St.Gallen

Wirtschaftsforum Rheintal als Spiegel einer nervösen Welt

Wirtschaftsforum Rheintal als Spiegel einer nervösen Welt
Sonja Hasler, Reto Monsch, Beat Tinner, Urs Schneider
Lesezeit: 5 Minuten

Am Rheintaler Wirtschaftsforum 2026 am 16. Januar in Widnau trafen sich Politik, Wirtschaft und Experten, um über geopolitische Risiken, wirtschaftliche Resilienz und die Rolle der Schweiz in unsicheren Zeiten zu sprechen.

Text: Fabian Alexander Meyer

Das jährlich stattfindende Rheintaler Wirtschaftsforum ging 2026 bereits in die 31. Runde und war erneut ein Hotspot für Politiker, Unternehmer, Experten und Interessierte. Die Speaker waren gewohnt hochkarätig und gaben Einblick in ganz besondere Themen.

St.Gallen als Gründerkanton

Den Anfang machte Regierungspräsident Beat Tinner. Die Zeiten sind turbulent. Bereits zu Jahresbeginn wurde der Kanton St.Gallen mit der Crans-Montana-Tragödie konfrontiert. «Das hat uns als Kanton sehr getroffen.»

Das Jahr geht zudem turbulent weiter. Schon bald steht die Abstimmung rund um Wilwest ins Haus. «Diese Abstimmung hat eine besonders grosse Wichtigkeit. Sie ist ein Herzensanliegen von mir persönlich.» Zudem wurde vor wenigen Tagen auch eine neue Gründungsplattform lanciert, mit welcher Gründer ihr Unternehmen komplett digital anmelden können. «Wir wollen uns weiterhin als Gründerkanton profilieren.»

Reto Monsch, Vorsitzender der GL der Alphan Rheintal Bank, brachte Einblick in das Bankenwesen. Der Franken bleibe stark, Anlegen sei allerdings schon leichter gewesen. «Dennoch würde ich die Währung meines Geldes nicht wechseln. Zudem lohnt es sich, wenn man diversifiziert, also verschieden, anlegt.»

Den Abschluss der Begrüssungsrunde machte Urs Schneider, VRP der Galledia-Gruppe. Genau wie auch am 31. Wirtschaftsforum sei Regionalität in den Medien der Schlüssel. «Hier hat uns Google noch nichts weggenommen.»

Wirtschaft als Verteidigungslinie

Im Anschluss übernahm Bundesrat Martin Pfister. Er begann im letzten Jahr die Nachfolge von Viola Amherd und damit die Leitung des VBS. Derzeit befindet sich die Schweiz in einem epochalen Umbruch, damals losgetreten durch den Krieg in der Ukraine. «Ein Krieg kann ganz klein beginnen und dann immer grösser werden.» Derzeit werde beobachtet, dass die ganze Welt immer weiter aufrüste. «Das zeigt unseren geopolitischen Wandel.»

Das Stichwort der Stunde: Wirtschaftliche Kriegsführung. Grossmächte würden demnach vor allem mit wirtschaftlichen Mitteln Krieg führen. «Energie, Datenflüsse und Versorgungsrouten sind Teil unserer modernen Sicherheit.» Das merkte man beispielsweise in Berlin, als über mehrere Tage hinweg der Strom ausfiel. «Die Schweiz ist extrem vernetzt.» Daher wäre ein Schlag gegen die Infrastruktur fatal. «Wirtschaft ist die erste Verteidigungslinie in unserem Land.»

Der VBS-Leiter war sich der Probleme allerdings bewusst und gelobte Fortschritte. «Wir müssen die Verteidigungsfähigkeit erhöhen. Beispielsweise im Luftraum und beim Schutz von Distanzwaffen müssen wir ordentlich über die Bücher.» Die Schweiz soll gewissermassen die Ordnung im Chaos sein. «Ich setze mich mit aller Kraft für den Erfolg ein. Alles, was wir tun, tun wir mit Hoffnung auf eine bessere Schweiz.»

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Martin Pfister
Martin Pfister

China auf dem Vormarsch

Das anschliessende Referat gehörte Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor CAR-Center Automotive Research, welcher einen Überblick über die Automobilindustrie in Europa und China gab. Nach wie vor gelte in den meisten Köpfen dieser Welt die Meinung, dass Autos aus den USA oder Europa kommen. Doch die Realität zeigt ein ganz anderes Bild: Während Europa abbaut, nimmt China immer mehr Fahrt auf. Vor allem beim autonomen Betrieb.

«China ist die Heimat des Autos von morgen», erklärt der Professor. Als er gemeinsam mit einem Kollegen in Wuhan an einen Termin musste, konnten sie ein Auto per App bestellen, das die beiden Herren ohne einen Fahrer zum Termin brachte.

«In China gibt es nur eine Richtung: Nach vorne. In Europa werden unsere eigenen Autos indes immer weniger verkauft. Porsche hat zehn Prozent weniger Autos verkauft laut eigenen Aussagen.» Die Gefahr kommt laut dem Experten also nicht aus Amerika, sondern aus China – zumindest was die Automobilindustrie betrifft.

 

 
Ferdinand Dudenhöffer
Ferdinand Dudenhöffer

Wie die Welt unsere Wirtschaft beeinflusst

Bei einem Talk mit der Moderatorin kamen zwei CEOs zu Wort, um von Chancen und Risiken auf dem aktuellen Weltmarkt zu sprechen: Matthias Wolf, Geschäftsführer Kühne+Nagel AG, und Jens Breu, CEO SFS-Gruppe. Wolf sieht sich in naher Zukunft mit einer grösseren Herausforderung konfrontiert.

«In wenigen Wochen ist chinesisches Neujahr. Dann sind alle chinesischen Mitarbeiter bei den Familien daheim und die Produktionshallen sind leer.» In der Zeit vor dem chinesischen neuen Jahr sollten die Auftragsbücher eigentlich voll sein, weil man noch so viel wie möglich exportieren will. Doch die Buchungen sind noch nicht voll ausgeschöpft.

Mit den geopolitischen Veränderungen und den schwelenden Unsicherheiten insbesondere aus China und den USA muss die Logistikbranche jedoch schon lange kämpfen. Entsprechend entwickelte Wolf auch eine gewisse Resilienz. «Und trotz aller Probleme wächst die Weltwirtschaft weiter.»

In der SFS in Heerbrugg kann man sich momentan nicht beklagen. «Die damalige Ankündigung der Erhöhung der Zölle betraf uns nicht besonders, da vielleicht zwei Prozent des Umsatzes betroffen gewesen wären.» Die Zeit unmittelbar nach der Bekanntgabe habe Breu genutzt, um ein Meeting für die kommende Woche aufzugleisen.

Der Standort in Heerbrugg floriert. «Wir kennen keine Nachwuchsprobleme und anders als noch vor wenigen Jahren haben wir auch keine Probleme damit, neue Fachkräfte zu finden. Wir haben ein super Verhältnis auch zu den lokalen Behörden und Politikern und können uns glücklich schätzen.»

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Düstere Aussichten

Nach gut dreiviertelstündiger Pause ging es mit einer sogenannten Inspirationssession und einem besonders emotionalen und auch sehr düsteren Vortrag weiter.

Dieses Jahr gebührte die Inspirationssession Jon Andri Joerg, der sich mit seinem Näfelser Unternehmen Anavia international einen Namen macht. Das Unternehmen bietet unbemannte Drohnen an, die in den verschiedensten Bereichen eingesetzt werden können. Beispielsweise für die Suche nach Vermissten in einer Lawine.

Im Anschluss wurde es düster und bedrohlich, als Dr. Claudia Major, Senior Vice President for Transatlantic Security und Mitglied der Geschäftsführung, German Marshall Fund, die Bühne betrat. Sie kommentierte das aktuelle Weltgeschehen, welches mit jedem Tag düsterer zu werden scheint.

Jon Andri Joerg
Jon Andri Joerg

Probleme werden mit Gewalt gelöst

Trump spielt mit der Fantasie, Grönland zu übernehmen, nachdem er vor wenigen Wochen erst den venezolanischen Präsidenten Maduro gekidnappt hat, Putin führt weiter seinen Angriffskrieg in der Ukraine und auch im Iran werden Proteste blutig niedergeschlagen. Es scheint, dass die heutige Welt nur noch eine Sprache kennt: Krieg.

Wie also behauptet man sich als Europa in so einer Welt? Das ist einfacher gesagt als getan. Doch der Reihe nach: «Wir als Europa haben Macht. Wirtschaftlich und regulatorisch. Doch wir müssen uns mehr und mehr in einer Welt behaupten, in welcher nicht mit Worten diskutiert, sondern mit Fäusten gesprochen wird», erklärte die Expertin.

Dass man Konflikte mit Gewalt löst, ist keine Neuigkeit, aber es scheint, dass die Aggressivität in den vergangenen Jahren zugenommen hat und die Hemmschwelle gesunken ist. «Auch wenn die Schweiz und Europa Frieden will, reicht es, wenn nur schon eine andere Partei auf Gewalt aus ist und wir werden es zu spüren bekommen.» Bestes Beispiel: Der NATO-Staat Amerika, der mit Übernahmefantasien für Grönland spielt und damit die ganze NATO unter Druck setzt. Ein solches Vorhaben könnte die NATO zerstören. Das Problem von zweien wird eins für alle.

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Claudia Major
Claudia Major

Der Weg zum Frieden ist lang

Die internationalen Beziehungen verrohen mehr und mehr. Gewalt ist längst normal. Als Beispiel diente der Russland-Ukraine-Krieg. «Russland ist bereit, alles zu opfern, wirtschaftlich und menschlich.» Wie also kann man hier noch einen Frieden finden? «Einen normalen Frieden bringen wir nicht hin. Dafür müssten viel zu viele Details geklärt sein.»

Die Welt rüstet auf, die Stimmung ist angespannt. Das wirft keine guten Vorzeichen voraus. Doch was kann Europa tun, um dem entgegenzuwirken? «Wir müssen zusammenrücken und zusammenhalten.» Bestenfalls vermittelt Europa das Bild, dass ein Krieg nicht gewinnbringend wäre, weil er nur kosten würde und die Schäden zu gross wären. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Und ein Ungewisser.

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