Warum gute Vorsätze scheitern und Freude der bessere Weg ist
Text: Louis Grosjean, Partner altrimo
In dieser Artikelreihe über Leadership-Philosophie schreibe ich mehrheitlich über die Interaktion des Leaders mit seinen Mitmenschen, weil Leadership nicht im stillen Kämmerlein geschieht. Hin und wieder tut der Leader jedoch gut daran, sich in Selbstführung zu üben.
Dazu eignet sich der Januar besonders gut. Alle Jahre wieder kommt sie, die Zeit der guten Vorsätze. Abnehmen, mehr Sport treiben, berufliche Ziele erreichen, mehr Achtsamkeit, mehr Zeit für Familie und Freunde usw. Die Liste ist lang und nicht sehr abwechslungsreich.
Oft scheitern diese gut gemeinten Vorsätze. «Chassez le naturel, il revient au galop», sagt ein französisches Sprichwort. Uns selbst zu ändern, fällt uns schwer. Wir kehren bald zu unseren alten Gewohnheiten zurück. Eine spannende Erklärung, warum das so ist, habe ich in der «Ethik» des Philosophen Spinoza gefunden beziehungsweise daraus ableiten können.
Nicht gängeln – Freude maximieren
Baruch Spinoza lebte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. In einer jüdischen Familie aufgewachsen, wurde er bald zu einem sehr guten Kenner der Religion. Er störte sich an den Widersprüchen, die er in den heiligen Schriften vorfand, und bekannte sich zur Vernunft als Handlungsmaxime. Damit wurde er zu einem entschiedenen Gegner der strengen moralischen Haltung, die von der damaligen katholischen, protestantischen und jüdischen Kirche vertreten wurde.
In seiner «Ethik» schreibt uns Spinoza drei Affekte zu: Freude, Trauer und Begehren. Gelingt die Befriedigung des Begehrens, so erreicht man eine höhere Stufe der Vollkommenheit und empfindet Freude. Wird die Befriedigung hingegen behindert oder vereitelt, nimmt die Vollkommenheit ab und man empfindet Trauer.
Die Handlungsfähigkeit steigern
Die Ethik zielt darauf ab, dass wir stetig unsere Handlungsfähigkeit steigern. Damit wir dieses Ziel vor Augen behalten, müssen wir uns unseres Verstandes bedienen. Wer seinen Verstand nutzt und sich nicht von Einbildungen oder Leidenschaften verirren lässt, steigert seine Handlungsfähigkeit und wird dadurch Schritt für Schritt glücklicher.
Was bedeutet dies in Bezug auf unsere zeitgenössischen Vorsätze? Es nützt nichts, sich mit einer fremdbestimmten Ethik zu binden. Wer gegen seine Natur kämpft, verliert an Handlungsfähigkeit und wird gemäss Spinoza unglücklich. Wenn ich der Genusstyp bin, dann nützt es nichts, mir drei Monate lang den Zugang zu guten Speisen zu verwehren. Vielmehr muss ich meinen Verstand nutzen und mich fragen, wie viel Genuss es braucht, um meine Handlungsfähigkeit zu erhöhen.
Generell würde Spinoza einem Pflichtenheft wie «dreimal pro Woche Sport, einmal pro Woche einen Freund treffen, drei Abende pro Woche mit der Familie zu Abend essen» kritisch gegenüberstehen. Die Zielkonflikte sind vorprogrammiert. Dadurch entsteht Trauer und bestimmt keine Erhöhung der Handlungsfähigkeit.
«Stärken stärken, nicht Schwächen eliminieren», könnte eine abgewandelte Maxime lauten. Hier liegen die Stärke und gleichzeitig die Schwierigkeit der Spinoza-Ethik. Bin ich kein Sporttyp, dann bringt ein Fitnessabo nichts. Stattdessen muss ich mir überlegen, was ich brauche, um handlungsfähiger zu werden. Dazu wird vielleicht ein täglicher Spaziergang reichen. Arbeite ich gerne, muss ich mich diesbezüglich nicht zugunsten anderer Tätigkeiten einschränken. Ich muss allerdings so arbeiten, dass ich langfristig handlungsfähig und arbeitsfähig bleibe.
Wenn wir uns etwas vornehmen, dann im Einklang mit dem, was unserer Natur entspricht. Dann steigt die Freude. Und es wird uns gelingen, den wohlüberlegten Vorsatz umzusetzen.