«Danke, Generation Z»
Wenn Urs Fueglistaller über KMU spricht, spricht er nie nur über Unternehmen. Er spricht über Menschen, Verantwortung, Haltung und über jenes feine Gespür für Märkte und Veränderungen, das kleine und mittlere Unternehmen oft stärker prägt als dicke Strategiepapiere. Mehr als vier Jahrzehnte war Fueglistaller mit der Universität St.Gallen verbunden, zuerst als Student, später als Professor, als prägende Figur des KMU-HSG und als Mitinitiant des Schweizer KMU-Tags. Mitte 2026 tritt er in den Ruhestand.
«Demokratie, Freiheit, Diskursfähigkeit und aufeinander Acht zu geben, das sind unsere wichtigsten Werte und Güter.»
Chancen trotz Wettbewerb
Am stärksten verändert habe sich in den vier Jahrzehnten der Wettbewerb, sagt Fueglistaller. Er sei härter geworden, ebenso der Umgang in Verhandlungen. «Handschlag gilt» gebe es heute vielleicht noch daheim mit Handwerkern, sonst kaum mehr. Praktisch alle Branchen stünden unter internationalem Marktdruck. Früher habe er an ein gutes Miteinander zwischen grossen und kleinen Unternehmen geglaubt. «Doch das hat sich verändert. Das beunruhigt mich.»
Sein Appell richtet sich deshalb auch an Grossunternehmen. Sie sollten sich wieder stärker auf Werte besinnen, welche die Schweiz lange ausgezeichnet haben: Miteinander, Arbeitsfrieden, verlässliche Lieferantenbeziehungen. Es gehe nicht darum, nur Shareholder Value und Preisdrücken gegenüber KMU in den Vordergrund zu stellen. Wirtschaft ist für Fueglistaller kein abstraktes System, sondern ein Beziehungsraum.
Gleichzeitig sieht der HSG-Professor trotz aller Härte grosse Chancen. Künstliche Intelligenz sei inzwischen selbst in Gewerbebetrieben angekommen. Für KMU könne sie zum Befreiungsschlag werden, wenn sie richtig eingesetzt werde. «Wenn ich heute einen Malerbetrieb hätte, würde ich mich voll auf mein Handwerk und meine Kunden konzentrieren, die Ästhetik der Malerkompetenz erlebbar machen und viele administrative Prozesse durch KI unterstützen lassen.» Unternehmer sollten laufend evaluieren, was möglich ist, und Experten beiziehen.
Demokratie mit Werten
Doch Technologie ist für den ehemaligen «Mister KMU-Tag» – seit 2017 ist Tobi Wolf in Charge –nur ein Teil der Gegenwart. Auch gesellschaftliche Veränderungen beschäftigen ihn. Der Debatte darüber, ob Demokratie noch der richtige Ansatz sei, um Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten, kann er nichts abgewinnen. «Demokratie, Freiheit, Diskursfähigkeit und aufeinander Acht zu geben, das sind doch unsere wichtigsten Werte und Güter.» Gerade bei Studenten und in KMU sehe er, dass diese Werte gelebt würden.
Diese Zuversicht hängt eng mit seinem Menschenbild zusammen. Fueglistaller hat grossen Respekt vor Unternehmern, die Wertschöpfung einfordern. Jedes Unternehmen brauche Umsatz, Produktivität und Gewinn, sonst habe es keine Daseinsberechtigung. Doch gute Unternehmer sähen in ihren Mitarbeitern eben auch Menschen mit Sorgen, einem kranken Kind zuhause oder einem pflegebedürftigen Vater. «Mich berührt es, wenn unternehmerische Persönlichkeiten nachfragen: Wie geht es daheim? Was kann ich für Dich tun?» Wer sich ernsthaft um sein Gegenüber kümmere, habe weniger Probleme mit dem Fachkräftemangel.
«In 44 Jahren an der HSG habe ich keine Generation erlebt, die ich als faul bezeichnen würde.»
Über KMU spricht Fueglistaller mit besonderer Genauigkeit. Den oft gehörten Satz, KMU seien das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft, hat er nie als seine eigene Formulierung verstanden. «Die KMU sind unglaublich sensorisch, sie spüren den Markt, sie passen sich neuen Markt- und Politikgegebenheiten an.» Das eigentliche Rückgrat der Schweizer Wirtschaft sei für ihn der Arbeitsfriede, das Zusammenspiel zwischen Gross und Klein, Land und Stadt, das Miteinander unterschiedlicher Kräfte. Der grosse Vorteil der KMU liege in ihrer Fähigkeit zur Oszillation: operativ tätig sein und gleichzeitig an übermorgen denken. «Mit beiden Füssen auf dem Boden stehen und gleichzeitig die Nase in den Wind halten, um zu erspüren, was morgen wichtig sein wird: Das können KMU.»
Grossunternehmen funktionierten anders. Sie hätten Managementabteilungen, Strategieteams und Denk-Etagen. Auch dort hält man die Nase in den Wind. Doch die «Füsse» der Gebilde seien oft Mitarbeiter, die weit tiefer arbeiteten. In KMU sind Denken, Entscheiden und Handeln näher beieinander. «Diese Nähe schafft Geschwindigkeit und Verantwortung.»
Verantwortung mit Leichtigkeit
In seiner Abschiedsvorlesung sprach Fueglistaller von «KMU und Sprezzatura». Der Begriff stammt aus der italienischen Renaissance und beschreibt die Fähigkeit, schwierige Aufgaben mit scheinbarer Leichtigkeit zu erfüllen. Für Fueglistaller ist das eine konkrete Führungshaltung. Er erzählt von einem Wasserschaden im eigenen Haus: Der verantwortliche Unternehmer war innert 30 Minuten vor Ort, behob den Schaden mit Ruhe und Hilfsbereitschaft und entschuldigte sich persönlich, obwohl ein Mitarbeiter den falschen Anschluss gesetzt hatte – und das mitten in der Nacht. Genau darin erkennt Fueglistaller Sprezzatura: Verantwortung übernehmen und dabei nicht die Fassung verlieren.
Besonders geprägt hat Urs Fueglistaller die Arbeit mit jungen Menschen. Über mehr als vier Jahrzehnte durfte er mit Studenten arbeiten. Für ihn war das «ein grosses Geschenk und ebensolche Arbeit». Studierende an der HSG wollten etwas erreichen, sagt er. Sie müssten nicht, sie wollten. Über die Jahre habe er beobachtet, dass sich junge Menschen stärker kleinen Strukturen zugewandt hätten, weg vom reinen Streben nach Geld. «Die junge Generation will Verantwortung übernehmen und Verantwortung leben. Aber sie möchte nicht ausschliesslich der Wertschöpfung dienen.»
Die klassische Work-Life-Balance hält Fueglistaller für überholt. Vielmehr gebe es Leben während der Arbeit und Arbeit während des Lebens. Von seinen Studenten habe er gelernt, das Leben bewusster zu leben, auszufüllen und zu lieben. «Deshalb danke ich der Generation Z. Sie hat mich begleitet und mir gezeigt, wie ich den nächsten Lebensabschnitt gestalten kann.» Dass diese Generation faul sei, weist er entschieden zurück: «In 44 Jahren an der HSG habe ich keine Generation erlebt, die ich als faul bezeichnen würde!» Die Generation Z suche nicht nach weniger Engagement, sondern nach einem anderen Verständnis von Leben und Arbeit.
Offenheit dank Vertrauen
Zu den persönlichen Höhepunkten seiner Laufbahn zählt Fueglistaller eine Phase, die zunächst alles andere als einfach war: Als ihn der damalige HSG-Rektor Bernhard Ehrenzeller fragte, ob er das Prorektorat Institute und Weiterbildung übernehmen könne, sagte Fueglistaller spontan Ja. Die Universität befand sich damals in schwierigen Situationen: Spesenskandale, Medienattacken, Nebenbeschäftigungen, Entlassungen, Sparmassnahmen und sogar Bedrohungen. «Im Auge des Hurrikans war ich völlig auf Problemlösung und Führung fokussiert.» Rückblickend seien in dieser Zeit wertvolle Freundschaften entstanden. Für Fueglistaller ist auch das: unternehmerisches Verhalten.
Auch eigene Fehler blendet er nicht aus. Doch dank Offenheit und gegenseitigem Vertrauen sei vieles verziehen worden. Wichtig ist ihm zudem der Blick auf jene Menschen an der HSG, die kaum im Rampenlicht stehen und sich dennoch enorm engagieren. «Ihnen allen gelten mein Dank und meine Wertschätzung.»
Ein weiterer Fixpunkt seines Wirkens ist der Schweizer KMU-Tag. Von Stolz spricht Fueglistaller dabei ungern, lieber von Freude. Ende 2002/Anfang 2003 hätten Walter Weber vom KMU-Institut, Roger Tinner von Alea Iacta und er «einfach eine Idee umgesetzt». Entstanden ist ein Refugium der Freiheit und des Diskurses für KMU: ein Ort, an dem man sich ungezwungen treffen, Themen diskutieren, die alle bewegen, spannenden Referenten zuhören und gemeinsam eine Bratwurst geniessen kann. «Freitag nach der Olma, das ist für mich ein bisschen wie Vorweihnachten für KMU.»
«Die junge Generation will Verantwortung übernehmen und Verantwortung leben.»
Wenn Fueglistaller Unternehmern drei Dinge mitgeben sollte, verdichtet er seine Erfahrung auf drei «Ws»: Wertschöpfung, Wertschätzung und Werthaltung. Unternehmen brauchen volle Kraft in der Wertschöpfung, freudvolle Wertschätzung gegenüber dem Gegenüber und Reflexion über die eigene Werthaltung. Diese drei Vektoren bilden für ihn einen unternehmerischen Raum, in dem gute Führung entstehen kann.
Und was gibt man jungen Menschen mit auf den Weg? Für Fueglistaller ist das vielleicht die schönste und schwierigste Frage überhaupt: an sich glauben, den eigenen Weg konsequent gehen, stolpern dürfen und wieder aufstehen, wachsam bleiben und die kleinen Dinge wahrnehmen. Am Ende formuliert er es in seiner Sprache, einfach, herzlich und ostschweizerisch: «Gsund bliebe ond fürschi hebe».
Die HSG-Laufbahn von Urs Fueglistaller
Seine HSG-Laufbahn begann er (*1961) zwischen 1987 und 1992 als Unterrichtsassistent, bevor er 1993 als Dozent mit Lehrauftrag tätig wurde. Bereits ein Jahr später erfolgte die Berufung zum vollamtlichen Dozenten, 2001 die Habilitation zum Privatdozenten und seit 2002 wirkte er als Lehrstuhlinhaber. Am KMU-HSG | Institut für KMU und Unternehmertum prägte der gebürtige Ausserrhoder, der sich zugleich als Stadt-St.Galler empfindet, die Entwicklung als geschäftsführender Direktor von 2002 bis 2012 massgeblich und ist bis heute Mitglied der Direktion.Darüber hinaus zählt er zu den Mitgründern des Schweizer KMU-Tags, der sich mit jährlich über 1000 Teilnehmenden als zentrale Plattform für Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte etabliert hat.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer