Freihandel mit Indien: Chance für die Ostschweiz?
«Das Abkommen mit Indien ist ein strategischer Durchbruch für die Schweiz», sagt Helene Budliger Artieda. «Es ist ein wichtiger Baustein einer aktiven Freihandelspolitik und stärkt die Diversifikation unserer Unternehmen in einer Zeit, in der sich das globale Wachstum zunehmend nach Asien verlagert.»
Ostschweizer Kompetenzen gefragt
Für die Ostschweiz eröffnet sich damit ein breites Spektrum an Chancen. Die Region ist stark industrialisiert und geprägt von exportorientierten KMU. «Viele Ostschweizer Unternehmen sind in Nischen tätig und technologisch führend. Genau solche Anbieter haben in Indien gute Perspektiven», sagt Budliger Artieda. Besonders profitieren Branchen wie Maschinenbau, Präzisionstechnik oder Nahrungsmitteltechnologie. «Indien investiert massiv in Infrastruktur und industrielle Entwicklung. Dafür braucht es genau diese Kompetenzen.»
Ein zentraler Hebel liegt in den Zollsenkungen; Indien baut einen grossen Teil der Zölle auf Industrieprodukte ab. «Für viele Unternehmen bedeutet das eine unmittelbare Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit», erklärt Budliger Artieda. «Gerade KMU, die bislang aufgrund hoher Zölle gezögert haben, können nun neue Märkte erschliessen.»
Dennoch warnt sie vor überhöhten Erwartungen. «Ein Freihandelsabkommen allein garantiert noch keinen Markterfolg. Indien ist ein komplexer Markt mit eigenen Regeln, kulturellen Besonderheiten und administrativen Hürden.» Viele Unternehmen unterschätzten diese Faktoren. «Wer in Indien erfolgreich sein will, braucht eine klare Strategie, lokale Partner und einen langen Atem.»
«Wir schaffen die Rahmenbedingungen. Nutzen müssen sie die Unternehmen selbst.»
Export oder Investition?
Neben den Zöllen bleiben insbesondere nichttarifäre Hürden eine Herausforderung. «Regulatorische Anforderungen, unterschiedliche Standards oder administrative Prozesse können weiterhin anspruchsvoll sein», sagt Budliger Artieda. «Das Abkommen schafft bessere Rahmenbedingungen, ersetzt aber nicht die unternehmerische Arbeit vor Ort.»
Auch die Frage, ob der grösste Nutzen im Export oder in Investitionen liegt, lasse sich nicht pauschal beantworten. «Für einige Unternehmen ist der direkte Export attraktiv. Andere werden prüfen, ob eine lokale Präsenz sinnvoll ist», so Budliger Artieda. «Das hängt stark vom Geschäftsmodell und der Branche ab.»
Im grösseren Kontext sieht sie das Abkommen als Teil einer strategischen Neuausrichtung. «Die Schweiz verfolgt seit Jahren eine aktive Freihandelspolitik. Indien ist dabei ein wichtiger Baustein, weil sich das globale Wachstum zunehmend nach Asien verlagert.» Gerade vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen gewinne Diversifikation an Bedeutung. «Es ist entscheidend, dass unsere Unternehmen Zugang zu verschiedenen Märkten haben.»
Dass auch andere Wirtschaftsräume ihre Handelsbeziehungen mit Indien vertiefen, macht eine frühe und gezielte Positionierung umso wichtiger. Für die Schweiz und ihre Unternehmen kann das EFTA-Abkommen ein Vorteil sein, wenn sie die neuen Möglichkeiten entschlossen nutzen. «Der Markt ist gross, aber auch umkämpft. Wer wartet, riskiert, dass andere schneller sind.»
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Chance, kein Selbstläufer
Für Ostschweizer Unternehmen hat Budliger Artieda deshalb eine Empfehlung. «Wer vom Indien-Abkommen profitieren will, sollte sich frühzeitig mit dem Markt auseinandersetzen, Kontakte aufbauen und Chancen konkret prüfen.» Wichtig sei, nicht nur auf kurzfristige Effekte zu schauen. «Indien ist ein langfristiger Markt. Wer heute investiert, schafft die Grundlage für zukünftiges Wachstum.»
Am Ende bleibe das Abkommen das, was es ist: ein Instrument. «Wir schaffen die Rahmenbedingungen. Nutzen müssen sie die Unternehmen selbst», sagt Budliger Artieda. «Für die exportorientierte Wirtschaft in der Ostschweiz ist das eine echte Chance, aber kein Selbstläufer.»
St.Gallen Symposium
Es gehört zu den bedeutendsten internationalen Dialogplattformen Europas. Seit 1970 bringt die Konferenz jedes Jahr im Mai Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft mit jungen Talenten aus aller Welt zusammen.
Die 55. Ausgabe fand Anfang Mai 2026 an der Universität St.Gallen statt und stand im Zeichen globaler wirtschaftlicher und geopolitischer Umbrüche. Mehrere Hundert Entscheidungsträger aus rund 80 Ländern nahmen teil und diskutierten zentrale Fragen zur Zukunft von Handel, Innovation und internationaler Zusammenarbeit.
Ein zentrales Element bildete erneut das Format «SGS in Town»: Während mehrerer Tage wurde der Dialog in die Stadt getragen. In der St.Galler Innenstadt fanden öffentliche Gespräche und Begegnungen statt, bei denen internationale Gäste direkt mit der Bevölkerung in Austausch traten.
Organisiert wurde das Symposium vom International Students’ Committee (ISC), einem studentischen Team der Universität St.Gallen. Strategisch verantwortet wird die Plattform von der St.Gallen Foundation for International Studies unter CEO Beat Ulrich.
Für die Ostschweiz war das Symposium einmal mehr ein internationales Schaufenster: Während dieser Tage wurde St.Gallen zum Treffpunkt globaler Entscheidungsträger mit spürbarer Ausstrahlung auf Wirtschaft, Politik und Standortwahrnehmung.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer