Der Fluss
Text: Louis Grosjean, Partner altrimo
Die Apokalypse galoppiert uns entgegen. Zumindest, wenn man sich von der täglichen Berichterstattung beeinflussen lässt. Kriegsherde häufen sich. KI stiehlt Jobs und krempelt Geschäftsmodelle um. Nie zuvor war die Veränderung so rasant. Nie zuvor hatte der Mensch so viel Mühe, mitzuhalten. Könnte man meinen. In solchen Momenten sollte man etwas Abstand nehmen. Und sich dabei fragen, ob das wirklich neu ist.
Veränderung als Konstante
Die Antwort lautet: nein.
Das Staunen über die Veränderung steht sogar ganz am Anfang der Philosophie. Was die ersten Philosophen Griechenlands, die sogenannten Vorsokratiker, vereint, ist der Versuch, Veränderung zu erklären.
So soll Heraklit der Dunkle gesagt haben: «Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.» Damit meint er, dass man zwar die gleiche Stelle im Fluss betreten kann, das Wasser jedoch immer ein anderes ist. Dies sei aber gerade die Identität des Flusses: Beständigkeit durch Veränderung.
Kindliches Bild? Mitnichten. Überhaupt sollte man sich hüten, Heraklit zu belächeln. Sein Denken war der Startschuss ganz grosser Philosophieströme. «Die Existenz entsteht aus Gegensätzen»: Das könnte von Hegel stammen. «Der Kampf ist Vater aller Dinge»: Man glaubt, Nietzsche zu lesen. Das Feuer sei das dominierende Grundelement: Ahnte Heraklit schon die Relativitätstheorie Einsteins? Oder den Élan vital Bergsons?
Gegensätze erzeugen Leben
Alles Leben entsteht laut Heraklit aus Verschiedenheit, Gegensätzen, Veränderung, Kampf, Fluss.
Heraklit gesteht uns aber ein regulierendes Prinzip zu: den Logos. Man kann das übersetzen als: die Vernunft, die Sprache, die Logik, das Gesetz, je nach Kontext. Ohne Logos drohen sich die Gegensätze zu vernichten. Daraufhin erlischt alles Leben. Der regulierende Logos verhindert den definitiven Sieg einer der Gegensätze.
Ist das nicht eine inspirierende Vorstellung in einer Welt voller Kämpfe und rasanter Veränderungen?
Heraklit lebte um 500 vor Christus. Ich nehme seine Philosophie bewusst als Beispiel: Wir Menschen staunen seit langer Zeit über die gleichen Dinge. Hören wir also auf zu glauben, wir wären nun die Ersten, die der Apokalypse der Veränderung entgegenstünden. Es gibt zahlreiche Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte, in denen eine Erfindung, ähnlich wie KI, Panik in ganzen Wirtschaftszweigen auslöste. Auch die plötzliche Vermehrung der Kriegsplätze kehrt in der Menschheitsgeschichte fast so zuverlässig und zyklisch zurück, wie der Frühling dem Winter folgt.
Ich finde die Philosophie Heraklits übrigens nicht nur für die eigene Haltung gegenüber dem Weltgeschehen bereichernd. Sie lässt sich durchaus auf Leadership-Themen anwenden.