor? Welche Fragen darf ich stellen? Das kann man lernen. Auch Betriebe sind gefordert. Wer Potenzial sucht, sollte mehrere Begegnungen ermöglichen, Schnupperlehren ernst nehmen und nicht nur jene auswählen, die den Bewerbungscode bereits perfekt beherrschen. Ein guter Auswahlprozess erkennt Entwicklungsmöglichkeiten, nicht bloss Routine im Bewerben.

«Eltern sollten Begleiter und nicht Projektleiter der Berufswahl sein.»

Die «Best of Class»-Gala zeichnet Exzellenz aus, während Ihre Arbeit vor dem Beginn der Lehre ansetzt. Kann man Exzellenz lernen?
Zu einem grossen Teil ja. Begabung hilft, entscheidet aber selten allein. Exzellenz entsteht aus kleinen Verhaltensweisen: Interesse zeigen, üben, Fragen stellen, Feedback annehmen, nach Fehlern nochmals versuchen und Verantwortung übernehmen. Das lässt sich entwickeln. Jugendliche sollen nicht glauben, sie müssten mit 15 bereits «Best of Class» sein. Entscheidend ist die Bereitschaft, besser werden zu wollen. Exzellenz bedeutet nicht Fehlerlosigkeit; sie zeigt sich oft darin, wie jemand mit Fehlern umgeht. 

Die Hans Huber Stiftung unterstützt Ihre Workshops und Bücher seit Jahren. Was ermöglicht dieses Engagement konkret, und weshalb braucht eine zentrale Aufgabe wie die Vorbereitung auf die Berufswelt private Initiativen?
Reichweite und Kontinuität. Wir können Jugendliche erreichen, unabhängig vom Budget einer einzelnen Schule, und Inhalte laufend weiterentwickeln. Private Initiativen ersetzen aber weder Schule und Berufsberatung noch die Verantwortung der Unternehmen. Sie können ergänzen, neue Ideen ausprobieren und Akteure zusammenbringen. Darin liegt die Stärke der Hans Huber Stiftung. Berufsbildung funktioniert, weil viele Verantwortung übernehmen. Wenn Schulen, Wirtschaft, Eltern, Staat und private Initiativen ihre Stärken einbringen, entsteht mehr, als jeder allein leisten könnte.

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