Feinste Chirurgie für komplexe Defekte
Als sich bei einem Kletterunfall im Mai 2025 ein rund zwei Meter grosser Felsbrocken löste und Valentin Lendenmann am Bein traf, erlitt der damals 36-jährige Appenzeller eine schwere offene Fraktur des Unterschenkels mit erheblichem Weichteilverlust. Nach der notfallmässigen Stabilisierung wurde am Kantonsspital St.Gallen der Knochen versorgt und der Gewebedefekt rekonstruiert.
Dafür arbeiteten Orthopädie und Plastische Chirurgie eng zusammen. Mittels einer freien mikrochirurgischen Perforatorlappenplastik wurde Gewebe vom Oberschenkel an die verletzte Stelle übertragen. Die Wunde konnte rasch heilen und die Rehabilitation früh beginnen.
«Bereits im Spitalbett konnte ich dank der Physiotherapie wieder mit dem Training beginnen. Die Heilung verlief von Anfang an sehr gut und mit dem Lappen hatte ich keinerlei Komplikationen», berichtet Lendenmann. Als Stuntman sei es für ihn besonders wichtig, sich auf seinen Körper verlassen zu können. Auch bei einem späteren Stunt mit einer Explosion und Feuer habe der Lappen gehalten.
Gefässe von weniger als einem Millimeter
Mit feinsten Instrumenten, speziellen Nahtmaterialien und dem Operationsmikroskop können Blutgefässe und Nerven mit einem Durchmesser von teilweise weniger als einem Millimeter verbunden werden. Dadurch lässt sich gesundes Gewebe an eine andere Körperregion übertragen und dort an die lokale Blutversorgung anschliessen.
Zum Einsatz kommen solche Verfahren etwa nach schweren Verletzungen, Tumoroperationen oder fulminanten Entzündungen. Bei komplexen Defekten an Extremitäten, Kopf oder Körperstamm können dadurch Funktion und Form erhalten sowie Amputationen in vielen Fällen vermieden werden. Auch bei geplanten Eingriffen wird die rekonstruktive Mikrochirurgie eingesetzt, etwa bei funktionellen Rekonstruktionen, schmerzhaften oder instabilen Narben, Kontrakturen und Lymphödemen.
Eine wichtige Anwendung ist die freie Lappenplastik. Dabei werden Haut-, Fett-, Muskel- oder Knochengewebe zusammen mit den versorgenden Blutgefässen transplantiert. Moderne Perforatorlappen-Techniken ermöglichen es häufig, auf die Entnahme von Muskelgewebe zu verzichten. Dadurch wird die Spenderregion geschont.
Mehr als 100 Eingriffe pro Jahr
Die Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie führt jährlich mehr als 100 freie Lappenplastiken durch und zählt damit zu den grössten mikrochirurgischen Zentren der Schweiz. Technische Fortschritte, standardisierte Abläufe und moderne Verfahren zur Messung der Gewebeperfusion haben die Sicherheit verbessert. Ein vollständiger Verlust des transplantierten Gewebes tritt selten auf.
Auch die Behandlung nach der Operation hat sich verändert. Während Patienten nach solchen Eingriffen früher teilweise noch auf der Intensivstation überwacht wurden, handelt es sich heute um klinische Standardeingriffe. Behandlungskonzepte nach dem Prinzip «Enhanced Recovery After Surgery» unterstützen die raschere Erholung und ermöglichen häufig kürzere Spitalaufenthalte.
Für komplexe Rekonstruktionen ist die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen entscheidend. Bei der orthoplastischen Extremitätenrekonstruktion arbeiten Plastische Chirurgie, Orthopädie und Traumatologie eng zusammen. Je nach Fall werden weitere Fachgebiete wie Infektiologie, Radiologie oder Angiologie beigezogen. Die interdisziplinäre Planung beginnt bereits vor der ersten Operation.
Auch Brustrekonstruktionen werden interdisziplinär geplant. Patientinnen nach einer Brustkrebserkrankung werden von Fachpersonen der Plastischen Chirurgie und der Senologie über die Möglichkeiten einer Rekonstruktion informiert. Dabei können schonende mikrochirurgische Techniken mit körpereigenem Gewebe eingesetzt werden.
Neue Möglichkeiten bei Lymphödemen
Bei Lymphödemen können kleine Lymphgefässe direkt mit Venen verbunden werden. Daneben kommen zunehmend mikrochirurgische Lymphknotentransplantationen zum Einsatz. Die Behandlung wird in einer interdisziplinären Lymphödem- und Lipödemsprechstunde gemeinsam mit der Klinik für Angiologie geplant. Ziel ist es, Beschwerden zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.
Die Klinik arbeitet zudem mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie an neuen Technologien für die Nachsorge. Gemeinsam mit der Empa St.Gallen und der Forster Rohner AG wird derzeit ein leicht tragbares textiles Analysegerät entwickelt. Es soll die Behandlung nach mikrochirurgischen Eingriffen individualisieren und dazu beitragen, Spitalaufenthalte zu verkürzen.
Wie sich die Mikrochirurgie weiterentwickelt, welche Rolle die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen spielt und wo neue Möglichkeiten entstehen, erläutert PD Dr. Volker Schmidt von der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie im Kurzinterview.
Welche Bedeutung hat die rekonstruktive Mikrochirurgie heute innerhalb Ihrer Klinik?
Volker Schmidt: Die rekonstruktive Mikrochirurgie nimmt eine zentrale Rolle in unserer Klinik ein. Gleichzeitig sind wir rekonstruktiver Servicepartner für andere Fachbereiche wie Chirurgie, Orthopädie, Thorax- und Gefässchirurgie, HNO, Neurochirurgie oder das Brustzentrum. Unsere Techniken erweitern deren Möglichkeiten, etwa bei Tumoroperationen, in der Endoprothetik oder beim Erhalt von Extremitäten.
Mikrochirurgische Eingriffe haben sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Welche Fortschritte waren für die Behandlung der Patienten besonders entscheidend?
Der grösste Fortschritt liegt in schonenderen Techniken. Dass übertragenes Gewebe nach dem Gefässanschluss überlebt, ist heute in spezialisierten Zentren Standard. Moderne Perforatorplastiken ermöglichen es zudem, weitgehend auf die Entnahme von Muskelgewebe zu verzichten. Gleichzeitig achten wir stärker darauf, die Entnahmestellen möglichst schonend und ästhetisch zu behandeln und den Patienten eine schnelle Erholung zu ermöglichen.
Bei komplexen Rekonstruktionen arbeiten verschiedene medizinische Fachrichtungen eng zusammen. Was ist für eine erfolgreiche interdisziplinäre Behandlung entscheidend?
Entscheidend sind Respekt, Offenheit und das gemeinsame Ziel, für den Patienten die bestmögliche Therapie zu finden. Dazu gehören klare Absprachen, interdisziplinäre Fallbesprechungen, Kompetenz, Verlässlichkeit und flache Kommunikationsstrukturen. Gemeinsame Forschung und die Aufarbeitung schwieriger Fälle schaffen zudem eine hervorragende Lernumgebung. Und manchmal muss man auch das eigene Ego zurücknehmen können.
«Der grösste Fortschritt liegt in schonenderen Techniken.»
Die Mikrochirurgie kommt heute bei sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern und Verletzungen zum Einsatz. Wo sehen Sie derzeit die wichtigsten Entwicklungen und neuen Möglichkeiten?
Wichtig ist, die Expertise der rekonstruktiven Mikrochirurgie im Gesundheitsmarkt bekannter und besser zugänglich zu machen. Durch ihre rechtzeitige Einbindung können beispielsweise Amputationen verhindert und komplexe Tumorerkrankungen operiert und rekonstruiert werden. Innerhalb von HOCH und mit den Nachbarkantonen bauen wir deshalb den Zugang weiter aus. Neben St.Gallen und Grabs sind spezialisierte Sprechstunden auch in Linth und Wil vorgesehen. Ein weiteres Entwicklungsfeld ist die mikrochirurgische Robotik, die in St.Gallen künftig unter anderem bei der Behandlung von Lymphödemen zum Einsatz kommen soll.
Gemeinsam mit der Empa St.Gallen und Forster Rohner entwickelt Ihre Klinik ein tragbares textiles Analysegerät für die Nachsorge. Was soll diese Technologie für die Patienten konkret verbessern?
Nach freien Lappenplastiken am Unterschenkel muss das transplantierte Gewebe schrittweise an die Belastung im Stehen gewöhnt werden. Unser Textilsensor soll dabei Durchblutung und Druckentwicklung über der gesamten Lappenplastik messen. So können wir die Behandlung stärker individualisieren. Wir gehen davon aus, dass Patienten dadurch früher das Spital verlassen und schneller in die ambulante Behandlung sowie in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren können.
Text: Patrick Stämpfli
Bild: zVg
