Gast-Kommentar

Der Fluss

Der Fluss
Heraklit von Ephesos (535–475 v. Chr.)
Lesezeit: 3 Minuten

Kriege, KI: Was passiert mit unserer menschendominierten Welt? Erleben wir etwas komplett Neues? Moment mal … In den Tiefen der vorsokratischen Philosophie finden wir Schätze des Denkens, die eine andere Geschichte erzählen. Und dabei gute Hinweise in Sachen Leadership liefern, berichtet Louis Grosjean in unserer Serie «LEADER-Philosophie».

Text: Louis Grosjean, Partner altrimo

Die Apokalypse galoppiert uns entgegen. Zumindest, wenn man sich von der täglichen Berichterstattung beeinflussen lässt. Kriegsherde häufen sich. KI stiehlt Jobs und krempelt Geschäftsmodelle um. Nie zuvor war die Veränderung so rasant. Nie zuvor hatte der Mensch so viel Mühe, mitzuhalten. Könnte man meinen. In solchen Momenten sollte man etwas Abstand nehmen. Und sich dabei fragen, ob das wirklich neu ist.

Veränderung als Konstante

Die Antwort lautet: nein.

Das Staunen über die Veränderung steht sogar ganz am Anfang der Philosophie. Was die ersten Philosophen Griechenlands, die sogenannten Vorsokratiker, vereint, ist der Versuch, Veränderung zu erklären.

So soll Heraklit der Dunkle gesagt haben: «Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.» Damit meint er, dass man zwar die gleiche Stelle im Fluss betreten kann, das Wasser jedoch immer ein anderes ist. Dies sei aber gerade die Identität des Flusses: Beständigkeit durch Veränderung.

Kindliches Bild? Mitnichten. Überhaupt sollte man sich hüten, Heraklit zu belächeln. Sein Denken war der Startschuss ganz grosser Philosophieströme. «Die Existenz entsteht aus Gegensätzen»: Das könnte von Hegel stammen. «Der Kampf ist Vater aller Dinge»: Man glaubt, Nietzsche zu lesen. Das Feuer sei das dominierende Grundelement: Ahnte Heraklit schon die Relativitätstheorie Einsteins? Oder den Élan vital Bergsons?

Gegensätze erzeugen Leben

Alles Leben entsteht laut Heraklit aus Verschiedenheit, Gegensätzen, Veränderung, Kampf, Fluss.

Heraklit gesteht uns aber ein regulierendes Prinzip zu: den Logos. Man kann das übersetzen als: die Vernunft, die Sprache, die Logik, das Gesetz, je nach Kontext. Ohne Logos drohen sich die Gegensätze zu vernichten. Daraufhin erlischt alles Leben. Der regulierende Logos verhindert den definitiven Sieg einer der Gegensätze.

Ist das nicht eine inspirierende Vorstellung in einer Welt voller Kämpfe und rasanter Veränderungen?

Heraklit lebte um 500 vor Christus. Ich nehme seine Philosophie bewusst als Beispiel: Wir Menschen staunen seit langer Zeit über die gleichen Dinge. Hören wir also auf zu glauben, wir wären nun die Ersten, die der Apokalypse der Veränderung entgegenstünden. Es gibt zahlreiche Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte, in denen eine Erfindung, ähnlich wie KI, Panik in ganzen Wirtschaftszweigen auslöste. Auch die plötzliche Vermehrung der Kriegsplätze kehrt in der Menschheitsgeschichte fast so zuverlässig und zyklisch zurück, wie der Frühling dem Winter folgt.

Ich finde die Philosophie Heraklits übrigens nicht nur für die eigene Haltung gegenüber dem Weltgeschehen bereichernd. Sie lässt sich durchaus auf Leadership-Themen anwenden.

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Leadership, frei nach Heraklit

Das Erzeugen von Gegensätzen, Pluralität, Bewegung usw., ja, das Eingehen von Konflikten: Das alles gehört zu den Aufgaben eines Leaders. Auch die moderierende Hand des Logos gehört dazu. Einerseits Reibung erzeugen, damit Wärme entsteht. Andererseits keinen absoluten Sieg der einen Seite ermöglichen.

Das gibt ein taugliches Leader-Rollenverständnis her. Dafür braucht es kein modernes Management-Buch, nur die Textfragmente Heraklits und die Aktivierung der eigenen Hirnzellen.

Dies ist gleichzeitig die Absage an gleichgewichtsorientierte Modelle der Führung. Stillstand, Balance, Ruhe mögen innere Gelassenheit erzeugen. Sie kreieren kein Leben, keine Energie.

Daher muss der Leader für eine bewusste, kontrollierte Unruhe sorgen. Oder, wie ein vermeintlich moderner und viel zitierter Spruch es sagt: das Feuer in anderen entfachen, das in einem selbst brennt. Nicht nur der Gedanke, auch die Metapher ist 2500 Jahre alt.

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