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Sicherheit, Stolz & Selbstvertrauen

Sicherheit, Stolz & Selbstvertrauen
Patrik Läser, Rafael Frick und Christoph Schweiger
Lesezeit: 4 Minuten

In der Kühlschrankproduktion von V-Zug in Sulgen arbeiten Mitarbeiter von Obvita direkt im industriellen Alltag mit. Für die St.Galler Sozialinstitution, die heuer ihr 125. Jubiläum feiert, ist die Zusammenarbeit ein Beispiel dafür, wie berufliche Integration heute funktionieren kann: mitten in realen Produktionsabläufen und nahe am ersten Arbeitsmarkt.

Wenn bei V-Zug in Sulgen Kühlschränke produziert werden, arbeitet dort seit Jahren auch ein Team von Obvita mit. Die Sozialinstitution betreibt am Standort eine eigene Produktions­linie und übernimmt Montage- und Konfektionsarbeiten für das Produktionslager. Dazu gehören auch Arbeiten im Kanban-System: Obvita montiert Teile vor und liefert sie laufend direkt dorthin, wo sie am Fliessband der Kühlschrankproduktion gebraucht werden. Für die Mitarbeiter bedeutet das: Sie arbeiten direkt in einem industriellen Umfeld mit klaren Abläufen, Qualitätsvorgaben und Terminen.

«Wir arbeiten nicht ‹neben› dem Kunden, sondern sehr nahe am industriellen Prozess», sagt Rafael Frick, Leiter Verkauf Obvita Produktion. «Unsere Linie ist organisatorisch eingebunden, die Abläufe sind abgestimmt, und die Anfor­derungen entsprechen den Standards des Kunden.» Diese Nähe mache die Zusammenarbeit besonders wertvoll: Änderungen in der Produktion könnten rasch aufgenommen und Prozesse flexibel angepasst werden. «Man kennt sich, man sieht die Leistung im Alltag, und die Zusammenarbeit wird selbstverständlich», sagt Frick.

«Die Leute sehen unmittelbar, wofür ihre Arbeit gebraucht wird.»

Arbeit mit Bedeutung

Die Wurzeln von Obvita reichen bis ins Jahr 1901 zurück. Damals gründete der Trogener Lehrer und Sozialpionier Viktor Altherr den Ostschweizerischen Blindenfürsorgeverein. Heute zählt Obvita zu den wichtigsten Sozialinstitutionen der Ostschweiz. Rund 600 Menschen arbeiten für die Organisation, darunter rund 250 mit IV-Leistungen. Neben Seh­beratung, beruflicher Integration, Wohnen vom Jugend- bis zum Seniorenalter sowie Tagesstrukturen gehört auch die Produktion zu den zentralen Geschäftsbereichen. Im Produktionsbereich beschäftigt Obvita rund 230 Angestellte. Unternehmen aus Branchen wie Apparatebau, Maschinenbau, Elektroapparatebau, Pharma oder Food arbeiten mit der Organisation zusammen.

Für Obvita-Präsident Patrik Läser ist Arbeit weit mehr als reine Beschäftigung. «Arbeit gibt Struktur, schafft Selbstvertrauen und vermittelt das Gefühl, gebraucht zu werden.» Gerade die Nähe zur Wirtschaft spiele dabei eine wichtige Rolle. «Unternehmen sehen die Fähigkeiten der Menschen, und die Mitarbeiter erleben sich als Teil eines professionellen Umfelds.»

Die Produktion zeige sehr gut, wofür Obvita stehe: «Wir schaffen Lebensqualität nicht abstrakt, sondern im Alltag», sagt Läser. Menschen erlebten dort Struktur, Zugehörigkeit, Verantwortung und Anerkennung und leisteten gleichzeitig «einen echten Beitrag zu wirtschaftlichen Wertschöpfungsketten».

Hohe Anforderungen statt «Sozialbonus»

Die Zusammenarbeit mit V-Zug zeigt, wie berufliche Integration unter realen Bedingungen funktionieren kann. Qualität, Präzision und Zuverlässigkeit seien dabei entscheidend. «Der ‹Sozialbonus› war gestern», sagt Rafael Frick. Kunden erwarteten, «dass die vereinbarten Leistungen in der gewünschten Qualität, präzise und termingerecht erbracht werden». Gerade in der Industrie hingen viele weitere Prozessschritte davon ab.

Auch Patrik Läser unterstreicht, dass soziale Verant­wortung allein nicht genüge. «Der soziale Auftrag entbindet uns nicht von wirtschaftlichen Anforderungen», sagt er. «Unsere Kunden müssen sich auf uns verlassen können.» Gerade darin liege aber auch eine Stärke von Obvita: Hohe Qualitätsansprüche würden mit einer Arbeitsumgebung verbunden, die Menschen individuell unterstütze und befähige.

Für die Angestellten bringe das zusätzliche Perspektiven. «Sie sind in einem professionellen Umfeld tätig und sehen unmittelbar, wofür ihre Arbeit gebraucht wird», sagt Frick. Das schaffe Stolz, Sicherheit und Selbstvertrauen. Die Mitarbeiter übernähmen produktive Aufgaben und leisteten mit ihrer Arbeit einen konkreten Beitrag zum Erfolg von V-Zug.

«Wir arbeiten sehr nahe am industriellen Prozess.»

Teil des Teams bei V-Zug

Auch aus Sicht von V-Zug ist die Zusammenarbeit längst Teil des normalen Betriebsalltags geworden. Knapp 15 Mitarbeiter von Obvita arbeiten direkt in Sulgen, weitere übernehmen in St.Gallen Aufträge für das Unternehmen. Die Arbeitsplätze werden von V-Zug ausgestattet und entsprechen denselben Sicherheits- und Qualitätsstandards wie die übrige Produktion.

«Mit Obvita besteht zudem eine langjährige Partnerschaft in der Ostschweiz», sagt Christoph Schweiger, Standort- und Fabrikleiter der V-Zug Kühltechnik AG. «Diese Zusammenarbeit steht für Werte, die V-Zug lebt, und spiegelt den Anspruch, soziale Verantwortung mit einem hohen Qualitätsbewusstsein zu verbinden.»

Die Arbeitsgruppe übernimmt einen Teil der Baugruppen-Montage in der Kühlschrankproduktion. «Diese Arbeiten sind ein wichtiger Bestandteil der weiteren Produktionsschritte und wirken sich damit direkt auf die Qualität und Zuverlässigkeit unserer Geräte aus», sagt Schweiger.

Im Alltag seien die Angestellten von Obvita vollständig integriert. Gemeinsame Pausen, Mittagessen oder Firmen­events gehörten selbstverständlich dazu. «Zwischen den verschiedenen Mitarbeitern herrschen volle Akzeptanz und eine Normalität in der Partnerschaft mit der Obvita», sagt Schweiger. Die «Obvitaler» brächten mit ihren diversen Lebensgeschichten auch menschlich viel in den Alltag ein.

In Sulgen zeigt sich damit täglich, was Obvita seit 125 Jahren verfolgt: berufliche Integration nicht als separates Modell neben der Wirtschaft, sondern als gelebte Zusammenarbeit zwischen Sozialunternehmen, Industrie und Gesellschaft.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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