Ostschweiz

US-Zölle: Zwei von drei Ostschweizer Unternehmen erwarten negative Folgen für den eigenen Betrieb

US-Zölle: Zwei von drei Ostschweizer Unternehmen erwarten negative Folgen für den eigenen Betrieb
US-Präsident Donald Trump hat die Schweiz mit 39 Prozent Zoll beglückt
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Seit Anfang August 2025 gelten die neuen US-Zölle. Eine IHK-Unternehmensumfrage zeigt nun erstmals die konkreten Auswirkungen auf die Ostschweizer Wirtschaft. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen berichtet bereits von negativen Effekten, zwei Drittel erwarten solche. Die Aussichten für Umsätze und Beschäftigung sind getrübt.

Text: PD/stz.

Der 1. August 2025 wird als schwarzer Tag in die Schweizer Wirtschaftsgeschichtsbücher eingehen. Die Ankündigung der US-Administration, den Grossteil der Schweizer Warenimporte mit einem Zusatzzoll von 39 Prozent zu belegen, war ein Schock für die exportorientierte Ostschweizer Wirtschaft. Das belegt nun eine IHK-Unternehmensumfrage, an der über 200 Ostschweizer Betriebe mitwirkten.

85 Prozent der befragten Unternehmen zeigten sich eher bis stark überrascht über die Höhe der US-Zusatzzölle. Dabei überwiegen nach Einschätzung der Unternehmen eindeutig die Abwärtsrisiken: Neun von zehn Befragten rechnen damit, dass sich die US-Zölle negativ auf das Schweizer Wirtschaftswachstum auswirken werden.

Unsicherheit überwiegender Belastungsfaktor

Die konkrete Betroffenheit von den US-Zöllen ist unternehmens- und branchenabhängig. Die Herausforderungen sind vielseitig. Die erhöhte Unsicherheit ist jedoch für zwei Drittel der Befragten ein Belastungsfaktor. Sie dämpft das Investitionsklima und erschwert verlässliche Preis- und Kostenkalkulationen. Rund ein Drittel der Unternehmen sieht zudem die Frankenstärke als potenzielle Herausforderung.

Tatsächlich hat der US-Dollar gegenüber dem Schweizer Franken seit Anfang Jahr um mehr als 10 Prozent abgewertet. In Kombination mit den Zöllen hat sich damit der Grossteil der Schweizer Exporte in die USA innert weniger Monate um rund 50 Prozent verteuert. Solche Preisaufschläge sind selbst für Innovationsführer und hochspezialisierte Nischenanbieter, wie sie in der Ostschweiz verbreitet sind, nur schwer durchsetzbar.

In der Folge rechnen 60 Prozent der Ostschweizer Betriebe, die direkt in die USA exportieren, mit einem Nachfragerückgang im US-Markt. Auch der erhöhte administrative Aufwand für Zollformalitäten oder rechtliche Abklärungen wird von diesen Unternehmen oft als Herausforderung genannt.

Die indirekten Effekte wiegen ebenfalls schwer: Jeweils rund ein Drittel aller befragten Ostschweizer Betriebe erwartet einen Nachfragerückgang in der Schweiz respektive einen Wettbewerbsverlust gegenüber der ausländischen Konkurrenz.

Nach wie vor kann die überwiegende Mehrheit der Unternehmen der aktuellen Situation kaum Positives abgewinnen und sieht darin keinerlei Chancen. Immerhin knapp 30 Prozent aller befragten Unternehmen erhoffen sich einen Innovationsschub durch notwendige Anpassungen. Gegenüber der IHK-Unternehmensumfrage im April 2025 hat sich dieser Wert verdoppelt. Auch der Anteil der Betriebe, die eine stärkere Diversifikation ihrer Exportmärkte als Chance sehen, nahm gegenüber dem Frühjahr zu – von damals 18 Prozent auf nun 24 Prozent.

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Empfindliche Umsatzeinbussen erwartet

Die konkreten Auswirkungen zeigen sich allmählich. Über 40 Prozent der Unternehmen berichten bereits heute von negativen Folgen für den eigenen Betrieb, zwei Drittel erwarten solche.

Für das laufende Jahr erwartet ein Viertel der Befragten aufgrund der US-Zölle und den damit verbundenen Unsicherheiten einen Umsatzrückgang von bis zu 10 Prozent gegenüber 2024. Weitere 12 Prozent rechnen mit einem spürbaren (10–20 Prozent) beziehungsweise starken Umsatzrückgang (über 20 Prozent). Bei den Unternehmen mit direkten US-Exporten fallen die erwarteten Umsatzeinbussen deutlich höher aus.

Drei Prozent aller befragten Unternehmen haben infolgedessen bereits einen Stellenabbau eingeleitet. Weitere 15 Prozent erachten einen solchen für die kommenden Monate als wahrscheinlich. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen am Personalbestand festhält (74 Prozent) oder diesen gar aufstockt (6 Prozent).

Zwei von fünf Unternehmen mit Preisanpassungen für US-Abnehmer

Aktuell befindet sich über die Hälfte der Unternehmen mit US-Exporten in einer Analysephase, in der bislang keine Sofortmassnahmen getroffen wurden. Gleichzeitig berichten über 40 Prozent von implementierten beziehungsweise möglichen Preisanpassungen für US-Kunden. Jedes sechste Unternehmen prüft gar eine (Teil-)Verlagerung der Produktion in andere Länder.

Für 13.5 Prozent der Befragten ist ein vorübergehender beziehungsweise teilweiser Lieferstopp in die USA eine genannte Massnahme. Demgegenüber ist nur für jedes zwanzigste Unternehmen eine stärkere Präsenz im US-Markt oder eine (Teil-)Verlagerung der Produktion in die USA eine valable Option. Damit überwiegen eindeutig jene Massnahmen, die den eigentlichen Zielen der US-Zollpolitik diametral entgegenstehen.

Auch von den Unternehmen ohne direkte US-Exporte hat bereits jedes sechste Massnahmen ergriffen. Dazu zählen unter anderem Produktivitätssteigerungen, die Reduktion von Abhängigkeiten von Unternehmen mit US-Exporten oder eine zurückhaltende Investitions- und Personalplanung.

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Hoffnung auf Zolleinigung

Bei der Mehrheit der Unternehmen besteht die Hoffnung auf ein Abkommen mit den USA bis Ende Jahr. 35 Prozent gehen davon aus, dass die Zusatzzölle auf ein Niveau von über 15 Prozent gesenkt werden. Ein weiteres knappes Drittel erwartet, dass die Schweiz mit den USA eine Einigung mit Zusatzzöllen in Höhe von 15 Prozent oder weniger erzielt. Dies wäre insofern bedeutend, als damit der aktuelle Wettbewerbsnachteil gegenüber der EU-Konkurrenz ausgeglichen würde.

Jedes fünfte Unternehmen rechnet auch fürs kommende Jahr mit einem Zollsatz von 39 Prozent. Ein weiteres Sechstel der Befragten traut sich keine Einschätzung zu. Damit zeigt sich deutlich: Die Unsicherheit über die weitere handelspolitische Entwicklung ist gross.

Verhandlungsweg wird unterstützt

Umso klarer drängen die Unternehmen auf eine rasche Lösung auf diplomatischem Weg. 81 Prozent von ihnen zeigen sich überzeugt, dass die Schweiz ihren eingeschlagenen Verhandlungsweg konsequent fortführen beziehungsweise forcieren soll. Gegenzölle erachtet hingegen nur ein Sechstel der Unternehmen als probates Mittel.

Gleichzeitig offenbart sich die Bedeutung von weiteren Marktzugängen für Schweizer Unternehmen. 69 Prozent fordern die Stärkung bestehender beziehungsweise den Abschluss neuer Freihandelsabkommen. Insofern sind das Freihandelsabkommen mit Indien, das per 1. Oktober 2025 in Kraft tritt, sowie die kürzlichen Verhandlungsabschlüsse mit Thailand und Malaysia Lichtblicke. Chancen ergeben sich insbesondere durch ein mögliches Abkommen mit den Mercosur-Staaten sowie durch eine Aktualisierung der Abkommen mit China und Mexiko.

Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen drängt zudem auf eine Weiterentwicklung und Sicherung des bilateralen Wegs mit der EU. Nebst der Sicherstellung von Marktzugängen rücken innenpolitische Massnahmen in den Fokus: 29 Prozent der Befragten sprechen sich für eine Verlängerung der Höchstbezugsdauer von Kurzarbeit auf 24 Monate aus. Knapp zwei Drittel fordern angesichts der handelspolitischen Herausforderungen eine Stärkung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

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Ostschweizer US-Exporte: Bedeutend und Tech-lastig

Ostschweizer Unternehmen exportierten im vergangenen Jahr Waren im Wert von knapp 2.4 Milliarden Franken in die USA, welche damit nach Deutschland zweitwichtigster Einzelzielmarkt sind. Rund die Hälfte der Ausfuhren stammt aus der Tech-Industrie, wo kaum Zollausnahmen gelten und die neuen Zusatztarife vollumfänglich greifen.

Ein bedeutender Anteil dieser Exporte stammt wiederum aus der Investitionsgüterindustrie, die in der Ostschweiz stark verankert und von den Unsicherheiten besonders betroffen ist. Weitere Informationen dazu finden sich in der Medienmitteilung des Konjunkturboards Ostschweiz vom 13. August 2025.

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