Zwischen Konkurrenzdruck und Chancenfenster
China bleibt für Schweizer Unternehmen ein Schlüsselmarkt. Das ist die zentrale Botschaft der aktuellen Studie «The Swiss Business in China Survey 2025», die vom China Competence Center der Universität St.Gallen unter der Leitung von Professor Tomas Casas Klett erarbeitet wurde.
Trotz geopolitischer Spannungen, wachsender Systemkonkurrenz und einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft bleibt das Vertrauen bemerkenswert stabil. Auf einer Skala von eins bis zehn liegt der Vertrauensindex für die kommenden fünf Jahre bei 7,24 Punkten. Kurzfristig ist die Stimmung verhaltener, langfristig jedoch überwiegt Zuversicht.
Casas Klett bringt es auf den Punkt: «Viele Schweizer und westliche Unternehmen, die auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig sind, sehen eine aktive Teilnahme an Chinas industriellen Ökosystemen weiterhin als einen Schlüssel zu ihrem Erfolg.»
Investitionen bleiben hoch – trotz geopolitischer Spannungen
Von einem breiten Rückzug aus China kann also keine Rede sein. Rund die Hälfte der befragten Unternehmen zählt China weiterhin zu ihren drei wichtigsten globalen Investitionsmärkten. 42 Prozent planen, ihre Investitionen auszubauen. Nur eine kleine Minderheit denkt aus geopolitischen Gründen über Reduktionen nach.
Diese Zahlen sind umso bemerkenswerter, als die Rahmenbedingungen anspruchsvoller geworden sind. Handelskonflikte, technologische Exportbeschränkungen, Sicherheitsbedenken und zunehmende regulatorische Komplexität prägen den internationalen Diskurs. Dennoch halten Schweizer Firmen an ihrem Engagement fest – offenbar aus strategischer Überzeugung.
«Das Vertrauen in die Durchsetzbarkeit eigener Rechte wächst.»
Verschärfter Wettbewerb – «Involution» als Realität
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die dramatische Intensivierung des Wettbewerbs. 87 Prozent der Unternehmen bezeichnen die verschärfte Konkurrenz als wichtigsten externen Veränderungsfaktor.
Chinesische Wettbewerber haben in vielen Branchen massiv aufgeholt – in der fortgeschrittenen Fertigung, bei Elektrofahrzeugen, in der Biotechnologie, im Maschinenbau oder in der Halbleiterindustrie. Die technologische Lücke hat sich inzwischen spürbar umgekehrt; chinesische Unternehmen liegen in vielen Bereichen bereits vorne.
Die Studie verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff «Involution». Gemeint ist ein Zustand extrem intensiver Konkurrenz mit Überkapazitäten, Preisdruck und sinkenden Margen. Casas Klett erläutert: «Involution kann als Fluch exzessiver Konkurrenz verstanden werden. Ein übermässiger Wettbewerb kann Gewinne so stark erodieren, dass Innovation kurzfristig zwar als Überlebensstrategie aufblüht, langfristig jedoch leidet, da ohne ausreichende Gewinne die Ressourcen fehlen, um in F&E und risikoreiche Projekte zu investieren.»
Doch der HSG-Professor sieht darin auch Chancen: «Die kommende Konsolidierung eröffnet westlichen Unternehmen ein einzigartiges Zeitfenster – für gezielte Akquisitionen, für den Aufbau kosteneffizienter F&E-Strukturen und für die Integration chinesischer Innovationskraft in ihre globale Wertschöpfung.» Mit anderen Worten: Wer strategisch handelt, kann vom Strukturwandel profitieren.
China als Innovationsmotor, nicht mehr nur Werkbank
China ist längst nicht mehr nur Produktionsstandort, sondern Innovationszentrum im grossen Massstab. Staatliche Programme, hohe F&E-Ausgaben und eine konsequente Industriepolitik haben das Land in Schlüsselbereichen an die Weltspitze geführt.
Mehr als die Hälfte der befragten Schweizer Unternehmen sieht die Wettbewerbsvorteile chinesischer Konkurrenten heute in Produktqualität, Technologiekompetenz und Markenbildung – ein deutlicher Wandel gegenüber früheren Erhebungen.
