Vom Tierpark zum Motor für Artenschutz
Karin Federer, der Walter Zoo hat sich vom «Tierli Walter» zu einem modernen, wissenschaftlich geführten Zoo entwickelt. Wie gelingt es Ihnen, diese Herkunft mit den heutigen Anforderungen an Artenschutz und Professionalität zu verbinden?
Unsere Herkunft ist kein Widerspruch, sondern unsere Stärke. Der «Tierli Walter» steht für Nähe, Emotion und eine tiefe Beziehung zwischen Mensch und Tier – das ist bis heute ein zentraler Wert. Gleichzeitig haben sich die Anforderungen massiv verändert: Heute arbeiten wir wissenschaftsbasiert, vernetzt und mit einem klaren Auftrag im Artenschutz. Die Verbindung gelingt, indem wir beides ernst nehmen: das Herz und die Haltung von früher sowie die Professionalität und Verantwortung von heute.
Sie führen den Zoo in dritter Generation. Welche Werte aus der Vergangenheit tragen Sie weiter und wo haben Sie vielleicht Brüche vorgenommen?
Weitergeführt habe ich vor allem die Leidenschaft für Tiere und den direkten Bezug zu unseren Gästen. Der Zoo war immer ein Ort, an dem Menschen Tiere wirklich erleben können – das ist geblieben. Brüche gab es dort, wo sich unser Selbstverständnis verändert hat: Wir sind heute kein reiner Freizeitbetrieb mehr, sondern eine Institution mit Verantwortung für Artenschutz, Wissenschaft und Bildung. Das bedeutet auch, dass Entscheidungen stärker wissenschaftlich fundiert getroffen werden als früher.
«Unsere Herkunft ist kein Widerspruch, sondern unsere Stärke.»
Als gemeinnütziger Zoo stehen Sie unter wirtschaftlichem Druck. Wie bringen Sie Tierwohl, wissenschaftlichen Anspruch und betriebswirtschaftliche Realität in Einklang?
Das ist eine tägliche Balance. Tierwohl ist für uns nicht verhandelbar; es ist die Grundlage von allem. Gleichzeitig müssen wir wirtschaftlich stabil sein, um unsere Aufgaben erfüllen zu können. Der Schlüssel liegt darin, diese Bereiche nicht als Gegensätze zu sehen: Gute Tierhaltung, glaubwürdiger Artenschutz und hochwertige Besucherangebote sind wirtschaftlich tragfähig, wenn sie konsequent umgesetzt werden. Es braucht aber klare Prioritäten und manchmal auch den Mut, auf kurzfristige Erträge zu verzichten.
Zoos geraten immer wieder in die Kritik. Was sind für Sie die stärksten Argumente, die für die Existenz moderner Zoos sprechen?
Moderne Zoos leisten heute einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz – sowohl ex situ (ausserhalb ihres ursprünglichen Lebensraumes) als auch zunehmend in situ (in ihrem ursprünglichen Lebensraum). Viele Arten hätten ohne koordinierte Zuchtprogramme keine Zukunft mehr. Gleichzeitig erreichen wir Menschen emotional: Ein direkter Tierkontakt kann eine Faszination und ein Verständnis für die Natur schaffen, das kein Buch und kein Bildschirm ersetzen kann. Kritik ist wichtig und berechtigt; sie zwingt uns, uns ständig zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Mit der «Höhle der lebenden Lichter» betreten Sie Neuland. Was reizt Sie daran, solche innovativen und zugleich riskanten Projekte umzusetzen?
Mich reizt die Kombination aus Wissenschaft, Emotion und Innovation. Gerade Themen wie Biolumineszenz eröffnen neue Perspektiven auf Natur und machen komplexe Inhalte auf eine sehr unmittelbare Weise erfahrbar. Solche Projekte sind immer auch ein Risiko – aber ohne diese Schritte würden wir stehen bleiben. Und ich bin überzeugt: Wenn wir Menschen wirklich für Natur begeistern wollen, müssen wir auch neue Wege gehen.
Die geplante Glühwürmchenzucht gilt als komplex und europaweit einzigartig. Was ist die Idee hinter diesem Projekt?
Im Kern geht es uns darum, die Bedeutung der Dunkelheit wieder ins Bewusstsein zu rücken. Viele Tiere sind auf natürliche Nachtverhältnisse angewiesen, auch wir Menschen. Trotzdem gerät die Nacht in unserer immer stärker beleuchteten Welt zunehmend unter Druck. Biolumineszierende Lebewesen sind dafür ideale Botschafter: Sie machen die Dunkelheit auf eine magische Weise sichtbar und faszinieren die Menschen unmittelbar. Darin liegt die übergeordnete Idee: Wir wollen nicht nur forschen und züchten, sondern Menschen berühren und so ein neues Verständnis für die Bedeutung der Nacht und ihren Schutz schaffen.
«Wir wollen die Bedeutung der Dunkelheit wieder ins Bewusstsein rücken.»
Der Walter Zoo engagiert sich in internationalen Zuchtprogrammen und Naturschutzprojekten. Woran messen Sie den Erfolg solcher Initiativen?
Nicht nur an Zahlen, sondern an Wirkung. Natürlich spielen stabile Populationen in Zoos und erfolgreiche Nachzuchten eine Rolle. Entscheidend ist aber, ob wir langfristig einen Beitrag zur Erhaltung einer Art leisten können – idealerweise auch im natürlichen Lebensraum. Und ob wir Wissen generieren und weitergeben, das über unseren eigenen Zoo hinaus wirkt.
Der Walter Zoo setzt stark auf Erlebnisse und Nähe zu Tieren. Wo ziehen Sie die Grenze, damit das Besuchererlebnis nicht zulasten des Tierwohls geht?
Die Grenze ist klar: dort, wo das Tierwohl beeinträchtigt wird. Nähe ist nur dann sinnvoll, wenn sie für die Tiere stressfrei ist. Wir gestalten Erlebnisse so, dass sie den natürlichen Bedürfnissen der Tiere entsprechen – nicht umgekehrt. Das bedeutet auch, dass wir bewusst auf gewisse Angebote verzichten oder sie anpassen.
Wie kann sich die regionale Wirtschaft beim Walter Zoo einbringen; sind Sponsorings oder Patenschaften möglich?
Als gemeinnützige Institution sind wir auf Partnerschaften angewiesen. Unternehmen können sich in Form von Projektpartnerschaften, Sponsorings oder Patenschaften engagieren – beispielsweise bei konkreten Anlagen, Artenschutzprojekten oder Bildungsangeboten.
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Mit Blick auf den Masterplan 2040: Welche nächsten Schritte sind geplant?
Der Masterplan ist unsere strategische Leitlinie für die nächsten Jahre. Aktuell stehen Projekte im Fokus, die unsere Position als Zentrum für Artenschutz und Bildung weiter stärken und gleichzeitig ein klares Alleinstellungsmerkmal für uns als Zoo schaffen. Unsere europaweit einzigartige Glühwürmchenhöhle ist ein solches Beispiel. Parallel entwickeln wir unsere Infrastruktur weiter, um den Bedürfnissen der Tiere ebenso gerecht zu werden wie den Erwartungen unserer Besucher – und auch, um optimale Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter zu schaffen.
Und wenn Sie 14 Jahre vorausblicken: Wie wird der «Tierli Walter 2.0» aussehen?
Ich hoffe, dass wir dann ein Ort sind, der weit über die Region hinaus als Kompetenzzentrum für Artenschutz wahrgenommen wird und gleichzeitig seine ursprüngliche Seele nicht verloren hat: Ein Zoo, der Menschen berührt, Wissen vermittelt und konkret zum Erhalt von Arten beiträgt. Oder anders gesagt: ein Ort, an dem Emotion und Wissenschaft nicht Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig verstärken.
«Wenn wir Menschen für Natur begeistern wollen, müssen wir neue Wege gehen.»
Vom «Tierli Walter» zur Institution mit 300’000 Besuchern
Der Walter Zoo in Gossau wurde 1961 von Walter und Edith Pischl gegründet. Ausgangspunkt war eine mobile Tierschau, mit welcher der «Tierli Walter» Schulen besuchte und Kindern Tiere näherbrachte. Aufgrund wachsender Nachfrage und steigender Tierbestände entstand im Weiler Neuchlen der heutige Zoo.
Bereits 1963 wurde ein Förderverein gegründet, um den Betrieb finanziell zu sichern. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Anlage kontinuierlich weiter: 1973 entstand das erste Affenhaus, 1983 ein Huftierstall und 1986 ein Tropenhaus mit Restaurant.
1985 übernahm die zweite Generation mit Gabi und Ernst Federer die Leitung und leitete eine Phase der Professionalisierung ein. 1993 wurde die bis heute grösste Schimpansenanlage der Schweiz eröffnet, 1997 folgte der Beitritt zur europäischen Zoovereinigung EAZA, womit der Zoo den Schritt zu einer wissenschaftlich geführten Institution vollzog.
2001 wurde der Betrieb in eine Aktiengesellschaft überführt, seit 2006 ist auch die Stadt Gossau beteiligt. Parallel dazu wuchs der Zoo sowohl infrastrukturell als auch fachlich weiter.
Seit 2018 wird der Walter Zoo in dritter Generation von Karin Federer geführt. Er umfasst heute rund 5,5 Hektaren, beherbergt über tausend Tiere aus mehr als 100 Arten und zählt jährlich rund 300'000 Besucher.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer