Ungerecht
Text: Louis Grosjean, Partner altrimo
Kürzlich kam mir dieser Spruch von Cicero wieder in den Sinn. Ich war mit einer Unternehmenssanierung konfrontiert. Das Instrument der Nachlassstundung war angezeigt. Sie wurde beim zuständigen Gericht beantragt. Das Problem: Der zuständige Einzelrichter verstand die betrieblichen Gegebenheiten nicht. Kein Geld mehr auf dem Konto? Das Unternehmen muss in den Konkurs. Gesagt, getan. Jobs weg, Verluste für Gläubiger, Existenz zerstört. Warum? Das Gesetz sagt, dass bei offensichtlicher Aussichtslosigkeit einer Unternehmenssanierung der Konkurs zu eröffnen ist.
Wenn die Interpretation der Aussichtslosigkeit durch einen Richter erfolgt, der betriebliche Abläufe auf den Banksaldo reduziert, wird ungerecht entschieden.
Justitias verbundene Augen – und unsere?
Dieser Einzelfall hat mich zum Nachdenken gebracht. Justitia sind die Augen verbunden. Und uns Leadern? Entscheiden wir auch in Fällen, in denen wir keine Ahnung haben? Wo uns Erfahrung und Sachverstand fehlen?
Zweifellos passiert uns das auch. Bei allen Bemühungen sind auch wir fehlbar. Dann entstehen Ungerechtigkeiten. Wir können aber danach streben, das Mass der Ungerechtigkeit zu reduzieren.
Schauen wir uns Ciceros Maxime an. «Summum jus, summa injuria». Komplexe Formalitäten sind die Türöffner der Ungerechtigkeit. Je komplexer die Regeln, desto grösser ist das Risiko, dass nach diesen Regeln ungerecht entschieden wird. Nun, wo entstehen komplexe Regeln? In grossen Organisationen. Wie kommt es dazu?
Wer entscheidet? Person oder Norm?
In einem kleinen Unternehmen entscheidet der Patron. Es entsteht durchaus Ungerechtigkeit, wenn der Patron ungerecht reagiert. Mit der ungerechten Handlung ist eine klar verantwortliche Person verbunden. Deren Wertesystem, deren Weisheit sind für die Gerechtigkeit der in diesem Unternehmen gefällten Entscheide massgebend.
In einem grossen Unternehmen treten Werte und Weisheit der Entscheidungsträger in den Hintergrund. Entscheide werden oft über mehrere Stufen getroffen. Es ist gar nicht so einfach zu identifizieren, wer entscheidet. Das System entscheidet. Oder, in der beliebten Redeart vieler Grosskonzern-Menschen: «Es ist entschieden worden, dass …». Wie praktisch der Passiv doch ist. Die Entscheide sind umso weniger von Menschen, deren Werte und deren Weisheit geprägt, als die Organisation komplex und das Normengefüge dicht ist.
Somit nimmt Ciceros Maxime eine Gegenposition zum Konzept des gesetzten Rechts ein. Sie stellt uns Leadern die unternehmerische Frage, ob Normen oder tugendhafte Leader das bessere Rezept für gerechte Entscheidungen sind.
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Kein blindes Normen-Gehorsam!
In meiner persönlichen Schlussfolgerung braucht es beides. Es braucht einfache, bekannte, verständliche Regeln dort, wo Einzelfallentscheidungen zu Ungerechtigkeiten führen können. Zum Beispiel muss ein Unternehmen regeln, ob und wie es sich an der Weiterbildung seiner Mitarbeiter beteiligt. Oder wie es den Rekrutierungsprozess gestaltet.
Es braucht aber auch das Korrektiv des Sachverstandes, der gerechtfertigten Ausnahme. Dem tugendhaften Leader muss es möglich sein, im Einzelfall von Regeln abzuweichen – eben dann, wenn deren strikte Anwendung zu einem ungerechten Ergebnis führen würde. Voraussetzung sind die Tugendhaftigkeit und der erwiesene Sachverstand dieses Leaders.
An den Sachverständigen delegieren
Schliesslich könnte Ciceros Maxime weiter ausgelegt werden: Braucht es wirklich eine Norm? Oder lautet die Lösung nicht Dezentralisierung? Die Entscheidung nämlich dort delegieren, wo der Sachverstand sitzt. Dann entsteht weniger Ungerechtigkeit.
Die komplementäre Empfehlung lautet also: Keine Norm, sondern der richtigen Person die Entscheidungskompetenz zuweisen.