LEADER-Hauptausgabe

Medienförderung: Zukunft gesucht

Medienförderung: Zukunft gesucht
Beat Tinner, Bruno Hug
Lesezeit: 5 Minuten

Während der Bund Print, Radio und TV jährlich mit über 200 Millionen Franken unterstützt, geht der Onlinebereich weitgehend leer aus. Der Kanton St.Gallen prüft nun eigene Modelle und steht vor der Frage, ob Medienförderung künftig auch dort ansetzt, wo neue Angebote entstehen.

Der Staat fördert Medien in der Schweiz seit Jahren, allerdings sehr selektiv. 85 Millionen Franken pro Jahr fliessen in Printtitel, weitere 125 Millionen an private Radio- und TV-Stationen. Insgesamt profitieren vor allem etablierte Verlagshäuser. Digitale Medien hingegen erhalten bislang keine Unterstützung. Dass diese Schieflage zunehmend zum Thema wird, ist wenig überraschend. Der Werbemarkt verschiebt sich, klassische Geschäftsmodelle geraten unter Druck, und die lokale Berichterstattung wird wirtschaftlich anspruchsvoller.

«Zentral ist die Wahrung der politischen Unabhängigkeit der Medien.»

Kanton prüft neue Modelle

Im Kanton St.Gallen ist die Diskussion neu lanciert worden. «Die Regierung befasste sich bereits in der Vergangenheit mit der Medienförderung, verzichtete jedoch zugunsten einer eidgenössischen Lösung auf kantonale Massnahmen», sagt Beat Tinner, Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements des Kantons St.Gallen. Nach dem Scheitern der nationalen Vorlage und angesichts der «sich weiter akzentuierenden wirtschaftlichen Herausforderungen im Medienbereich» werde das Thema nun erneut aufgenommen. Ziel sei es, «die Medienvielfalt sowie eine qualitativ hochwertige regionale und lokale Berichterstattung» zu sichern.

Konkrete Modelle liegen noch nicht vor. «Den Ergebnissen dieser Arbeiten soll nicht vorgegriffen werden», so Tinner. Ein Strategieentwurf wird im Sommer 2026 erwartet, eine mögliche Vorlage frühestens 2027. Klar ist für die Regierung bereits heute, dass allfällige Massnahmen klar definierten Grundsätzen folgen müssen. «Zentral sind insbesondere die Wahrung der politischen Unabhängigkeit der Medien, die technologische Neutralität der Fördermassnahmen, die Nachhaltigkeit der Förderwirkung sowie die lokale Wirksamkeit der Massnahmen.»

Digitale Medien im Nachteil

Parallel dazu wächst die Kritik am bestehenden Fördersystem. Verleger Bruno Hug, Gründer und Geschäftsführer der Portal24 AG, spricht von einer strukturellen Schieflage: «Dass der Bund damit vor allem wohlhabende Verlegerstrukturen finanziert, ist bereits fragwürdig.» Noch problematischer sei jedoch, dass «Online-Medien, die eigentlich zukunftsweisend sind, leer ausgehen». Sein Unternehmen betreibt regionale Online-Nachrichtenportale und stellt die technische Plattform dafür bereit.

Für Hug ist klar, dass sich die Medienvielfalt zunehmend im digitalen Raum entwickelt, während die Förderung an bestehenden Strukturen festhält. «Die Schweizer Demokratie lebt von gut informierten Bürgern. Auf nationaler Ebene funktioniert das, auf lokaler vielerorts nicht mehr.» Gerade Gemeinden und Regionen seien auf funktionierende Medien angewiesen. Entsprechend deutlich fällt seine Forderung aus: «Gefördert werden muss vor allem der Online-Bereich, da neue Medien und Medienvielfalt nur im Internet entstehen können.»

Gleichzeitig plädiert er für eine gezielte Ausgestaltung. Denkbar seien etwa Konzessionsmodelle für Online-Medien, um insbesondere die lokale Berichterstattung wirtschaftlich abzusichern.

25 Jahre clever  

Andere Kantone zeigen die Richtung

Ein Blick in andere Kantone zeigt: Medienförderung ist kein neues Thema, sondern vielerorts bereits Realität, allerdings mit klaren Grenzen. In der Westschweiz etwa unterstützen Kantone wie Waadt oder Genf lokale Medien mit Millionenbeträgen, etwa über vergünstigte Abos, staatliche Inserate oder Beiträge an Nachrichtenagenturen. Auch in Bern wurden die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, um Medien grundsätzlich fördern zu können. Und in Graubünden ist die Unterstützung eng mit der Förderung der rätoromanischen Sprache verknüpft.

Allen Modellen gemeinsam ist jedoch, dass sie primär bestehende Strukturen stabilisieren. Gefördert werden in erster Linie Printtitel, klassische Distributionsformen oder indirekt ganze Medienhäuser. Der digitale Bereich wird zwar häufig mitgedacht, spielt in der konkreten Umsetzung aber kaum eine zentrale Rolle.

Damit zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Die Kantone anerkennen die Bedeutung von Medienvielfalt und lokaler Berichterstattung, setzen ihre Förderinstrumente jedoch vorwiegend dort ein, wo Medien bereits etabliert sind. Neue digitale Angebote, die zunehmend einen Teil dieser Vielfalt abbilden, bleiben hingegen oft aussen vor.

Für die aktuelle Diskussion im Kanton St.Gallen ist genau das entscheidend. Wer Medienvielfalt stärken will, kommt an der Frage nicht vorbei, ob Förderung weiterhin primär bestehende Strukturen absichern soll – oder gezielt dort ansetzt, wo neue journalistische Angebote entstehen.

«Gefördert werden muss der Online-Bereich, da Medienvielfalt im Internet entsteht.»

Liechtenstein als Beispiel

Wie ein solcher Ansatz konkret aussehen kann, zeigt Liechtenstein. Dort wurde das Mediengesetz revidiert und ein Instrument der Anschubfinanzierung geschaffen, das neue Medienangebote gezielt beim Markteintritt unterstützt. «Das Instrument der Anschubfinanzierung soll jungen Medienunternehmen […] den Eintritt in den Markt erleichtern», hält das zuständige Ministerium für Inneres, Wirtschaft und Sport fest.

Ein erstes Beispiel ist das Onlineportal Lie24.li, das seit Februar 2026 mit jährlich 150’000 Franken unterstützt wird. Die Förderung ist zeitlich begrenzt und klar geregelt. «Ziel der Anschubfinanzierung ist es, dass das Jungunternehmen nach spätestens fünf Jahren unter das Regime der Medienförderung fällt.»

Zentral ist dabei die institutionelle Trennung zwischen Politik und Förderung. «Über die Ausrichtung von Förderbeiträgen entscheidet die Medienkommission, das Ministerium ist in diesen Prozess nicht involviert.» Zudem müssen geförderte Medien ein Redaktionsstatut vorlegen und sich einem anerkannten Journalistenkodex verpflichten.

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Entscheid mit Signalwirkung

Die Diskussion im Kanton St.Gallen steht noch am Anfang, doch die Ausgangslage ist klar. Medienförderung existiert bereits in erheblichem Umfang, allerdings mit einem deutlichen Fokus auf traditionelle Kanäle. Gleichzeitig entstehen neue Angebote und damit auch neue Formen der Medienvielfalt primär im digitalen Raum.

Modelle wie in Liechtenstein zeigen, dass eine Förderung möglich ist, ohne die redaktionelle Unabhängigkeit zu gefährden. Die zentrale Frage wird sein, ob und wie der Kanton St.Gallen diesen Wandel in seiner eigenen Strategie abbildet.

Auch in der Ostschweiz entstehen journalistische Angebote zunehmend online – etwa mit regionalen Plattformen wie stgallen24.ch oder rheintal24.ch, die beide vom MetroComm-Verlag betrieben werden, der auch den LEADER herausgibt. Sie stehen exemplarisch für jene Entwicklung, die im aktuellen Fördersystem praktisch nicht vorkommt.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: zVg

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