St.Gallen

«FCSG riskiert Vertrauenskrise»

«FCSG riskiert Vertrauenskrise»
Während die Mannschaft sportlich geliefert hat, sorgen Berichte über Verwaltungsratsumbau, Machtverschiebungen im Aktionariat und die mögliche Zukunft von Präsident Matthias Hüppi für Unruhe (Symboldbild KI)
Lesezeit: 7 Minuten

Kommunikationsexperte Roger Huber weiss, warum der FC St.Gallen 1879 jetzt klare Governance, geordnete Kommunikation und Respekt gegenüber Fans, Region und Kleinaktionären braucht.

Text: stz.

Roger Huber, der FC St.Gallen hat den Cup gewonnen. Warum sprechen Sie trotzdem von einem heiklen Moment?
Der FC St.Gallen hat den Cup gewonnen und steht trotzdem vor einem der heikelsten Momente der jüngeren Clubgeschichte. Nicht sportlich. Dort hat die Mannschaft geliefert. Die Krise liegt in der Führungsetage, in der Wahrnehmung und in der Frage, wem dieser Club eigentlich dient.

Der Bericht über einen möglichen Austausch von vier Verwaltungsräten, über das absehbare Ende der Ära Hüppi und über neue Machtverhältnisse im Umfeld der Aktionäre trifft den Club im empfindlichsten Moment. Kurz nach einem Cupsieg ist ein Fussballklub kein normales Unternehmen. Er ist ein Resonanzraum. Jede Geste, jedes Schweigen, jede Personalie wird emotional gelesen. Und genau deshalb wirkt der aktuelle Vorgang so gefährlich: Der Triumph der Mannschaft droht zur Bühne für Machtpolitik zu werden.

Wo liegt aus Ihrer Sicht der Kern der Krise?

Ihr Kern ist nicht, dass es im FC St.Gallen unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft gibt. Das ist legitim. Der Kern der Krise ist der Eindruck, dass der Club gerade nicht mehr aus seiner Kultur heraus geführt wird, sondern aus einem Machtzentrum heraus, das die emotionale Statik dieses Clubs unterschätzt.

Die Lage ist deshalb so heikel, weil zwei Logiken aufeinanderprallen. Die eine ist die Investorenlogik: Nach Erfolg soll noch mehr folgen, mehr Professionalisierung, mehr sportliche Ambition, mehr Einfluss, mehr Rendite in Form von Prestige. Die andere ist die Clublogik: Ein Titel im Fussball ist kein normaler Geschäftsmoment. Er gehört nicht dem Verwaltungsrat, nicht den Aktionären und nicht einzelnen Machtgruppen. Er gehört der Mannschaft, dem Staff, den Fans und der Region. Hier beginnt die Krise.

Welche Rolle spielt der Bericht über mögliche Veränderungen im Verwaltungsrat?
Der «Blick» berichtete am 26. Mai 2026 über die geplante Ablösung von vier Verwaltungsräten. Nur Patrick Thoma, einer der FCSG-Inhaber mit rund 15 Prozent, soll demnach bleiben. Gleichzeitig steht die Zukunft von Präsident Matthias Hüppi im Raum; als möglicher Nachfolger wird Stefan Kölliker genannt.

Bemerkenswert ist dabei ein Punkt: Bei Hüppis Amtsübernahme wollte man die Präsenz von Grossaktionären im Verwaltungsrat gerade verhindern, weil die Vermischung von Aktionariat und Clubführung als schädlich für einen Club galt. Es geht also nicht nur um Personalien. Es geht um eine Grundfrage: Wird der FC St.Gallen als Club geführt oder wird er zur Bühne für Eigentümerinteressen, Statuspolitik und Machtverschiebungen?

Was läuft aus Sicht der Krisenkommunikation derzeit schief?
Der Zeitpunkt ist schlecht. Nach dem Cupsieg müsste der Club die Geschichte so erzählen: Mannschaft, Region, Kontinuität, Demut, Europa, Zukunft. Stattdessen dominieren Machtkampf, Verwaltungsratsumbau, Hüppi-Zukunft und Aktionärsinteressen die Agenda. Das ist eine Einladung zur Selbstzerstörung.

Hinzu kommen unklare Rollen.
Genau: Wer vertritt den Club? Der Präsident? Der bisherige Verwaltungsrat? Die künftige Führungsgruppe? Die Grossaktionäre? Die Fans? Senden mehrere Machtzentren gleichzeitig Signale, entsteht ein unübersichtliches Bild. Nach ISO 22361 ist genau das ein Krisenproblem: In einer Krise braucht eine Organisation klare Führung, ein gemeinsames Lagebild, definierte Rollen, abgestimmte Kommunikation und die Fähigkeit, Vertrauen zu schützen.

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Kommunikationsexperte Roger Huber lebt und arbeitet in St.Gallen
Kommunikationsexperte Roger Huber lebt und arbeitet in St.Gallen

Warum ist ein Fussballclub kommunikativ so sensibel?
Weil die emotionale Lizenz oft unterschätzt wird. Ein Fussballclub ist keine normale Aktiengesellschaft mit Fanshop. Juristisch laufen Stimmrechte über Aktien. Emotional aber läuft Legitimation über Fans, Region, Geschichte und Glaubwürdigkeit.

Der FC St.Gallen ist in der Ostschweiz kein Produkt, sondern ein Identitätsanker. Wer diesen Unterschied nicht versteht, kann formal korrekt handeln und trotzdem alles falsch machen.

Welche Bedeutung hat die Aktionärsstruktur?
Die Aktionärsstruktur wird zum Krisenverstärker. Wir haben zwei Ebenen: FC St.Gallen Event AG und FC St.Gallen AG. Die Verwaltungsräte der Event AG und der FC St.Gallen AG sind identisch. Wer den Verwaltungsrat der Event AG kontrolliert, besitzt auch Einfluss auf die FC St.Gallen AG, auf Strategie, Spielbetrieb, Lizenzfragen, Transfers und Trainerentscheidungen.

Die Kleinaktionäre sind formal stark, praktisch aber schwach organisiert. Laut Medien hält die FC St.Gallen Event AG weniger als 50 Prozent der Anteile an der FC St.Gallen AG, während die Fans und die Region zusammen etwas mehr als 50 Prozent besitzen. Durch die Kapitalerhöhung 2022 kamen über 10'000 neue Aktionäre dazu. Das wirkt demokratisch. In der Praxis besitzt ein zersplitterter Streubesitz nur bei Organisation Macht. Ohne Koordination bleibt der Streubesitz politisch schwach, während ein konzentrierter Block von knapp 50 Prozent seine Interessen geschlossen vertreten kann.

Sie sprechen davon, dass Demokratie zum Fanartikel werden könnte. Was meinen Sie damit?
Genau hier liegt eine Sollbruchstelle: Der Region wurde der Club als «Stück FC St.Gallen für alle» verkauft. Bleibt diese Koordination aus, entsteht ein Legitimationsproblem. Es bleibt bei breiter Beteiligung ohne wirksame Mitbestimmung. Demokratie wird so zum Fanartikel.

Der FC St.Gallen kennt solche Wendepunkte aus der eigenen Geschichte. Nach dem Meistertitel 2000 war der Club kurz der schönste Fussballtraum der Schweiz. Ein paar Jahre später war die Aura weg. Nicht jeder Titel führt zum Absturz. Titel können jedoch Eitelkeit, überzogene Ansprüche und Machtverschiebungen auslösen, wenn Führung und Bescheidenheit fehlen. Genau davor steht der FCSG heute.

Was sagt der aktuelle Konflikt über die bisherige Führung aus?
Der Bericht über die Finalvorbereitung zeigt, dass die bisherige Führung das Gegenteil versuchte. Hüppi sagte vor dem Finale: «Alles soll normal und unaufgeregt bleiben.» In den letzten Jahren galt der Club als finanziell solide, sportlich erfolgreich und trotz Umbruch stabil. Genau deshalb ist der aktuelle Führungsstreit schädlich. Dieser Konflikt bricht mit der Logik, die den Erfolg erst ermöglicht hat: Ruhe, klare Ziele, Bodenhaftung und sportliche Kontinuität.

Wer kurz nach dem Cupsieg den Machtmodus zeigt, macht aus dem Sieg eine Bühne für Führungsfragen. Das wirkt nicht nur unsensibel. Es ist strategisch unklug.

Was müsste der FC St.Gallen jetzt kommunikativ tun?

Nach ISO 22361 ist Krisenmanagement keine Frage der Lautstärke, sondern der Ordnung: klares Lagebild, klare Rollen, klare Entscheidungswege, abgestimmte Kommunikation und Schutz von Vertrauen. Genau daran muss sich der FCSG jetzt messen lassen.

Der Club braucht sofort eine Krisenarchitektur, nicht weitere Einzelstatements. Die operative Führung, der amtierende Präsident, ein unbelastetes Verwaltungsratsmitglied, die Kommunikationsleitung und eine Fan- beziehungsweise Stakeholder-Schnittstelle müssten ein gemeinsames Lagebild erstellen: Welche Fragen stehen im Raum? Welche Aussagen sind belegt? Welche Gerüchte kursieren? Welche Stakeholder sind verunsichert? Welche Entscheidungen stehen wann an?

Welche drei Botschaften wären jetzt zentral?
Erstens: Der sportliche Bereich ist geschützt. Trainer, Sportchef, Mannschaft und Staff dürfen nicht in einen Governance-Konflikt hineingezogen werden.

Zweitens: Der Club respektiert die Sorgen der Fans und Publikumsaktionäre. Wer Tausende Menschen als Kleinaktionäre mobilisiert hat, darf sie jetzt nicht wie Dekoration behandeln.

Drittens: Die künftige Führung des FCSG wird nicht nach Geldnähe, Lautstärke oder Status organisiert, sondern nach Kompetenz, Integrität und Clubverständnis.

Wie geht es nun weiter?
Der FC St.Gallen steht an einer Wegscheide. Der Cupsieg kann der Beginn einer neuen, reifen Phase sein: sportlich ambitioniert, finanziell solide, regional verankert, kommunikativ geordnet. Oder er wird zum Startpunkt einer alten Fussballgeschichte: Erfolg, Eitelkeit, Machtkampf, Vertrauensverlust.

Fussballclubs stürzen selten wegen einer einzelnen falschen Entscheidung ab. Sie stürzen ab, wenn Geld, Ego und Macht schneller wachsen als Governance, Demut und Clubkultur. Noch ist nichts entschieden. Aber eines ist gewiss: Wer den FCSG führen will, muss mehr können, als Aktien halten, Netzwerke pflegen oder Ambitionen formulieren. Er muss verstehen, dass dieser Club nicht ihm gehört, auch dann nicht, wenn er juristisch mitbestimmen kann.

Der FC St.Gallen gehört seiner Geschichte, seiner Mannschaft, seinen Fans, seiner Region und seiner Zukunft. Der Verwaltungsrat darf ihn führen. Besitzen sollte ihn niemand im Kopf.

Gibt es Beispiele, die dem FC St.Gallen als Warnung dienen können?

Ja, es gibt mehrere Beispiele, bei denen Geld, Macht und Ego Clubs beschädigt haben. Neuchâtel Xamax ist das Schweizer Lehrstück für Kontrollverlust durch Investorengläubigkeit. Unter Bulat Tschagajew wurde aus einem Traditionsclub ein Symbol für Grössenwahn, Intransparenz und institutionelles Versagen. Der Fall zeigt: Wenn ein Club seine Identität an einen starken Mann auslagert, verliert er zuerst seine Unabhängigkeit und danach oft seine Zukunft.

Was zeigt der Fall Servette?
Servette ist ein Beispiel dafür, dass grosse Geschichte keine Governance ersetzt. Der Club geriet wiederholt in finanzielle und strukturelle Probleme. Servette wird auch im Zusammenhang mit früheren ausländischen Geldgebern wie Marc Roger und Majid Pishyar als warnendes Beispiel genannt. Die Lehre lautet: Wer Traditionsclubs wie private Spielzeuge behandelt, unterschätzt ihre Verwundbarkeit.

Welche Lehre lässt sich aus dem FC Wil ziehen?
Der FC Wil ist besonders nah am Ostschweizer Erfahrungshorizont. Die NZZ beschrieb 2025 rückblickend, wie der türkische Milliardär Mehmet Nazif Günal rund eine Million Franken pro Monat in den Club pumpte. Aus der Erzählung «Champions League statt Challenge League» wurde ein Lehrstück darüber, wie schnell Geld, Exotik, Grössenfantasien und lokale Strukturen kollidieren können. Für St.Gallen ist Wil die Warnung vor der Idee, dass Geld allein Professionalität schafft.

Was zeigt der Grasshopper Club Zürich?
GC zeigt, wie schwer es ist, wenn ein Traditionsclub von Eigentümern geführt wird, die den lokalen Fussballmarkt und die Clubkultur unterschätzen. In Medien wird die NZZ mit der Einschätzung aufgeführt, die Besitzer aus Los Angeles hätten den Schweizer Fussball falsch eingeschätzt. Die Lehre lautet: Kapital kann Strukturen kaufen, aber keine Verwurzelung.

Und der FC Basel?
Beim FC Basel zeigte der Konflikt um Bernhard Burgener und David Degen, wie schnell ein sportlicher Branchenführer zum Aktionärs- und Machtkampfthema werden kann. Der kommunikative Schaden entsteht nicht nur durch den Konflikt selbst, sondern durch das Gefühl, dass der Club zur Verhandlungsmasse von Machtgruppen wird.

Wie beurteilen Sie das Modell FC Sion?
Christian Constantin steht für das Modell des hyperpersonalisierten Clubs. Der Vorteil ist klare Macht. Der Nachteil ist die permanente Abhängigkeit von einer Person. Solche Modelle erzeugen Aufmerksamkeit, aber selten institutionelle Ruhe. Für den FC St.Gallen wäre das wohl der falsche Weg. Der FCSG lebt gerade nicht von Personenkult, sondern von regionaler Breite.

Gibt es auch internationale Beispiele?
Valencia wurde über Jahre zum Beispiel dafür, wie ein Traditionsclub unter Eigentümerinteressen und Fanentfremdung leidet. Leeds United zeigte Anfang der 2000er-Jahre, wie sportlicher Erfolg, Finanzwette und Ambition in einen Absturz führen können. Everton steht für die moderne Variante: hohe Ausgaben, Stadionprojekt, Eigentümerfragen, sportlicher Druck und Vertrauensverlust.

Nicht jeder Fall ist eins zu eins vergleichbar. Aber alle zeigen dasselbe Muster: Wenn Clubidentität, Governance und finanzielle Ambition auseinanderfallen, wird aus Aufbruch schnell Zerreissprobe.

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