Besonders eindrücklich zeigt sich diese Dynamik in der Elektroautoindustrie: In wenigen Jahren sind Hunderte neue Marken entstanden. Von den heutigen 130 Herstellern werden ein oder zwei Dutzend überleben. Der Wettbewerb ist intensiv, die Innovationsgeschwindigkeit hoch, die Entwicklungszyklen kurz. «Wenn internationale Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben wollen», sagt Casas Klett, «müssen sie Chinas schnelle und kosteneffiziente Engineering-Kompetenzen sowie die Risikobereitschaft chinesischer Partner strategisch nutzen.»
Die Studie zeigt denn auch, dass Schweizer Firmen zunehmend F&E-Aktivitäten in China aufbauen, die nicht nur dem lokalen Markt dienen, sondern auch globale Entwicklungsprozesse unterstützen. China wird damit integraler Bestandteil internationaler Wertschöpfungsarchitekturen.
«Manager in den Schweizer Hauptsitzen beurteilen die Lage oft vorsichtiger als ihre Kollegen vor Ort.»
Lokalisierung, Regulierung und rechtliche Aspekte
Der Druck zur lokalen Produktion nimmt zu. «Viele Unternehmen berichten von steigenden Erwartungen, Wertschöpfung im Land zu verankern. Gleichzeitig wird das regulatorische Umfeld insgesamt als berechenbarer und ausgeglichener wahrgenommen als noch vor einigen Jahren.»
Ein grosser Teil der rechtlichen Herausforderungen betrifft Fragen des geistigen Eigentums. Positiv wird jedoch bewertet, dass die Erfolgsaussichten in Rechtsstreitigkeiten gestiegen sind. «Das Vertrauen in die Durchsetzbarkeit eigener Rechte wächst», bringt es Tomas Casas Klett auf den Punkt.
Auch geopolitische Faktoren sind ein Teil der rechtlichen Strategie geworden. Exportkontrollen, Technologietransfers und Sicherheitsvorschriften verlangen eine sorgfältige Due Diligence. «Unternehmen müssen ihre Lieferketten resilient gestalten und regulatorische Risiken systematisch managen.»
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Unterschiedliche Wahrnehmungen zwischen Hauptsitz und China-Management
Interessant ist der Blick auf interne Wahrnehmungsunterschiede. Manager in den Schweizer Hauptsitzen beurteilen die Lage oft vorsichtiger als ihre Kollegen vor Ort in China. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass für Schweizer Unternehmen der «Mangel an Verständnis und Unterstützung durch die Konzernzentrale» zur zweitwichtigsten internen Herausforderung geworden ist.
«Hier liegt Potenzial für eine bessere strategische Abstimmung zwischen Hauptsitz und Tochtergesellschaften», so Casas Klett. Eine engere Integration könne helfen, Chancen schneller zu erkennen und Risiken kohärent zu steuern.
Neue Perspektive: chinesische Unternehmen in der Schweiz
Erstmals analysiert die Studie auch chinesische Unternehmen mit Niederlassungen in der Schweiz. Die Schweiz wird als strategischer Standort für den Zugang zum europäischen Markt wahrgenommen. Besonders geschätzt werden Managementkompetenz, Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und technologisches Know-how. Der Fokus liegt weniger auf kurzfristiger Gewinnmaximierung als auf dem Aufbau langfristiger Präsenz.
Damit entsteht eine neue, bidirektionale Dynamik in den Wirtschaftsbeziehungen. «China ist nicht nur Absatzmarkt für Schweizer Unternehmen, sondern auch Herkunftsland zunehmend ambitionierter Investoren», sagt Casas Klett.
Strategische Konsequenzen für Schweizer Unternehmen
Für hiesige Industrie- und Technologieunternehmen ergibt sich ein differenziertes Bild: China bleibt attraktiv – als Absatzmarkt, Innovationsquelle, Produktionsstandort und Partner im Aufbau globaler Wertschöpfungsnetzwerke. Gleichzeitig verlangt der Markt höhere Geschwindigkeit, stärkere Lokalisierung, konsequentere F&E-Investitionen und Risikobereitschaft.
Unternehmen müssen also ihre Positionierung schärfen: Wo liegt der eigene Vorsprung – in Technologie, Marke oder in der Erbringung qualitativ hochwertiger Dienstleistungen? Welche Partnerschaften in welchen Ökosystemen sind strategisch sinnvoll? Welche Funktionen gehören in China angesiedelt, welche bleiben in Europa?
Casas Klett formuliert es so: «Die Frage ist nicht, ob man in China engagiert sein sollte, sondern wie man sich in einem Umfeld positioniert, das von extremer Konkurrenz, raschen Innovationszyklen und ständigem strukturellem Wandel geprägt ist.»
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer