Mütter und Väter mit psychischen Erkrankungen werden am Arbeitsplatz zu wenig unterstützt
Text: pd/stz.
Die Geburt eines Kindes ist für die meisten Eltern einer der schönsten Momente im Leben – manche stürzt dieses Ereignis jedoch in eine Krise. Rund 15 bis 20 Prozent der Mütter und 10 Prozent der Väter erleiden jährlich eine peripartale psychische Erkrankung, kurz PPE. Der Begriff «peripartal» bedeutet «rund um die Geburt» und umfasst die Zeit der Schwangerschaft, die Geburt selbst sowie das erste Jahr nach der Entbindung.
Die bekannteste Form der PPE ist die postpartale Depression, hinzu kommen zum Beispiel Psychosen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie Angst- und Zwangsstörungen. «Unbehandelt können PPE schwerwiegende Auswirkungen auf das Wohlbefinden des betroffenen Elternteils, der Familie und des Kindes haben», sagt Andrea Borzatta, Präsidentin von Periparto Schweiz, einer schweizweiten Non-Profit-Organisation, die Betroffenen hilft und Fachpersonen ausbildet.
In der Schweiz sind jährlich schätzungsweise 23’500 Personen betroffen. Fast jedes Unternehmen kommt also früher oder später mit dem Thema in Berührung. Doch besonders in der Arbeitswelt ist die psychische Gesundheit allgemein und PPE im Besonderen laut Borzatta ein grosses Tabuthema.
Hinzu komme, dass viele Arbeitgeber noch immer erwarteten, dass frischgebackene Eltern funktionieren wie zuvor, und das, obwohl sich ihr Leben drastisch verändert habe. In einer neuen Studie haben die OST – Ostschweizer Fachhochschule und Periparto Schweiz deshalb die Situation von PPE-Betroffenen in der Schweizer Arbeitswelt untersucht.
Betroffene leiden im Stillen
Die Studie umfasst eine Analyse des Forschungsstandes, eine Online-Umfrage und zwei Workshops mit Betroffenen sowie Vertretern von Unternehmen. An der viersprachigen Online-Umfrage nahmen 173 PPE-Betroffene in einem Angestelltenverhältnis teil. Davon gaben 70 Prozent an, während der Schwangerschaft und nach der Geburt sehr selten oder keine Unterstützung vonseiten des Arbeitgebers erhalten zu haben.
In einer offenen Frage konnten die Teilnehmer beschreiben, welche Form der Unterstützung sie sich gewünscht hätten. Flexible Arbeits- und Wiedereinstiegsmodelle, Empathie und Verständnis, Zukunftsplanung sowie Jobsicherheit wurden genannt. Besonders oft wünschten sich die Betroffenen offene und proaktive Kommunikation zu ihrer Situation seitens des Unternehmens. Fast 60 Prozent der Befragten konnten mit dem Arbeitgeber keine oder nur sehr beschränkt offene Gespräche über ihre Erkrankung führen. «Niemand will darüber sprechen», sagte eine Betroffene. «Man würde sich viel weniger schämen, wenn mal jemand nachfragen würde.»
Andrea Borzatta sieht das Problem unter anderem in der fehlenden Sensibilisierung: «Viele Arbeitgeber sind überfordert mit der Situation – sie wissen nicht, wie sie das Thema ansprechen können, und es fehlt an klaren Prozessen oder Angeboten für Gespräche sowie an konkreter Unterstützung.» Die Folge laut Borzatta: Die Betroffenen leiden oft im Stillen.
Jede vierte betroffene Person kündigt
Dieses Leiden hat direkte Auswirkungen auf die Arbeit: «Viele kündigen innerlich und kommen an ihre Grenzen», sagt Borzatta. Früher oder später führe dies oft zu einer Kündigung, vonseiten der betroffenen Person oder des Unternehmens. Das bestätigt die Studie: 26 Prozent der Befragten kündigten das Arbeitsverhältnis aufgrund der PPE oder der daraus resultierenden Konsequenzen im Unternehmen.
Wie es dazu kam, beschrieben die Betroffenen unterschiedlich. Einige von ihnen gaben an, durch fehlendes Verständnis bis hin zu Mobbing an diesen Punkt gekommen zu sein. Eine Befragte erzählte, dass ihr Unternehmen verlangte, nach dem Mutterschaftsurlaub direkt 80 Prozent zu arbeiten. Das war für sie nicht möglich, und deshalb fühlte sie sich gezwungen, zu kündigen.
Unternehmen verlieren wichtige Fachkräfte
Acht Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis während der Schwangerschaft oder nach der Geburt aufgrund der psychischen Erkrankung oder der daraus resultierenden Konsequenzen kündigte. «Die hohe Zahl ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass eine Kündigung während der Schwangerschaft und in den ersten 16 Wochen nach der Geburt in der Schweiz bei unbefristeten Arbeitsverträgen verboten ist», betont Borzatta. Ob die Entlassungen missbräuchlich waren, wurde in der Studie allerdings nicht erhoben.
Einzelne Betroffene beschrieben jedoch, dass sie sich aus Scham nicht gegen die Kündigung gewehrt hätten. Klar ist: Unternehmen verlieren wichtige Fachkräfte, weil sie ihre Mitarbeiter mit PPE nicht ausreichend unterstützen. Das ist ein Problem für die gesamte Volkswirtschaft, denn «häufig fallen Mütter nach solchen Erfahrungen ganz aus dem Arbeitsmarkt oder arbeiten nur in kleinen Pensen weiter», erklärt Borzatta. «Damit geht wertvolles Potenzial verloren, und das, obwohl die Heilungschancen bei rechtzeitiger Hilfe sehr gut sind.»
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Beide Seiten einig in zielführenden Massnahmen
Um die Bedürfnisse der PPE-Betroffenen und die Perspektive der Unternehmen besser zu verstehen, wurden auf Basis der Umfrageresultate zwei Workshops durchgeführt. Chiara Berger, Projektleiterin im IDEE Institut für Innovation, Design und Engineering der OST, zieht nach den Workshops Bilanz: «Sowohl die Betroffenen als auch die Unternehmen erachten ähnliche Unterstützungsmassnahmen als sinnvoll.»
Zwei Themenfelder wurden in den Workshops als prioritär charakterisiert: die Sensibilisierung und Schulung von Führungspersonen, HR-Fachpersonen und Mitarbeitern sowie die proaktive Kommunikation. Erwünscht sind «Bye- und Welcome-Packages» für werdende Eltern. «Diese sollen relevante Informationen zur Schwangerschaft und der Zeit danach bündeln», sagt Berger und nennt als Beispiele administrative Abläufe, Kontaktstellen und Angebote des Unternehmens sowie Hinweise zu psychischer Gesundheit.
«Die zwei in den Workshops identifizierten Bereiche legen nahe, dass der Handlungsbedarf weniger auf fehlende Bereitschaft als vielmehr auf mangelnde Strukturen, fehlendes Wissen und unklare Zuständigkeiten zurückzuführen ist», so Berger.
